Wenn die Kalt-Loch-Bräu in Miltenberg Ende März 2010 nach mehr als 400 Jahren ihren Betrieb einstellen wird, ist das zwar ein „Verlust an Heimat und Tradition“, wie es Bürgermeister Joachim Bieber (CSU) formuliert hatte. Doch die Schließung eröffnet der Kreisstadt die einmalige Chance, die um 1290 erbaute Synagoge nach mehr als 150 Jahren wieder öffentlich zugänglich zu machen. Das ehemalige Gotteshaus befindet sich im hinteren Teil des Brauerei-Komplexes direkt am Berghang im ältesten Teil Miltenbergs, dem heutigen Schwarzviertel.
Die erste Miltenberger Synagoge – es gibt noch zwei weitere, die sich heute ebenfalls in Privatbesitz befinden – ist nach Angaben des städtischen Museumsleiters Hermann Neubert der älteste und einzige original erhaltene jüdische Sakralbau des Mittelalters in Deutschland. Allerdings ist das historische Bauwerk aufgrund seiner Unzugänglichkeit weitgehend unbekannt. Bis 1851 war die aus Rotsandsteinen gemauerte Synagoge das Zentrum jüdischen religiösen Lebens in Miltenberg. 1877 wurde das Gebäude an den Bierbrauer Fridolin Busch verkauft, weil die jüdische Gemeinde einen größeren Neubau plante. Aus jener Zeit stammt auch der Fachwerkgiebel.
Synagoge kaum noch als solche erkennbar
Durch die gewerbliche Nutzung als Gärkeller und Lagerraum sowie durch Erweiterungsbauten ist die gotische Synagoge heute kaum noch als solche zu erkennen. Erst ein Symposion im Sommer 1998 rückte das ehemalige Versammlungs- und Gebetshaus der Juden für eine kurze Zeit wieder in den Blickpunkt des öffentlichen Interesses. Damals wurden die Ergebnisse von Bau- sowie Befunduntersuchungen vorgestellt, und es wurde über eine künftige Nutzung des mittelalterlichen Gebäudes diskutiert. Die Tagung endete damals mit dem Appell, die alte Synagoge in Miltenberg müsse mehr Zukunft haben, als die Gegenwart ihr bieten könne.
Zwar gab es in der Folgezeit regelmäßig Führungen durch das „jüdische Miltenberg“, in denen auch an die früheren Synagogen erinnert wurde. Doch erst die geplante Aufgabe des Brauereibetriebes bietet Neubert zufolge die „einmalige Chance“, die versteckt liegende Synagoge wieder zugänglich zu machen und möglicherweise als Dependance des städtischen Museums auszubauen. Dazu wäre es allerdings nötig, die Anbauten abzureißen. Auch die Zwischendecke, die im 19. Jahrhundert eingezogen wurde und seitdem den Blick auf das fünfstrahlige Rippengewölbe versperrt, müsste entfernt werden, um den Raum in seinem ursprünglichen Zustand wieder erlebbar zu machen, sagte Neubert. Die Gärbottiche im Keller würde er allerdings „als Zeugnisse der Brauerei“ erhalten wollen. Unterstützung findet der Museumsleiter beim Bürgermeister, der sich nach eigenen Worten dem historischen Erbe ebenfalls verpflichtet fühlt.
Führende Stellung im Mittelalter
Dass sich die älteste noch erhaltene Synagoge im beschaulichen Miltenberg befindet, hängt damit zusammen, dass die Stadt am linken Knie des Mainvierecks einst Handelsmittelpunkt und zeitweise wirtschaftlich bedeutender als etwa Aschaffenburg war. Ihre führende Stellung verdankte sie im Mittelalter ihrer günstigen Lage an der wichtigen Handelsstraße von Frankfurt nach Nürnberg sowie den Privilegien wie Messe-, Münz- und Stapelrecht. In der Stadt mit ihren heute 9500 Einwohnern nächtigten einst Messebesucher auf ihren Reisen.
Bis ins 15. Jahrhundert pulsierte das Leben in Miltenberg. Dann suchten sich die Kaufleute andere Wege. Schon wenige Jahrzehnte nach der ersten urkundlichen Erwähnung der Stadt im Jahre 1237 ließen sich Juden in Miltenberg nieder. Sie standen unter dem Schutz des Erzbischofs von Mainz und betrieben vor allem Großhandel und das Geschäft des Geldverleihens. Das Viertel, in dem sie ihre erste Synagoge bauten, wurde 1361 als „Judenstadt“ bezeichnet.
In den folgenden Jahrzehnten kam es immer wieder zu Verfolgungen der Juden, die 1429 sogar aus Miltenberg ausgewiesen wurden. Der Mainzer Erzbischof konfiszierte damals ihren Besitz. Erst 1755 gelang es der jüdischen Gemeinde, die Synagoge zurückzukaufen. Weil sie baufällig und wohl auch zu klein geworden war, gab die Gemeinde die Synagoge schon 1851 auf und zog in ein Provisorium in der Riesengasse. Das heißt, die erste Miltenberger Synagoge wurde in der siebenhundertjährigen Geschichte nur etwa 230 Jahre lang als Versammlungsort der Juden genutzt. Von der Innenausstattung hat sich nur der steinerne Thora-Giebel erhalten. Er befindet sich heute im Stadtmuseum.
1939 erwarb die Stadt das Gebäude
Um 1890 herum erwarb die jüdische Gemeinde einen Bauplatz und baute eine dritte Synagoge an der Mainstraße, die im August 1904 eingeweiht wurde. Nur eine Generation später wurde die neue Synagoge während der Pogromnacht zerstört. 1939 erwarb die Stadt das Gebäude und baute es um. Nach dem Krieg waren dort die Landpolizei, das Arbeitsamt, der Kreisjugendring und die Gewerkschaft untergebracht. Seit 1967 befindet es sich in Privatbesitz. Miltenbergs Bürgermeister hatte schon beim Symposion vor elf Jahren darauf hingewiesen, dass es nicht nur darum gehe, die historische Bedeutung der Synagoge aufzuarbeiten, sondern auch um die Erinnerung an die ehemaligen jüdischen Mitbürger und an as „Jahrtausendverbrechen des Holocaust“.
1933 hatten 99 Juden in Miltenberg gelebt. Im September 1942 wurden die letzten beiden Miltenberger Jüdinnen nach Theresienstadt deportiert. In Miltenberg existieren zwar noch drei ehemalige Synagogen, aber es gibt keine jüdische Gemeinde mehr.
Was solche Synagogengebäude so wertvoll macht
TOBIAS RÜGER (t.ruger)
- 17.11.2009, 03:22 Uhr
Synagogen hinter Zäunen
Jens Doll (jens611)
- 17.11.2009, 09:28 Uhr
Etwas mehr Recherche bitte!
Ralph Teckentrup (adornix)
- 17.11.2009, 16:33 Uhr

