28.02.2009 · Neue Einkaufszentren, renovierte Kaufhäuser: Der Handel investiert weiter, gerade in Rhein-Main, wo die Kaufkraft über dem Durchschnitt liegt. Besser kann es für die Kunden gar nicht kommen.
Von Manfred KöhlerVon wegen, die Zeit des „Geiz ist geil“ sei vorbei. Auch wenn die Handelskette Saturn ihren erfolgreichsten Slogan ausgemustert hat – als sie am Donnerstag um 6 Uhr ihre Riesenfiliale im neuen Einkaufszentrum an der Frankfurter Zeil mit einigen Super-Sonderangeboten eröffnete, drängelten sich trotz der frühen Stunde Hunderte Frauen und Männer um die Schnäppchen. Es war der Auftakt zu einer tagelangen Rabattschlacht. 20 Prozent auf alles bei Anson’s, 10 Prozent bei Samsonite, Gutscheine bei S. Oliver – selbst die im gewöhnlichen Dauerschlussverkauf gestählten Kunden standen dafür Schlange.
Kaufkraft liegt über dem Durchschnitt
Doch auch wenn die Begrüßungsangebote ein Ende haben: Der neue Kampf um die Kunden wird fortdauern. Die Eröffnung des spektakulären Baus an der Zeil war nur der Auftakt für eine Folge von Investitionsvorhaben dieser Art, mit der sich die Einzelhandelsfläche in der Region deutlich vergrößern wird. So ist für den Herbst die Eröffnung eines noch größeren Einkaufszentrums in Weiterstadt geplant. In Sulzbach rückt die Erweiterung näher, konkrete Pläne bestehen in Bad Homburg, Offenbach und weiteren Orten (siehe Karte).
Denn Rhein-Main gilt als eine der wichtigsten Regionen für den Handel. „Frankfurt ist einfach ein Markt, in dem man sein muss“, sagt John Cloppenburg, geschäftsführender Gesellschafter des Herrenausstatter Anson’s. Die Kaufkraft liegt über dem Durchschnitt, im Hochtaunuskreis gar so hoch wie am Starnberger See.
Manche Kette, die sich in das neue Frankfurter Einkaufszentrum eingemietet hat, sei schon seit Jahren vergeblich auf der Suche nach einer geeigneten Filiale gewesen, heißt es beim Maklerunternehmen Kemper’s Jones Lang LaSalle. Doch die neuen Handelsketten und Geschäftskonzepte, vor allem die sich ausbreitenden „Flagshipstores“, sind nur einer von mehreren Gründen für den seit Jahren zu beobachtenden Zuwachs an Handelsflächen.
Hinzu kommen die größere Produktvielfalt und das Bedürfnis nach großzügigerer Präsentation der Ware. So wirkt gegenüber den zuletzt in Großstädten eröffneten Buchhandlungen selbst Hugendubel in Frankfurt schon geradezu beengt, mag es auch einst als Buch-Kaufhaus gefeiert worden sein. Nach Angaben des Hauptverbands des Deutschen Einzelhandels ist die Verkaufsfläche in Westdeutschland zwischen 1980 und 2000 von 58 auf 91 Millionen Quadratmeter gestiegen, für 2010 werden sogar 101 Millionen erwartet.
Innenstädte neu entdeckt
Bisher ist von keinem der in Rhein-Main geplanten Vorhaben zu hören gewesen, es werde wegen der Krise abgesagt. Bis andere Nachrichten kommen, gilt die Devise, die der Präsident des hessischen Einzelhandelsverbands, Frank Albrecht, ausgegeben hat: Die Branche habe vom letzten Aufschwung nicht profitiert, da werde sie dann ja wohl umgekehrt im Abschwung standhalten.
Im Wettlauf um gute Standorte für ihre Vorhaben haben die Investoren längst wieder die Innenstädte entdeckt – die neue Immobilie an der Zeil ist bei weitem nicht die erste dieser Art in zentraler Lage. In Wiesbaden wurden bereits zwei Komplexe mitten in der Stadt errichtet, auch in Bad Homburg, Hanau und Offenbach sollen Zentren in den Zentren entstehen. Während manche Politiker weiterhin einen Gegensatz zwischen City und Peripherie sehen, hat die Wirklichkeit längst eine Antwort gefunden: Es reicht für beide.
Überleben wird freilich hier wie dort nur, wer sich anstrengt. Werben die Einkaufszentren mit freiem Parken, müssen Innenstädte eben mit der größeren Vielfalt ihrer Geschäfte und Restaurants, vielleicht auch mit allerlei bunten Programmen, dagegenhalten. In Darmstadt etwa ist man nach dem ersten Schock über die Pläne für den Konsumtempel in Weiterstadt zuversichtlich, der Abwanderung mit anspruchsvollem Citymarketing begegnen zu können. Selbstbewusster Titel einer der Aktionen: „Darmstadt unter Strom“.
Nachbarn haben investiert
Tatsächlich nährt der Erfolg den Erfolg. Als wäre es im Vorgriff auf das neue Einkaufszentrum an der Zeil geschehen, haben manche Nachbarn in den vergangenen Jahren kräftig investiert: Görtz, Douglas, Kaufhof. Selbst das andere, schon 1992 dort eröffnete Einkaufszentrum, die „Zeil-Galerie“, soll nun mit Millionen ertüchtigt werden. Und sogar die Discounter beginnen die Innenstadt wiederzuentdecken, wie es heißt. Lidl hatte seine kleine Filiale in einer Seitenstraße der Zeil sowieso nie aufgegeben.
Den Kunden kann der scharfe Wettbewerb der Standorte wie der Handelsketten nur recht sein. So umworben wurden sie noch nie. Und wenn das Vorhaben in Weiterstadt vollendet ist, werden sicherlich auch abermals die Pfennigfuchser zu ihrem Recht kommen. Von der Handelskette Saturn jedenfalls ist schon bekannt, dass sie auch dort eine Filialeröffnung plant.