09.03.2010 · So etwas wie im November wollen sie in Wiesbaden nicht noch einmal erleben. Seinerzeit war bei Erdwärme-Bohrungen eine Wasserblase getroffen worden - stundenlang schossen Fontänen aus dem Boden. Nun soll wieder gesucht werden - aber mit Schallwellen.
Von Ewald Hetrodt, Wiesbaden„Die Methode arbeitet mit Schallwellen und kommt ohne Bohrungen aus“, heißt es in einem Bericht, den das Umweltamt für die Stadtverordnetenversammlung erstellt hat. Die Anmerkung hat gerade in Wiesbaden ihre Berechtigung. Denn im November hielt eine meterhohe Fontäne die Stadt der Quellen ein ganzes Wochenende lang in Atem.
Die Wassermassen waren aus dem Erdreich hochgeschossen, als Probebohrungen in einer Tiefe von 130 Metern einen unterirdischen Speicher trafen. In diesem Fall ging es um das Aufsuchen von „oberflächennaher“ Erdwärme. Dass sie streng zu trennen ist von der Tiefengeothermie, sprach sich nach dem spektakulären Ereignis herum.
Darum sind in Wiesbaden auch keine warnenden Stimmen zu vernehmen, wenn der städtische Energieversorger Eswe und das Umweltamt jetzt die geologischen Strukturen in einer Tiefe zwischen einem und höchstens fünf Kilometern genauer untersuchen lassen.
Keine warnenden Stimmen
Wiesbaden habe sich vorgenommen, den Anteil an erneuerbaren Energien bis zum Jahr 2020 auf 20 Prozent des Energieverbrauchs zu erhöhen, stellt die Umweltdezernentin Rita Thies (Grüne) heraus. Ob ein geothermisches Kraftwerk dazu einen Betrag leisten kann und sich zudem noch wirtschaftlich betreiben lässt, muss sich erst erweisen.
Weil es unter dem Rhein-Main-Gebiet heißer ist als andernorts, wird die Option nicht nur in Wiesbaden ernsthaft geprüft, sondern, wie berichtet, auch im Raum Groß-Gerau und im Main-Taunus-Kreis. In den drei vom Regierungspräsidium genehmigten Erlaubnisfeldern führt das Essener Unternehmen DMT seismische Untersuchungen durch. In Groß-Gerau haben sie schon begonnen, Wiesbaden ist in der dritten Märzwoche an der Reihe. Bei der Auswertung der Daten wollen die Kommunen und ihre Versorger kooperieren, ansonsten arbeitet jeder in seinem „Claim“ auf eigene Rechnung – in der Hoffnung, dort eines Tages mit einem eigenen Kraftwerk gutes Geld zu verdienen. Die Eswe Versorgungs AG hatte vor einem Jahr ein externes Büro beauftragt, alle Informationen über das Erdreich in dem 265.000 Quadratkilometer großen Erlaubnisfeld Wiesbaden mitsamt der Temperaturdaten zusammenzutragen und auszuwerten.
Dabei stellte sich nach Thies’ Angaben heraus, dass die Voraussetzungen im östlichen Teil des Areals günstig seien. Hier werden die seismischen Untersuchungen am 15. März beginnen. Spezialfahrzeuge fahren auf vier Routen: von Delkenheim nach Heßloch, von Kostheim nach Sonnenberg, von der Mainzer Straße nach Beckenheim, von Kastel an der Domäne Mechthildshausen vorbei nach Wallau.
250.000 Euro an Zuschüssen
Auf ihrer langsamen Fahrt senden die Messfahrzeuge Schallwellen in den Untergrund, die an den Grenzen der unterschiedlichen Gesteinsschichten reflektiert werden. An der Oberfläche ausgelegte Geophone fangen das Echo auf. Mit diesen Daten ermitteln Geologen die Strukturen der Gesteinsschichten.
Die Untersuchungen sollen rund 800.000 Euro kosten. 250.000 Euro stammen aus dem Klimaschutz- und Innovationsfonds der Eswe. Die verbleibenden 550.000 Euro müssen das Unternehmen und die Stadt gemeinsam tragen.
Wie Thies erläutert, sind die Wiesbadener gegenwärtig nur an der hydrothermalen Nutzung der Energie interessiert. Dabei wird das kochendheiße Grundwasser aus der Tiefe hochgepumpt und nach dem Entzug der Wärme wieder zurückgeführt. Die Frage, ob es tatsächlich so weit kommt, scheint gegenwärtig völlig offen zu sein. Sebastian Krämer, Projektleiter der Eswe Versorgungs AG, rechnet damit, dass die anstehenden Untersuchungen bis zu zwei Wochen dauern. Die Auswertung der gewonnenen Daten werde mindestens drei Monate in Anspruch nehmen. Bei positiven Analysen würden Probebohrungen folgen, sagt Krämer. Aber sie lägen ebenso wie der möglich Bau eines Kraftwerks in jedem Fall noch „in weiter Ferne“.