Er hat sich wirklich Mühe gegeben. Hauchdünn blies der Glasmacher damals die rote Masse, die er mit der sogenannten Pfeife im glühenden Ofen aufgenommen hatte. Vorsichtig muß er den Zylinder immer weiter gedreht und gedehnt haben, bis die Schicht kaum einen halben Millimeter dick war. Dann wurde der Zylinder aufgeschnitten und geglättet, um den runden Körper zu Flachglas auseinanderzudrücken. Aber alles Geschick nützte nichts. Als das Glas abgekühlt war, hielt es der Glasmacher vermutlich gegen die Sonne und war verzweifelt. Die Strahlen drangen nicht durch die rote Scheibe. Sein Versuch, durchscheinendes rotes Flachglas herzustellen, war ein weiteres Mal gescheitert. Die Dramen, die sich vor gut 500 Jahren am Fuß des Glaskopfs abgespielt haben, liest der zum Spezialist für Glasforschung gewordene Archäologe Peter Steppuhn aus einem Abfallhaufen heraus.
Er befindet sich neben dem im Jahr 2001 freigelegten spätmittelalterlichen Glasofen unterhalb des Dornswegs und wird in dieser Woche von Mitgliedern des Kulturkreises Glashütten und weiteren freiwilligen Helfern freigelegt.
Schicht um Schicht graben sie sich nach unten. Leere Quarkbecher und transparente Plastikkörbchen der abgelaufenen Erdbeersaison füllen sich schnell und bekommen einen Zettel mit der Nummer des jeweiligen Planquadrats. In einem Zelt nebenan werden die Funde beschriftet und in Plastiktüten verpackt. "Wir wußten, daß wir hier etwas finden würden", sagt die Kulturkreis-Vorsitzende Ingrid Berg. Die jetzt geborgenen Fundstücke sollten von Herbst nächsten Jahres an in einer Dauerausstellung im Hessenpark gezeigt werden.
Vor vier Jahren habe man nur Zeit und Geld gehabt, um den eigentlichen Ofen und seine vier Nebenöfen freizulegen, in denen das Glas langsam heruntergekühlt wurde, sagte Berg. Die Halde nebenan mit dem Ausschuß der Glashütte habe schon damals weitere Erkenntnisse versprochen. Und wie zum Beweis richtet sich Michel Küthe auf, ein Hobbyarchäologe aus Braunfels. Er hält einen grünen Glasfuß in die Höhe, den er gerade in seinem Planquadrat 55 aus der Erde gezogen hat. Die Scherben und Versatzstücke fügen sich für Steppuhn, der bei der Oberen Denkmalbehörde in Lübeck arbeitet und einen Teil seines Jahresurlaubs für die jüngste Grabung opfert, zu einem Gesamtbild zusammen: "Hier ist schön nachvollziehbar, woran sich die Glasmacher versucht haben - und woran sie gescheitert sind."
Die hohe Abfalldichte zeigt Steppuhn, daß unterhalb des Dornswegs eine Experimentierhütte stand. Hier seien "bessere" Gläser wie Hohlglas, Becher und Tafelglas herstellt worden. Außerdem finde sich der erste Nachweis für den Versuch, durchscheinendes rotes Flachglas herzustellen. Die Kombination verschiedenfarbiger Gläser habe kaum Parallelen. "Die Hütte war für die Glaslandschaft in ganz Mitteleuropa von Bedeutung", sagt der Archäologe. Ein in Nürnberg ausgestelltes Glas könne zum Beispiel von hier stammen. Die Hütte lag an der "Cöllnischen Landstraß", die wiederum Teil eines Handelswegesystems war, das von Byzanz bis nach Flandern und Brabant reichte. Die Innovationsfreude, die das späte 15. Jahrhundert prägte und schließlich die Entdecker nach Amerika führte, schlug sich auch im Taunus nieder.
Wo die freiwilligen Helfer heute im Halbschatten eines herrlichen Waldes graben, dürfte es vor 500 Jahren kahl und unwirtlich ausgesehen haben. Denn die Lage der Glashütte war an Voraussetzungen geknüpft wie an einen Bachlauf, einen Weg zum Transport des Rohstoffs Sand sowie der fertigen Ware und vor allem an einen großer Buchenholzbestand, weil die Eichen dem Möbelbau vorbehalten waren. Der Verbrauch, um den wohl 70 Kubikmeter fassenden Ofen auf 1000 Grad hochzuheizen, war enorm. "In einem Umkreis von ein bis zwei Kilometern war der Wald bald abrasiert", sagt Steppuhn. Etwa zehn Jahre lang könnte die Glashütte unterhalb des Dornswegs in Betrieb gewesen sein, schätzt der Archäologe. Dann kam das abrupte und ebenfalls dramatische Ende.
Das Trümmerfeld zeigt, daß der Hauptofen während der Betriebszeit zerstört wurde. "Ihm wurde der aus feuerfesten Platten gefügte Schürkanal und damit das Herz herausgerissen", sagt Steppuhn. Der Grund könnte Neid eines Landesherrn gewesen sein - die "Cöllnische Landstraß" schied an dieser Stelle die Kronberger von der Sulzbacher Mark. Steppuhn hält aber auch die kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen Diether von Isenburg und Adolf von Nassau um den Mainzer Bischofsstuhl für einen möglichen Anlaß. Die Hütte könnte 1462 bei der Mainzer Stiftsfehde zerstört worden sein, in die zahlreiche Fürsten hineingezogen wurden.
Der Untergang der Glashütte hat für die heutigen Wissenschaftler viele Erkenntnisse bewahrt. Dem Kulturkreis ermöglichen die vielen Funde, die geplante Ausstellung im Hessenpark auszustatten. "Das wird die Krönung unserer Arbeit", sagt Berg. Gerade sind mit den Fachleuten des Freilichtmuseums weitere Einzelheiten besprochen worden.
Danach soll die Glasherstellung im Taunus in der "Scheune aus Neu-Anspach" gezeigt werden. In einem Raum möchte Steppuhn einen Glasofen in Originalgröße nachbauen lassen. Zwei Puppen sollen die Technik illustrieren und eine hinterleuchtete Glaswand den schon halb kahlgeschlagenen Wald zeigen, wie er sich wohl um die Glashütte präsentierte. In einem anderen Raum möchte der Archäologe als Prunkstück den am Dornsweg gefundenen Glashafen zeigen, ein Gefäß, in dem das Glas geschmolzen wurde. In Vitrinen ließen sich weitere Funde ausstellen. Zur Zeit wird berechnet, welche Kosten die Vorstellungen verursachen. Wenn die Finanzierung steht, könnte die Glasmacherei im Taunus von September nächsten Jahres an eine weitere Attraktion des Hessenparks sein. bernhard biener

