25.05.2010 · Der Fahrkarten-Automat geht in den Vorruhestand. Noch ein paar Jahre, dann wird er endgültig aus dem Arbeitsleben ausgeschieden sein und ins Verkehrsmuseum. 2015 soll das Kartenziehen beim RMV vorbei sein.
Von Hans Riebsamen, FrankfurtDer Fahrkarten-Automat geht in den Vorruhestand. Noch ein paar Jahre, dann wird er endgültig aus dem Arbeitsleben ausgeschieden sein und ins Verkehrsmuseum wandern. Seine Stelle übernimmt ein Handy. Nicht nur beim Rhein-Main-Verkehrsverbund (RMV), sondern auch bei der Deutschen Bahn und den Verkehrsverbünden in Hamburg, München und anderswo in der Republik.
Derzeit werden die Grundlagen für ein System des elektronischen Fahrkartenverkaufs gelegt, das es ermöglichen soll, überall in Deutschland Tickets für Busse und Bahnen bargeldlos auf elektronischem Weg zu erwerben. Knut Ringat, der Geschäftsführer des RMV, hat einen Masterplan für die Einführung des „elektronischen Ticketing“, des E-Tickets, in seinem Verbund entwickelt. Die Landesregierung steht hinter dem Konzept, denn, so sagt Verkehrsminister Dieter Posch (FDP): „Hessen will Vorreiter beim elektronischen Ticketing sein.“
Zukunftsmusik, aber keine ferne
Die elektronische Zukunft sieht so aus: Ein Fahrgast steigt im Frankfurter Hauptbahnhof in einen Zug. Sein elektronisches Ticket – ein entsprechend konfiguriertes Handy oder eine Chipkarte – stellt beim Eintreffen am Bahnhof fest: Der Nutzer befindet sich am Hauptbahnhof Frankfurt. Beim Betreten des Zuges aktiviert eine Weck-Antenne im Fahrzeug das E-Ticket, und eine Raumerfassungs-Antenne registriert während der Fahrt die Anwesenheit. In Langenselbold verlässt der Kunde den Zug. Ein Bordrechner registriert automatisch den Ausstieg, gibt die Daten per Funk an ein elektronisches Hintergrundsystem weiter, das die Fahrt abrechnet. Der Fahrgast muss rein gar nichts tun. Nur am Ende des Monats seine Rechnung zahlen.
Das ist Zukunftsmusik, aber keine ferne. 2015 will der RMV die automatische Erfassung der Fahrten und die automatische Ermittlung des Fahrpreises einführen. Zuerst in Frankfurt, dann in den Städten und Gemeinden des Ballungsraumes. Danach möglichst im gesamten RMV-Gebiet. Die einzelnen Mitglieder des Verkehrsverbundes sollen Ringat zufolge aber selbst entscheiden, ob und wann sie sich anschließen. Frankfurt will auf jeden Fall so schnell wie möglich in das geplante System einsteigen, Oberbürgermeisterin Petra Roth (CDU) hat dies als feste Absicht bekundet.
Der Automat macht es dem Kunden nicht immer leicht
Schon im nächsten Jahr will der Verkehrsverbund einen weiteren Schritt ins elektronische Zeitalter tun. Nachdem mittlerweile im ganzen Verbund das Handy-Ticketing eingeführt ist, mit dem man mittels eines Mobiltelefons im Zug eine Fahrkarte kaufen kann, soll 2011 ein elektronischer Fahrschein den Papier-Fahrschein ersetzen. Zuerst bei den Jahres-Tickets, dann 2012 bei den Monats- und Wochenkarten. Verliert der Kunde eine solche Karte, kann er sie sperren lassen wie eine Bankkarte und erhält eine Ersatzkarte. Der E-Fahrschein ist mehrere Jahre gültig und kann zu Hause am Computer auf eine andere Tarifzone oder einen anderen Modus umprogrammiert werden. Alles läuft bargeldlos ab.
Aber noch gibt es die Automaten. Kunden von Bussen und Bahnen haben es nicht immer leicht mit ihnen. Einem fremden Fahrgast stellen sich schwierige Fragen: Wo ist der nächste Automat? Wie bedient man ihn? Gibt es Wechselgeld? Kann man Fahrkarten auch im Zug kaufen? Welcher Fahrausweis ist der richtige? In welcher Tarifzone befinde ich mich? Muss das Ticket entwertet werden? Wie lange ist es gültig? Wann benötige ich einen Anschlussfahrschein?
Einheitliche technische Standards
Weil er die Antworten nicht kennt, kann sich mancher potentielle Fahrgast nicht dazu durchringen, hin und wieder oder gar häufig das Auto stehen zu lassen. „Wir müssen bei Bussen und Bahnen die Schwellen senken“, sagt Minister Posch. Im E-Ticket sieht er eine Chance, neue Kunden für den öffentlichen Nah- und Fernverkehr zu gewinnen. Allerdings beharrt der Minister darauf, dass es keine Insellösung geben dürfe. Mit dem E-Ticket soll man irgendwann in ganz Deutschland fahren können.
Was das betrifft, so gibt sich RMV-Chef Knut Ringat hoffnungsvoll. Der Verband Deutscher Verkehrsunternehmen (VDV), in dem die deutschen Verkehrsverbünde organisiert sind, hat sich auf einheitliche technische Standards verständigt. Im Jahr 2015 wird – dies lässt sich anhand der abgeschlossenen Verträge schon jetzt sagen – in zwei Dritteln der deutschen Verkehrsverbünde der elektronische Kartenverkauf auf Basis der VDV-Technik abgewickelt. Vor wenigen Tagen erst haben sich Vertreter der Verbünde in Wiesbaden getroffen und sich vorgenommen, eine „Interoperabilität“ zu schaffen, also eine Einheitlichkeit in ganz Deutschland, die es in absehbarer Zeit ermöglichen wird, dass ein Fahrgast in Langen losfährt und trotz mehrfachen Umsteigens, ohne ein Ticket ziehen zu müssen, in Warnemünde ankommt.
Alle Reiseinformationen auf dem Handy
Bei E-Ticket wird jede Fahrt des Kunden registriert. Deshalb verlangt der liberale Minister Posch Sicherheiten, dass die Daten nicht missbraucht werden. Die Planer des E-Tickets wollen den Datenschutz dadurch wahren, dass sie die Nutzungsdaten – die mit einem E-Ticket zurückgelegten Fahrten – von den Nutzerdaten des Kunden trennen und nur bei der Abrechnung zusammenführen. Außerdem soll es ein Prepaid-Ticket geben, auf das man Geldbeträge laden und völlig anonym zahlen kann.
Die öffentliche Hand hilft bei der Anschubfinanzierung. Das Bundesverkehrsministerium hat für einen Feldversuch des RMV und der Verbünde in Berlin und Dresden zehn Millionen Euro zur Verfügung gestellt und weitere Hilfen versprochen. Jetzt gilt es, möglichst schnell die einheitlichen Standards bundesweit zu etablieren, eine Organisation für die Hintergrundtechnik aufzubauen und das E-Ticket als Marke zu etablieren.
Die neue Technik hilft nicht nur dem Kunden, der nicht mehr mühevoll Tickets besorgen und die günstigsten Tarife ausrechnen muss und darüber hinaus über sein Handy alle nötigen Reiseinformationen erhält. Auch die Verkehrsunternehmer werden Gewinner dieser technischen Revolution sein. Ihre Vertriebskosten werden auf mittlere Sicht deutlich sinken. Der RMV etwa gibt für den Vertrieb derzeit bis zu zwölf Prozent seines Umsatzes aus. Ein Prozentpunkt sind in seinem Fall sieben Millionen Euro. Spart er nur zwei oder drei Prozentpunkte ein, kommt für den Verkehrsverbund und seine Verkehrsgesellschaften eine erkleckliche Summe zusammen – die sie für die Verbesserung des Netzes oder des Service einsetzen können.