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HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Energie Stromversorgung ohne Atom, Gas und Kohle

17.01.2007 ·  Die hessischen Grünen wollen die Stromversorgung der Landes bis zum Jahr 2028 komplett auf erneuerbare Energien umstellen. Ein Mammutprojekt, denn bislang werden nur rund vier Prozent des Stroms mit Hilfe regenerativer Energien erzeugt.

Von Ralf Euler
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Nach Einschätzung der Grünen im Landtag könnte die gesamte hessische Stromversorgung bis zum Jahr 2028 mit erneuerbaren Energien sichergestellt werden. Durch eine Mischung aus Stromsparen, effizienterer Energienutzung und der konsequenten Förderung regenerativer Energien sei der Verzicht auf Atom, Kohle und Gas erreichbar, sagte der Fraktionsvorsitzende Tarek Al-Wazir in Wiesbaden.

Die beiden Blöcke A und B des Atomkraftwerks Biblis wollen die Grünen wie vorgesehen im nächsten Jahr beziehungsweise 2012 abschalten. Als Konsequenz sei allerdings für einen Übergangszeitraum eine Zunahme des Imports von Strom in Kauf zu nehmen, der aus fossilen Brennstoffen erzeugt werde. Der Kraftwerkstandort Biblis solle zu einem Kompetenzzentrum für den Rückbau von Atomanlagen umfunktioniert werden.

Fördergelder aufstocken

Das von der Landtagsfraktion unter Federführung ihres Referenten Klaus Dapp in zweijähriger Arbeit erstellte Konzept „Zukunftsenergie für Hessen“ (www.gruene-fraktion-hessen.de) sieht für das Jahr 2028 bei der Stromversorgung einen Anteil von 36 Prozent Windkraft, rund 25 Prozent Sonnenenergie, knapp zehn Prozent Biomasse (vor allem Biogas) sowie einen um 28 Prozent verringerten Verbrauch vor. Den Rest sollen Erdwärmeprojekte und Wasserkraftwerke beisteuern.

Bisher werden von den rund 35 Millionen Megawattstunden Strom, die in Hessen jährlich genutzt werden, 45 Prozent im Atomkraftwerk Biblis produziert. Etwa 27 Prozent werden aus konventionellen Energieträgern wie Kohle und Gas gewonnen und rund 25 Prozent – ebenfalls erzeugt aus Kernkraft oder fossilen Brennstoffen – werden importiert. Nur knapp vier Prozent des Stromverbrauchs in Hessen werden nach Angaben der Grünen mit Hilfe regenerativer Energien erzeugt; in der Bundesrepublik liege der Anteil bei 11,6 Prozent.

Um die geplante Reduzierung des Stromverbrauchs um knapp ein Drittel in den nächsten zwei Jahrzehnten zu erreichen, müssten Prämien gezahlt und die Zuschussprogramme des Landes ausgebaut werden. Die Grünen plädieren dafür, für die Förderung alternativer Energieträger jährlich rund 30 Millionen Euro aus dem Landeshaushalt aufzuwenden. Außerdem müsse auf Bundesebene das Erneuerbare-Energien-Gesetz weitergelten, das Strom aus Wasser-, Wind- und Solarenergie durch festgelegte Vergütungen fördert.

CDU: „Hirngespinst“

Die Realisierung des Grünen-Konzepts werde zu keiner nennenswerten Mehrbelastung für die Verbraucher führen, sagte Al-Wazir. Der Kohlendioxidausstoß werde nach einem kurzfristigen Anstieg in den Jahren 2009 und 2013, wegen des Verzichts auf das Atomkraftwerk Biblis, deutlich sinken. Bereits im Jahr 2015 sei wieder der Stand von 2004 zu erreichen, bis 2028 werde der CO2-Ausstoß bei der Stromerzeugung auf null sinken. Indes wies Al-Wazir darauf hin, dass die Stromproduktion in Hessen nur für 20 Prozent der Kohlendioxidemissionen verantwortlich sei (Verkehr 37 Prozent, Privathaushalte Prozent und Gewerbe 34, Industrie neun Prozent).

Die Zahl der Arbeitsplätze, die durch eine konsequente „Energiewende“ bei der Stromerzeugung in Hessen bis 2015 entstehen könnten, bezifferte die umweltpolitische Sprecherin der Grünen im Landtag, Ursula Hammann, auf rund 11.500. Ihre Fraktion sehe beispielsweise etwa 110 dezentrale Biomasse-Heizkraftwerke und etwa 1200 zusätzliche Biogasanlagen vor (im Vergleich zu 50 Anlagen im Jahr 2005). Die Zahl der Windräder in Hessen könne von derzeit rund 530 bis zum Jahr 2010 noch auf 750 erhöht werden, ein Fünftel des hessischen Stroms wäre auf lange Sicht allerdings aus Windkraftanlagen in Nord- und Ostsee zu beziehen.

Die SPD im Landtag wies darauf hin, dass sie in der Energiepolitik ehrgeizigere Ziele anstrebe als die Grünen. Sie sehe ein größeres Ausbaupotential für Solar-, Wind- und Kleinwasserkraftanlagen sowie dezentrale Kraft-Wärme-Kopplung, sagte Fraktionschefin Andrea Ypsilanti. „Was die Grünen bis 2028 als realisierbar betrachten, kann bereits größtenteils bis 2013 realisiert werden.“ Die CDU kritisierte die Grünen-Pläne als „Hirngespinst“. Nach Meinung der FDP führt an der Atomkraft in den nächsten zehn oder 20 Jahren kein Weg vorbei.

Parkplätze mit Solardächern

Um die angestrebte „Energiewende“ - die Deckung des gesamten hessischen Strombedarfs aus erneuerbaren Energien bis zum Jahr 2028 - zu erreichen, schlagen die Landtags-Grünen ein Bündel von Maßnahmen vor. Unter anderem sieht ihr Konzept Pilotprojekte zu neuen Technologien, Förderprogramme zur Energieeinsparung sowie eine verbesserte Beratung und Öffentlichkeitsarbeit vor. Weitere Vorhaben sind:

Landeseigene Energieagentur: Rückkauf der Agentur „Hessen-Energie“, die Programme zum Stromsparen und zur Förderung regenerativer Energieträger anbieten soll. Energieeffizienzfonds: Ein Fonds für private Haushalte, Wirtschaft und Kommunen zur Vorfinanzierung von stromsparenden Vorkehrungen; ausgestattet mit Landesmitteln in Höhe von zehn Millionen Euro.

Sonnenenergie: Nach Einschätzung der Grünen gibt es in Hessen ein Potential von 59 Millionen Quadratmetern an Dachflächen und Fassaden, die für Fotovoltaikanlagen geeignet sind. Darüber hinaus könnten bis 2028 etwa 3600 Hektar Freiflächenanlagen wie Industriebrachen oder Lärmschutzwände für diese Zwecke genutzt oder Parkplätze mit Solarzellen überdacht werden.

Windkraft: Die Zahl der Windräder in Hessen ist aus Sicht der Grünen nur noch begrenzt steigerungsfähig. Bereits um das Jahr 2010 werde die maximal sinnvolle Menge von etwa 750 solcher Anlagen erreicht (Mitte 2006 waren es rund 530). Bürgerkraftwerke: Gemeinschaftsanlagen zur dezentralen Stromproduktion; vor allem Anlagen zur Nutzung von Biogas. Durch Kreditangebote des Landes soll Kommunen oder Genossenschaften der Rückkauf der Stromnetze und eine möglichst kostengünstige Verteilung von regenerativ erzeugtem Strom ermöglicht werden. Ferngesteuerte Elektrogeräte: Kunden geben Geräte, die sie nicht zu festen Zeiten benötigen, für eine zentrale Steuerung frei. Sie werden dann automatisch für kurze Zeit ausgeschaltet, wenn die Nachfrage nach Strom groß ist, und wieder aktiviert, wenn die Produktion auf Hochtouren läuft. Dafür erhalten die Nutzer einen günstigeren Stromtarif.

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Jahrgang 1960, Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung in Wiesbaden.

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