Home
http://www.faz.net/-gzl-x4yf
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Energiepolitik Windkraftbetreiber verzichten auf zwei Räder

22.04.2008 ·  Seit sieben Jahren streiten die Gemeinde Hohenstein im Rheingau-Taunus-Kreis und ein Mainzer Unternehmen um den Bau eines Windparks. Jetzt haben sich die beiden auf einen Kompromiß geeinigt.

Von Oliver Bock
Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (0)

Die seit sieben Jahren erbittert geführte Auseinandersetzung zwischen der Gemeinde Hohenstein und der Mainzer Juwi GmbH um den Bau von vier Windrädern an der Eisenstraße zwischen Breithardt und Strinz ist überraschend mit einem Kompromiss beigelegt worden. Juwi wird sich demnach mit zwei Windkraftanlagen begnügen und die Gemeinde zu einer „Modellregion“ bei der Erzeugung erneuerbarer Energien entwickeln.

Die Gemeinde akzeptiert im Gegenzug zwei Windräder an exponierter Stelle und wird den juristischen Kampf gegen Juwi abbrechen. Der Berufungsantrag beim Hessischen Verwaltungsgerichtshof wird zurückgezogen, bestätigte Bürgermeister Hans-Jürgen Finkler (SPD) auf Nachfrage. Vom Tisch ist damit auch der mögliche Standort „Römersberg“, der zuletzt in der Nachbarstadt Taunusstein für Aufregung und Ablehnung gesorgt hatte.

Überraschende Einigung

Das überraschende Ende dieses langwierigen Konflikts, der weit über die Gemeindegrenzen hinaus für Aufmerksamkeit gesorgt hat, wurde gestern früh in einer gemeinsamen Pressemitteilung verkündet. Darin ist von einem „für beide Seiten tragbaren Kompromiss“ die Rede, an dessen Formulierung auch die örtliche Bürgerinitiative gegen die Windräder als Diskussionspartner beteiligt gewesen sei.

Der Kompromiss sieht nun die „ungestörte“ Errichtung von zwei Windrädern durch Juwi sowie einen Ausbau weiterer erneuerbarer Energien in der Gemeinde vor. Im Gegenzug verzichtet die Juwi-Gruppe auf den Bau von zwei der vier geplanten Windräder, obwohl für diese ebenfalls eine rechtskräftige Baugenehmigung vorliegt und deren Errichtung technisch schon vorbereitet war. Diese beiden Baugenehmigungen sollen nun dem Regierungspräsidium zurückgegeben werden.

Aktionsplan für Hohenstein

Juwi-Vorstand Matthias Willenbacher und Bürgermeister Hans-Jürgen Finkler (SPD) kündigen ferner an, über die vereinbarte Nutzung der Windenergie hinaus das örtliche Potential erneuerbarer Energien zu analysieren und so weit wie möglich zu nutzen. Die Juwi-Gruppe werde dazu mit Partnern aus Wissenschaft und Lehre eine Analyse erstellen lassen.

Diese Studie solle die Einsatzmöglichkeiten für Wasserkraft- sowie für Sonnen- und Bioenergieanlagen zur Strom- und Wärmeerzeugung ermitteln. Auf dieser Grundlage soll ein Aktionsplan erstellt werden. Ziel sei es, die Gemeinde zu einer Modellregion zu entwickeln.

„Strombedarf zu 100 Prozent gedeckt“

„Wir sind uns sicher, dass die Gemeinde Hohenstein schon innerhalb der nächsten fünf Jahre ihren Strombedarf zu 100 Prozent aus erneuerbaren Energiequellen decken könnte“, meint Juwi-Vorstand Willenbacher.

Ferner gebe es zahlreiche Möglichkeiten, mit regenerativen Energieträgern aus der Region umweltfreundlich zu heizen. Damit lasse sich zum Nutzen der Bürger der Anstieg der Energiepreise bremsen und die regionale Wertschöpfung steigern, hofft Bürgermeister Finkler.

Verbissener Widerstand

Die Windkraftpläne von Juwi für Hohenstein auf Basis des damals gültigen Regionalen Raumordnungsplans reichen bis ins Jahr 2001 zurück. Gegen den Widerstand der Gemeinde erhielt Juwi eine rechtskräftige Baugenehmigung. Gleichwohl setzte Hohenstein den Kampf mit zäher Verbissenheit und juristischen Finessen fort. Dabei war sich Bürgermeister Finkler der Unterstützung der Bürger sicher.

Zuletzt hatte es sogar Blockaden an der Baustelle gegeben. Juristisch allerdings war die Position der Gemeinde zuletzt immer schwächer geworden. Hohenstein hatte gehofft, je länger der Kampf dauere, desto eher werde Juwi das Interesse verlieren oder wegen der Unwägbarkeit des Ausgangs der gerichtlichen Auseinandersetzungen keine Investoren finden. Am Ende musste Hohenstein akzeptieren, dass es wohl doch unterliegen würde.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Perspektivlosigkeit ist Gift

Von Rainer Schulze

Die Zukunft der Wohnungsbaugesellschaft Nassauische Heimstätte ist unklar. Das Land will sich von der Beteiligung trennen - Frankfurt hat die Hand gehoben. Eine Entscheidung tut not. Mehr