08.04.2010 · Mit Muskelkraft und Tempo 20: Ein Verein bietet Fahrten mit Draisinen zwischen Diez und Aarbergen an. Und freut sich, dass 2015 Züge auf die alte Aartal-Strecke gehen.
Von Oliver Bock, AarbergenDie Beschleunigung verlangt ein gehöriges Maß an Muskelkraft, aber wenn die Draisine erst einmal rollt, ist die Fahrt ein Vergnügen. Ein Vergnügen, das im vergangenen Jahr mehr als 4500 Personen genossen haben. Rund 4000 Kilometer haben die sechs Draisinen im Jahr 2009 auf der knapp 20 Kilometer langen Strecke zwischen Diez und Aarbergen zurückgelegt. Der Verein „Arbeitskreis Aartalbahn“ hofft, dass es bald noch mehr werden, denn die Passagiere finanzieren die Arbeit des Vereins, in deren Mittelpunkt der Erhalt und die Reaktivierung der Aartalstrecke stehen.
Vor acht Jahren fanden sich Eisenbahnfreunde wie Werner Nickel und Volker Baumgart zusammen, um die eingleisige Strecke wieder aus dem Dornröschenschlaf zu reißen. In mühsamer Arbeit haben viele freiwillige Helfer die stellenweise völlig zugewucherten Gleise zwischen Aarbergen und Diez freigeschnitten und in einen befahrbaren Zustand versetzt. Seither lässt der Verein auf diesem Abschnitt regelmäßig Draisinen fahren und vermietet sie auch, an andere Vereine, Verbände und Gruppen für gesellige Veranstaltungen.
Exemplare aus dem Jahr 1922
Sechs der fast 400 Kilogramm schweren Draisinen hat der Verein derzeit in einem Lokschuppen in Oberneisen geparkt, darunter historische Exemplare aus dem Jahr 1922 und Neubauten aus dem Jahr 2006. Sie gehören nicht dem Verein, sondern sind der Deutschen Draisinen-Sammlung der Eisenbahnfreude Wetterau in Bad Nauheim entliehen. Die ausschließlich aus Holz und Stahl gefertigten Fahrzeuge, deren Erfindung im 19. Jahrhundert auf Forstmeister Freiherr Karl-Friedrich Drais von Sauerbronn zurückgeht, werden über Handhebel, Zahnrad und Ritzel angetrieben und lassen sich etwa bis auf Tempo 30 beschleunigen. Im Aartal allerdings sind sie laut Betriebserlaubnis auf eine Geschwindigkeit von 20 Stundenkilometern und auf zehn Passagiere begrenzt. Mit einem Gabelstapler setzt der Verein die Draisinen auf die Gleise, dann kann es nach kurzer Instruktion auch ohne große Vorkenntnisse losgehen. Fachkundige Begleiter des Vereins sind immer dabei. Auf Wunsch wird ein Rahmenprogramm mit Besichtigungen und Einkehr organisiert.
Dass der gut 50 Mitglieder zählende Verein die rund 4000 Euro teuren Draisinen nicht gekauft, sondern nur gemietet hat, liegt auch daran, dass der größte Wunsch des Vereins sich bald erfüllt: die Wiederbelebung der Aartalstrecke für den geregelten Personenverkehr zumindest in den rheinland-pfälzischen Abschnitten. Vermutlich wird die Strecke nur noch bis 2012 zwischen Ostern und Oktober frei für den Draisinenverkehr sein, dann beginnen die Trassensanierung und die Vorbereitung auf den Verkehr mit modernen Dieseltriebwagen.
Ambitioniertes Verkehrsprojekt
Der Zweckverband Schienenpersonennahverkehr Rheinland-Pfalz-Nord hat schon vor einiger Zeit entschieden, die Aartalbahn zwischen Limburg und Zollhaus Ende 2014 wieder im Stundentakt mit Nahverkehrszügen zu bedienen. Dabei soll die Strecke in das ambitionierte Verkehrsprojekt „Rheinland-Pfalz-Takt 2015“ integriert werden. Die geplante Fahrzeit zwischen Zollhaus und Limburg wird 20 Minuten betragen. Eine Fahrt dauert damit gerade einmal halb so lang wie mit dem Bus. Unterwegs werden die Haltepunkte Hahnstätten-Mitte, Oberneisen, Niederneisen, Flacht, Holzheim, Freiendiez und Diez angefahren. Die Reaktivierung der Strecke ist möglich, weil der für Rheinland-Pfalz ermittelte Nutzen-Kosten-Faktor belegt, dass die zusätzlichen Kosten deutlich niedriger liegen als der damit erreichte volkswirtschaftliche Gesamtnutzen.
Umso enttäuschter sind Nickel und seine Mitstreiter vom Ergebnis eines vergleichbaren Gutachtens für den hessischen Teil der Strecke zwischen Aarbergen und Wiesbaden, der diesen volkwirtschaftlichen Nutzen erst kürzlich nicht belegt hatte. Nickel wirft der hessischen Politik vor, den Gutachtern „falsche“ Rahmenbedingungen vorgegeben zu haben. Die Hoffnung aber gibt er nicht auf. Wenn erst wieder „richtige“ Züge auf dem rheinland-pfälzischen Teil der Strecke rollen, sollen die Draisinen auf den hessischen Teil ausweichen und dort auch Werbeträger für eine Reaktivierung dieses Abschnitts sein. In jedem Fall wollen die Vereinsmitglieder vorerst ihr Engagement zum Erhalt und Pflege der Strecke fortsetzen. Bis endlich wieder regelmäßige und moderne Züge den Besuchern und Pendlern ein zeitgemäßes Angebot für den Öffentlichen Personennahverkehr unterbreiten.