23.02.2007 · Die SPD-Landesvorsitzende Andrea Ypsilanti hat die „überkommene Familienideologie“ der CDU kritisiert. „Wo keine Gleichstellung herrscht, kommen weniger Kinder zur Welt“, sagte die Spitzenkandidatin zur Landtagswahl 2008.
Von Ralf EulerDie SPD-Landesvorsitzende Andrea Ypsilanti hat die „überkommene Familienideologie“ von weiten Teilen der CDU kritisiert. Dahinter stecke eine Vorstellung, die wider besseres Wissen davon ausgehe, dass ein Kind am besten in der Rundum-Versorgung durch die eigene Mutter aufwachse, allenfalls ergänzt durch einen Halbtags-Kindergartenplatz. Die Union, so Ypsilanti im Gespräch mit der F.A.Z., „läuft bei der Modernisierung ihres Frauen- und Familienbildes weiterhin bei Rita Süssmuth im 20. Jahrhundert los und kommt bei Eva Herman im 19. Jahrhundert an“.
Frauenpolitik, meint Ypsilanti, sei aber nicht zuletzt Gleichstellungspolitik, denn der Grad der Gleichstellung der Geschlechter sei ausschlaggebend für die Verwirklichung von Kinderwünschen – und für glückliche Familien. „Wo keine Gleichstellung herrscht, kommen weniger Kinder zur Welt.“ Erst wenn Gleichberechtigung Realität sei, werde es für viele Frauen leichter, sich auf das Wagnis Familie einzulassen. Das mache sich schon an so banalen Dingen wie der Unterstützung im Haushalt fest.
Traditionelles Familienbild in Deutschland
So habe eine amerikanische Studie gezeigt, dass Frauen häufiger ein zweites Kind bekämen, wenn der Mann im Haushalt helfe. Bleibe die ganze Arbeit an der Frau hängen, verzichte sie auf das zweite Kind. Das Ziel der skandinavischen Wohlfahrtsstaaten sei die emanzipierte Gesellschaft und nicht die Steigerung der Zahl der Geburten gewesen, sagt die sozialdemokratische Spitzenkandidatin zur Landtagswahl 2008. Ein Ergebnis dieser Politik sei aber auch eine hohe Geburtenrate. Deutschland hingegen hinke bei der Gleichberechtigung der Frauen hinterher. Immer noch sei das traditionelle Familienbild der Einverdiener-Ehe die Grundlage für das Rechts-, Steuer- und Sozialsystem. Das Ehegattensplitting stehe dafür beispielhaft.
Das Thema Familie, beklagt Ypsilanti, sei nicht zuletzt wegen des demographischen Wandels ins Zentrum politischer Debatten gerückt. Der zunehmende Altersdurchschnitt der Bevölkerung werde von vielen Interessengruppen dafür genutzt, um „apokalyptische Zukunftsszenarien“ vom Aussterben der Deutschen, der Überalterung der Gesellschaft und der Krise des Sozialstaats zu entwerfen. Eine emanzipatorische und an den tatsächlichen Bedürfnissen von Männern, Frauen und Kindern orientierte Familien-, Sozial-, Jugend- und Bildungspolitik sei aus solchen Schreckensvisionen aber nicht abzuleiten.
„Überlange Arbeitszeiten sind familienfeindlich“
Bei der Diskussion über die Vereinbarkeit von Familie und Beruf stehe die Forderung nach dem Ausbau der Kinderbetreuung im Vordergrund. Gleichberechtigt sei aber eine Diskussion über die Veränderung der Erwerbsarbeit erforderlich. Mit einer Frauenerwerbsquote von rund 60 Prozent liege Deutschland beispielsweise deutlich hinter Dänemark, Schweden oder Norwegen mit jeweils etwa 70 Prozent. Überlange Arbeitszeiten und Löhne, die zur Annahme mehrerer Jobs gleichzeitig zwängen, seien unsozial und extrem familienfeindlich.
Dass in einem reichen Land wie Deutschland über Armut gesprochen werden müsse, wenn es um Familien gehe, will die SPD-Landeschefin nicht hinnehmen. „War früher Alter das Armutsrisiko Nummer eins – vor allem für Frauen –, so sind es heute Kinder – auch wieder überwiegend für Frauen.“ Ypsilanti fordert daher statt einer Deregulierung des Arbeitsmarktes eine neue Diskussion über Arbeitszeitverkürzungen und plädiert für einen Mindestlohn, der auch Paaren, die mit niedrigen Einkommen auskommen müssten, eine Chance gebe, sich für Kinder zu entscheiden. Teilzeitarbeit müsse auch für Führungskräfte möglich sein, Arbeitgeber müssten Eltern die zeitliche und räumliche Flexibilität bieten, die sie für die Kindererziehung brauchten.
Zudem seien dem Ausbau und der Fortentwicklung vorschulischer Betreuung in Qualität, Quantität und Flexibilität Vorrang in der Politik einzuräumen. Die Bedeutung der frühkindlichen Bildung als Grundlage für Chancengleichheit werde im Entwurf für ein neues Grundsatzprogramm der SPD hervorgehoben. Ypsilanti hält es daher nur für konsequent, Ganztagsbetreuung von Anfang an zu fordern, die dann ebenso konsequent gebührenfrei sein müsse. Der Ausbau der Schulen zu Ganztagsschulen sei nicht nur eine Anpassung an europäische Standards und ein Beitrag zur Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Er müsse einhergehen mit dem Anspruch, Schule zu einem Ort zu machen, wo Kinder lange gemeinsam lernten und wo ihnen so lange wie möglich, „alle Türen zu verschiedenen Schulabschlüssen und Berufsentscheidungen offengehalten werden“.