19.06.2007 · „Aich sein en gourer Brourer“, rühmt sich der Gießener. Der Südhesse hingegen sagt: „Isch bin en guude Bruudä“, wenn er auf seine brüderlichen Qualitäten verweist. „RMV-Hessisch“ ist in Hessen auf dem Vormarsch, sagt der Dialektforscher Heinrich Dingeldein.
Von Philipp GrüllAuch wenn Heinz Schenk und die Hesselbachs im Fernsehen über Jahrzehnte anderes glauben machten: Der hessische Dialekt existiert nicht. Es gibt mehrere, und diese haben in etwa so viel gemeinsam wie Niederbayerisch und Ostschwäbisch. „Aich sein en gourer Brourer“, rühmt etwa der Gießener seine geschwisterlichen Qualitäten, während der Südhesse „Isch bin en guude Bruudä“ sagt. Bei ihm „sinn die Mäus’ im Haus“, ein Kasseler hingegen hat „die Müse im Huse“.
Die hessische Sprachlandschaft gliedert sich nach Angaben des Marburger Dialektforschers Heinrich Dingeldein in vier Gebiete: „Am ehesten könnte man das Niederhessische, die Mundart der Gegend südlich von Kassel, als eigentliches ,Hessisch‘ bezeichnen, denn dort liegt die historische Kernregion des Landes.“ In der Wetterau habe das Mittelhessische seinen Ursprung, während im Fuldaer Raum Osthessisch verbreitet sei.
Ausbreitung des „Neuhessischen“
Aus dem Südhessischen, einem eigentlich rheinfränkischen Idiom, hat sich dem Germanisten zufolge das entwickelt, was heute viele für das Hessische schlechthin halten. Dingeldein nennt diesen Dialekt „Neuhessisch“ oder auch „RMV-Hessisch“, denn dieser werde vor allem im Einzugsbereich des Rhein-Main-Verkehrsverbundes und in Frankfurt gesprochen. Mit den Pendlern, die in der wirtschaftlich starken Region arbeiten, breite sich das Neuhessische immer weiter aus. „Gießen hat es schon fast erreicht, und gleichzeitig schleicht es die A66 in Richtung Fulda hoch“, so der Wissenschaftler.
Die sprachliche Zersplitterung Hessens sei typisch für Deutschland, erläutert Dingeldein. „Ein Russe kann einen Mazedonier verstehen, aber ein Hofgeismarer im Reinhardswald den Dialekt eines Hirschhorners am Neckar nicht unbedingt.“ Die Erklärung sei in der Historie zu suchen, Sprache spiegele immer die Geschichte wider: Das Gebiet der verspäteten Nation Deutschland war bis weit ins 19. Jahrhundert ein Flickenteppich aus kleinen Fürstentümern, in denen sich die Mundarten relativ unabhängig voneinander entwickelten, wie der Experte sagt. Eine ähnliche Dialektvielfalt gebe es nur in Italien – auch die Apennin-Halbinsel wurde erst vor knapp 150 Jahren politisch geeint.
Dingeldein, der einen Lehrstuhl für Germanistik an der Marburger Universität innehat, untersucht seit rund zwei Jahrzehnten die Verbreitung der hessischen Dialekte. Außerdem dokumentiert er als Leiter des Projektes „Hessen-Nassau-isches Volkswörterbuch“ den Wortschatz, der im ersten Drittel des vergangenen Jahrhunderts in den Provinzen Hessen-Nassau und Oberhessen sowie in den Kreisen Wetzlar, Wittgenstein und Waldeck in Gebrauch war.
Manche Worte gehen unter
Nach seinen Angaben sind es nicht nur die Verbreitungsgebiete, sondern auch die Idiome selbst, die sich mit der Zeit ändern: „Der Wortschatz der Jugendkultur und das Lautrepertoire der Dialekte verschmelzen, Wörter aus anderen Sprachen fließen ein, verdrängen alte Ausdrücke oder verbinden sich mit diesen und verschwinden wieder.“
So bricht, wie er sagt, allmählich das besondere Identitätsbewusstsein der katholischen Bevölkerung um Fulda auf – mit entsprechenden Folgen für den Dialekt. Außerdem gewinne dort seit dem Mauerfall das Thüringische wieder an Einfluss. In Kassel dagegen sei das Sprachbewusstsein in den vergangenen Jahren stärker geworden: „Die Jüngeren grenzen sich in der Wortwahl ab, sie sagen wieder ‚Sonnabend‘ und nicht das süddeutsche ‚Samstag‘, nicht ‚Bub‘, sondern ‚Junge‘.“
Als Wissenschaftler betrachtet Dingeldein den Wandel nüchtern, als Bürger aber bedauert er, dass die Weiterentwicklung der Mundart manche Worte untergehen lässt. „Ich finde es ja auch schade, wenn ein alter Brunnen zugeschüttet wird, obwohl ich es begrüße, wenn die Leute in modernen, komfortablen Wohnungen mit fließendem Wasser leben“, sagt Dingeldein. Andererseits: „Weil ständig umgebaut wird, stehen Bauten aus Jugendstil, Barock und dem 20. Jahrhundert nebeneinander. Gerade diese bunte Vielfalt macht den Reiz einer Stadt aus.“ Gleiches gelte für die Mundarten.
Fünf Prozent der Jugendlichen sprechen Dialekt
Aber in jüngster Zeit werden nach Dingeldeins Worten mehr und mehr der über Jahrhunderte entstandenen „dialektalen Bauten“ abgerissen und von einer standardisierten Sprache verdrängt: „Bis 1900 sind fast alle Kinder in Hessen mit einem Dialekt aufgewachsen. Hochdeutsch haben sie erst in der Schule gelernt“, sagt der Germanist. Seit der Mitte des vergangenen Jahrhunderts treffe dies nur noch für eine Minderheit zu.
Im Norden sei die Quote der Dialektsprecher seitdem „völlig zusammengebrochen“ – bei den Jugendlichen liege sie höchstens noch bei fünf Prozent. In Südhessen sei die Entwicklung nicht ganz so drastisch verlaufen, dort beherrsche etwa jeder dritte Schüler noch eine Mundart. Aber: „Liegt die Quote darunter, wird ein Dialekt viel zu selten benutzt, um sich weiter halten zu können“, so der Forscher.
Als Hauptgrund für den Dialektschwund hat Dingeldein Veränderungen in der frühen Jugend ausgemacht: „Früher wurden Kinder in kleinen Spielgemeinschaften groß, die ihre Sprache prägten. Heute ist Kindheit von vorne bis hinten durchorganisiert.“ Hochdeutsch sprechende Pädagogen seien allgegenwärtig, der Dialekt könne sich nicht mehr entfalten. Dingeldein lehnt diese Vereinheitlichung nicht nur aus Nostalgiegründen ab: „Unterschiede waren für den Erkenntnisfortschritt immer nützlicher als Einheitlichkeit. Anders sprechen heißt auch anders denken. Deshalb geht die Denkvielfalt mit dem Wegfall der Dialekte verloren.“
Hesse babbele annerscht
Dass die Sprache immer weiter standardisiert werde, wirke sich schon auf die Literatur aus: „Wenn man sich die großen Schriftsteller ansieht – abgesehen vielleicht von Thomas Mann –, dann hatten die immer eine landschaftlich geprägte Sprache“, sagt der Germanist. In der Gegenwartsliteratur aber vermisse er einen „richtigen Ton“, was mit dieser Vereinheitlichung zusammenhänge. „Mir wäre es lieber, ein Kind entwickelt seine Phantasie im Dialekt und tritt dann in die neue Welt des Hochdeutschen ein“, sagt Dingeldein.
Für die Sprachfähigkeit habe dies keinen Nachteil – im Gegenteil: „Wer mit Hochdeutsch aufwächst, leitet die Schriftsprache anfangs vom Mündlichen ab, was zu Fehlern bei der Rechtschreibung führen kann.“ Dialektsprechende Kinder hingegen müssten die Schriftsprache zum Teil völlig neu lernen. Sie könnten einzelne Worte nicht unüberlegt verwenden, sondern seien gezwungen, vorher über Schreibweise und genaue Bedeutung nachzudenken. Deshalb gehen laut Dingeldein viele von ihnen sehr sorgfältig mit der Schriftsprache um. Dessen sollten sich Eltern und Politiker stärker bewusst sein.
Aber auch wenn dieser Wunsch nicht erfüllt werden sollte und die Dialekte weiter schwinden, ist sich Dingeldein doch sicher: „Regionale Prägungen wird es für alle Zeiten geben.“ Wer sisch fär än eschde Hesse häld, wädd aach weidär annerscht babbele als Ostschwabe orrer Niederbayern.