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Mittwoch, 19. Juni 2013
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Energiepark Hightech statt Müll

 ·  Die Deponie in Flörsheim und Hochheim hat sich zu einer europaweit wohl einzigartigen Einrichtung für Abfallumwandlung entwickelt. Auch Sauerkirschen wachsen hier.

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In den siebziger Jahren überklebten Demonstranten die Ortsschilder Hochheims mit den Worten „Müllstadt“, in den Straßen formierte sich der Widerstand der Bürger von Massenheim und Wicker, die vor Gericht – letztlich erfolglos – gegen den Planfeststellungsbeschluss für die Mülldeponie vorgingen. Noch vor zehn Jahren stank es manchmal zum Himmel: 1600 Kilogramm Kohlendioxid und 860 Kilogramm Methangas je Stunde bliesen die Schornsteine in Wicker in die Luft.

Bis zum modernen Hightech-Unternehmen, das nach den Worten des Aufsichtsratsvorsitzenden der Rhein-Main-Deponie (RMD), Hans-Jürgen Hielscher (FDP), „Ökologie und Ökonomie in einzigartiger Weise verbindet“, war es ein langer Weg. Doch heute spricht Gerd Mehler, Geschäftsführer von RMD und Main-Taunus-Recycling (MTR) von einem „Gesamtkunstwerk“.

Wie sich Dreck in klingende Münze verwandeln lässt

Denn zu dem 380 Hektar großen Areal zählen nicht nur große landwirtschaftliche Flächen, zwei Fischweiher, ein Reiterhof und 1500 Sauerkirschbäume, aus deren Früchten Biofruchtsaft gepresst wird. Auf den 83 Hektar großen reinen Deponieflächen sind unterdessen zwölf Unternehmen angesiedelt. Ebenso gehören die einst so belastenden Emissionen längst der Vergangenheit an. Und biologische Prozesse erlauben die Verbesserung des Grundwassers mit einer Zuspeisung von 50 Millionen Litern Wasser im Jahr. Dazu trugen Innovationen bei wie das Biomassewerk für Holzabfälle oder das Agrogaskraftwerk in Brandholz, in dem aus Mais Energie gewonnen wird.

Mit einem Investitionsvolumen von rund 120 Millionen Euro steht in Wicker am Rande der Deponie, auf der seit Mai 2005 kein Müll mehr in den Boden wandert, heute Europas wohl vielfältigster und modernster Energie- und Recyclingpark. Dieser resultiert aus einem Zusammenschluss zwischen RMD, MTR und privaten Partnerunternehmen. Es entstanden Anlagen zur Schlacke-, Bauschutt- und Altholzaufbereitung. Gebäude mit Maschinen zur Gewinnung von Ersatzbrennstoffen wurden errichtet. Auf den begrünten modellierten Müllbergen thront eine Photovoltaikanlage mit 7370 Modulen auf einer Fläche von 18.000 Quadratmetern, die 445 Kilowatt Strom für insgesamt 120 Haushalte erzeugt. Dafür gab es 2005 den Deutschen Solarpreis.

In den Hallen mit den langen Förderbändern, die wie durch Geisterhand nur noch per Computer gesteuert werden, sind nur wenige der insgesamt 250 Mitarbeiter zu finden, die täglich unter Beweis stellen, wie sich Dreck in klingende Münze verwandeln lässt. Das geschieht manchmal unsichtbar wie durch Zauberhand: So tastet ein Computer über Infrarotfühler im Bruchteil einer Sekunde brauchbare Reststoffe ab, unterzieht sie einer Spektralanalyse und schleudert diese per kräftigem Luftsog in den passenden Container zur Weiterverarbeitung. Was am Ende nach aufwändigen Prozessen als ein großer, dunkler Haufen auf den Abtransport wartet, dient nun als Brennstoff für die Zementproduktion bei Buderus in Wetzlar.

Biogaskraftwerk in Wicker soll 2008 Betrieb aufnehmen

Vier Millionen Euro ließ sich die MTR das Superhirn kosten. Doch die Investitionen zahlen sich längst aus: Der gesamte Main-Taunus-Kreis könnte Mehler zufolge mit Strom aus Wicker versorgt werden. Die Abnahme für eine Einspeisung im Wert von 12,5 Millionen Euro im Jahr sei der RMD garantiert. „Es brummt in Wicker“, sagt auch Erster Kreisbeigeordneter Hielscher. Ohne die profitablen Gesellschaften RMD und MTR würde es wohl weder die kräftigen Zuschüsse für die Gesellschaft zur Rekultivierung der Kiesgrubenlandschaft noch die vielen Projekte im Regionalpark geben, weiß der Aufsichtsratsvorsitzende. Die Idee, sich einen privaten Ableger zu schaffen, funktioniere im Main-Taunus-Kreis hervorragend.

In Gegensatz zu Frankfurt: Die dortige Müllverbrennungsanlage, die schon 2004 stehen sollte, wird voraussichtlich erst 2009 in Betrieb gehen. Dort redeten zu viele Parteien mit, befürchtet Mehler und kritisiert, dass man in Wicker die Frankfurter Schwierigkeiten aber mit ausbaden müsse. Statt vereinbarter 300 Tonnen lieferten die Frankfurter derzeit 7500 Tonnen Hausmüll an. Dies seien wöchentlich 300 Sattelzüge, die verschoben werden müssten und ungeheure Ansprüche an die Logistik stellten.

Bei aller Sciencefiction befinde sich die Deponie juristisch gesehen in der Stilllegungsphase, sagt Hielscher. Bis 2015 sei die Modellierung der Landschaft abgeschlossen. Technisch gesehen aber bewertet Mehler die einstige Müllkippe heute als ein Bauwerk, das lange noch nicht am Ende seiner Entwicklung sei. Freilich werde in Wicker seit Mai 2005 kein Hausmüll mehr abgelagert, aber schließlich erstrecke sich die Nachsorge bis mindestens 2045. Und mit dem 18,5 Millionen teuren Biogaskraftwerk, das 2008 seinen Betrieb aufnehmen soll, steht der nächste Innovationssprung schon bevor – dann verwandeln sich alle Bioabfälle in Strom und Kompost.

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Jahrgang 1960, Korrespondentin der Rhein-Main-Zeitung für den Main-Taunus-Kreis.

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