31.08.2010 · E-Learning ist mehr als Dokumente aus dem Internet herunterladen. Wissenschaftler und Studenten nutzen die neuen Medien - an hiesigen Hochschulen wird bis Semesterbeginn das Angebot aufgestockt.
Von Friederike HauptWie paukt eigentlich so ein Student der Zahnmedizin? Er wälzt dicke Fachbücher, könnte man meinen. Vielleicht lädt er sich auch von der Homepage seiner Fakultät PDFs herunter, Skripte, Literaturlisten, Beispielfälle. Doch dass er gemütlich im Sessel sitzt, mit einem Gerät, das dieser Tage hin und wieder in schicken Cafés und in den Händen von Reisenden in der 1. Klasse von ICEs gesichtet wird - das scheint unwahrscheinlich. Doch genauso ist es, oder zumindest wird es bald so sein: Denn Peter Schulz, Doktorand der Zahnmedizin an der Universität Mainz, ist ein Fan des E-Learnings. Und des iPads.
Gemeinsam mit seinem Professor Wilfried Wagner hat Schulz eine E-Learning-Plattform entwickelt, die auch mit dem neuen Tablet-Computer kompatibel ist. Dass den heute noch kaum ein Student besitzt, mache nichts, sagt Schulz. Die Mediziner sind überzeugt davon, dass in Zukunft moderne Technik eine immer größere Rolle im Studium spielen wird. Mit einem normalen Computer kann man die Plattform aber auch heute schon nutzen. „Ilkum“ heißt sie, was für „Interaktiver Lernzielkatalog der Universitätsmedizin Mainz“ steht. Das klingt zwar sperrig, bedeutet aber nichts anderes, als dass dort die Studenten Texte, Bilder und Videos zu allem finden, was in ihrem Studium wichtig ist; ein „Wikipedia mit Benefits“ nennt Schulz das.
Modernes Rollenspiel von Juristen
Dass E-Learning mehr ist, als Vorlesungsmitschriften ins Internet zu stellen, hat sich in den vergangenen Jahren herumgesprochen. Nicht nur an der Universität Mainz tüfteln Wissenschaftler - oft gemeinsam mit Studenten - an interaktiven Plattformen im Netz, um den Lernstoff dort zu präsentieren. Und zwar so, dass die Vorzüge des Mediums auch genutzt werden. „Es gibt keinen Bereich, in dem neue Medien keinen Sinn machten“, sagt Claudia Bremer, Geschäftsführerin der E-Learning-Einrichtung „studiumdigitale“ an der Universität Frankfurt. Mehrere hundert Projekte betreuen sie und ihre Kollegen. Nach anfänglicher Skepsis mancher Fachbereiche seien nun alle dabei. Die Juristen etwa seien erst etwas später mit der Technik warm geworden: „Aber nun haben sie ein tolles, ganz modernes Rollenspiel entwickelt.“
In den Semesterferien wird an den Hochschulen im Rhein-Main-Gebiet deshalb daran gearbeitet, zum Wintersemester neue E-Learning-Projekte fertigzustellen. Auch Zahnmedizindoktorand Schulz will „Ilkum“ noch mit mehr Inhalt füllen. Zwar nutzen er und seine Kommilitonen das, was bisher online gestellt wurde, schon seit einigen Wochen; doch zu den rund 80 Patientenfällen, auf die sie momentan zugreifen können, sollen bis zum Oktober noch 120 neue kommen. Das Material haben sie schon; doch das Einpflegen in das System ist aufwendig. Die Krankheitsbilder der Patienten, die in den Vorlesungen der Zahnmediziner zu Gast waren, müssen in Wort und Bild beschrieben werden; dazu gibt es Grundlagen der Zahnmedizin, Vorlesungstexte der Professoren, Fachartikel und weiterführende Hinweise. Man könne die Seiten ganz nach seinen Wünschen durchsuchen, sagt Schulz, und so „ganz schnell und einfach“ an Informationen kommen.
„Didaktischer Mehrwert“
Das sei ohne E-Learning gar nicht so leicht zu machen. Denn es gebe Vorlesungen, die von 350 Studenten besucht würden. Nur in den ersten Reihen finde ein Gespräch zwischen den Studenten der höheren Semester und dem Professor statt. Die anderen, die auch von dem Patienten und seinen Beschwerden wenig mitbekämen, müssten die Vorlesung nacharbeiten. Als wissenschaftliche Hilfskraft begann Schulz vor rund eineinhalb Jahren darüber nachzudenken, wie man das Nacharbeiten vereinfachen könnte. Und kam auf die Idee der Plattform für Zahnmediziner. Anders als beim E-Learning-System „Ilias“, das es an der Universität Mainz auch gibt, spielt Kommunikation bei „Ilkum“ aber keine Rolle; auch virtuelle Vorlesungen gibt es nicht.
Dass die Lehre nicht abgeschafft, sondern verbessert werden soll, betont auch Claudia Bremer. Der „didaktische Mehrwert“ sei wichtig bei der Entscheidung darüber, ob ein Antrag für ein neues E-Learning-Projekt bewilligt werde. Gern gesehen seien „sehr Innovatives“ und Projekte, bei denen die Kosten in einem angemessenen Verhältnis zu den erreichten Studenten stünden. 23 neue E-Learning-Initiativen fördert die Goethe-Universität in den nächsten zwölf Monaten mit insgesamt 300.000 Euro. Zehn davon haben studentischen Ursprung - auf sie entfallen 110.000 Euro.
Turnübungen mit Videos anschaulich machen
Dass nicht nur etablierte Wissenschaftler unterstützt werden, hebt Bremer hervor: „Kaum eine Universität im deutschsprachigen Raum gibt Studenten Geld für E-Learning in die Hand.“ Auf private Konten fließt die Förderung aber auch in Frankfurt nicht: Die Studenten dürfen es für Hilfskraft- oder Werksverträge nutzen, Hard- und Software bestellen oder Fachleute anheuern.
Ganz unterschiedliche Projekte werden in diesen Wochen auf den Weg gebracht: Zwei Sportstudentinnen wollen Turnübungen mit Videos anschaulich machen, zwei angehende Sprachwissenschaftler planen eine interaktive Lerncommunity für die Japanologie, und Pädagogikstudenten haben eine virtuelle Workshopreihe konzipiert. Viele Studenten weisen in ihren Förderanträgen darauf hin, dass sich wichtige Veranstaltungen überschnitten und deshalb das Nacharbeiten mit Hilfe neuer Medien essentiell sei. Manche Teams seien überrascht, wie viel Arbeit anfalle, berichtet Bremer; um sie möglichst gut vorzubereiten, hat sie für Anfang Oktober eine Versammlung aller neuen E-Learning-Initiativen organisiert; sie soll zur Vernetzung untereinander dienen und Projektmanagement-Wissen vermitteln.
Als aktuellen E-Learning-Trend hat Bremer Podcast-Projekte und Wikis ausgemacht. Auch mit Videos werde gern gearbeitet: „In sieben von zehn Bewerbungen kommt das vor.“ Peter Schulz und Wilfried Wagner von der Universität Mainz haben sich nicht an Moden orientiert, als sie „Ilkum“ planten - dass es aber für Studenten immer selbstverständlicher wird, Internet-Plattformen ihrer Hochschule zu nutzen, kommt ihnen zupass. Sie suchen nämlich noch Verstärkung für ihr Team.