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Veröffentlicht: 16.08.2008, 18:58 Uhr

Deutscher Wein Liebfrauenmilch, ja bitte !

Ob in der Drosselgasse oder in der weiten Welt: Liebfrauenmilch wird noch getrunken, doch wer sie mag, der gilt Kennern nicht viel. Dabei ist die echte ein guter Wein aus einer Top-Lage.

von Ingo Swoboda
© Rainer Wohlfahrt Liebfrauenmilch: Deutschlands bekanntestem Wein hängt immer noch das Image eines billigen, süßlichen Geschmacks an

Wo immer im Ausland die Sprache auf deutschen Wein kommt, in lockerer Runde oder unter fachsimpelnden Experten, fällt früher oder später das Wort, das bis heute nicht nur die deutsche Winzerelite bis ins Mark erschreckt, sondern auch in den Marketingabteilungen der deutschen Wein-Image-Pfleger für Kopfzerbrechen sorgt. Liebfrauenmilch. Jahrzehntelang galt der niedlich klingende Begriff vor allem im Export als Synonym für deutschen Weißwein im unteren Preissegment, als phonetische Verharmlosung eines großangelegten vinologischen Bluffs, initiiert von einer Weinindustrie, die für ihre Produkte einen renommierten Lagennamen nutzte und hemmungslos auf Masse statt Klasse setzte.

Liebfrauenmilch: süß und billig

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Deutscher Wein schmeckt süß, ist billig und heißt Liebfrauenmilch, so lautete das Erfolgsrezept der Flaschen-Millionäre, mit dem die ausländischen Märkte beglückt wurden. Noch vor 15 Jahren wurden rund 1,2 Millionen Hektoliter und damit mehr als 50 Prozent der deutschen Weinausfuhr unter dem Label Liebfrauenmilch verkauft. Die Zeiten sind vorbei, der Liebfrauenmilch-Export geht kontinuierlich zurück, und selbst in England, dem einst wichtigsten Markt, ist Liebfrauenmilch nur noch bei einer älteren Bevölkerungsschicht gefragt, die relativ selten Wein trinkt. Thanks God!

Doch das Erbe wiegt schwer. Deutsche Winzer kämpfen auf den internationalen Exportmärkten nach wie vor gegen die banal-süßliche Spur, die das profitable Erfolgsmodell hinterlassen hat. Denn was sich hinter der Typenbezeichnung Liebfrauenmilch verbirgt, ist in den meisten Fällen ein belangloser „milder, lieblicher Qualitätswein (QbA), der nur aus Lesegut der Gebiete Rheinhessen, Pfalz, Nahe und Rheingau bereitet werden darf, wobei mindestens 70 Prozent Riesling, Müller-Thurgau, Silvaner oder Kerner verwendet werden müssen“. So jedenfalls lautet in Meyers Lexikon die Umschreibung für Deutschlands bekanntesten Wein, und genau diese Definition bringt Wilhelm Steifensand auf die sprichwörtliche Palme. „Was aus der exponierten Weinbergslage Liebfrauenstift-Kirchenstück in Worms kommt, hat mit der gemeinen ,Export-Liebfrauenmilch‘ nichts zu tun“, sagt der Chef des Wormser Weingutes und Weinhandelshauses Peter Joseph Valkenberg. Das feiert 2008 zwei Jubiläen: Vor 200 Jahren konnte Firmengründer Valkenberg den weitaus größten Teil der historischen Liebfrauenweinberge rund um die spätgotische Stiftskirche erwerben, und seit 100 Jahren wird der Weinberg, aus dem die originäre Liebfrauenmilch stammt, als Liebfrauenstift-Kirchenstück bezeichnet. Bekannt war dieser Weinberg, eine besonders privilegierte Lage, freilich schon lange vor Valkenbergs Kaufentscheidung.

Die Geschichte beginnt im 13. Jahrhundert

Die Geschichte der Liebfrauenkirche und ihres Weins beginnt Mitte des 13. Jahrhunderts, ein Gnadenbild der Mutter Gottes macht die Kirche zu einem belebten mittelalterlichen Wallfahrtsort. Pilger ziehen auf ihrem Weg nach Santiago de Compostela durch Worms, der florierende Handelsplatz ist gleichzeitig Schauplatz bedeutender Reichstage. Innerhalb der Stadtmauern wird gebetet, getagt und gefeiert, Favorit unter den Wormser Gewächsen ist der Wein, den die Stiftsherren aus jenem Weinberg keltern, der rund um die Liebfrauenkirche angelegt ist. „Süß wie die Milch der heiligen Jungfrau“ soll er geschmeckt haben, Pilger tragen seinen Ruhm weit über die Grenzen der Stadt hinaus und nennen ihn Liebfrauenmilch, und dieses Namensprivileg gilt nur für jene Weine, die im Schatten des Turms der Liebfrauenkirche gewachsen sind. Damit ist die echte Liebfrauenmilch, lange bevor sie vom langen Schatten des billigen Exportschlagers belastet wird, ein klar definierter Wein aus einem scharf begrenzten Weinberg, ein Gewächs mit Herkunftsbezeichnung.

Charles Dickens schätzte die Wormser Spitzenweine

Als der Kaufmann Peter Joseph Valckenberg im Jahre 1808 den weitaus größten Teil der Rebfläche der historischen Lage erwirbt, erlebt die Liebfrauenmilch dank seiner guten Geschäftsbeziehungen eine erste Weltkarriere. Die Herzöge von Northumberland und Norfolk, der Erzbischof von York, der Dichter Charles Dickens und nicht zuletzt das englische Königshaus schätzen die Wormser Spitzenweine, Mitte des 19. Jahrhunderts ist das Wormser Gewächs auf allen Weinkarten renommierter Restaurants zu finden. Liebfrauenmilch war damals teurer als die berühmten französischen Châteaux-Weine aus dem Bordelais, weiß Wilhelm Steifensand aus den alten Rechnungsbüchern. In siebter Generation führt er den Familienbetrieb, die unterschiedlichen Karrieren der Liebfrauenmilch nimmt er gelassen hin. „Der Name hat deutsche Weingeschichte geschrieben, so oder so“, sagt er. Die authentische, die gleichsam wahre Liebfrauenmilch also, stammt ohnehin nur aus dem von Mauern umfassten, 13 Hektar großen Weinberg rund um die Liebfrauenkirche, und daran hat heute kein halbes Dutzend Betriebe Anteil.

Rieslinge entfalten ihre Klasse erst nach zwei bis drei Jahren

Drei verschiedene Qualitäten Liebfrauenmilch hat das Weingut Valckenberg im Portfolio: vom fruchtbetonten Gutswein über den eleganten Kabinettwein mit feinen mineralischen Nuancen bis hin zur opulenten und strukturreichen Spätlese, die Kraft und den Charme des Rieslings zusammenführt. Begleitet von einer signifikanten Mineralität aus den nährstoffreichen Sand-Löß-Gemisch-Böden und dem relativ hohen Anteil an Rotliegendem, entfalten die Rieslinge wahre Klasse erst nach zwei bis drei Jahren und erheben sich damit monumental über jene Tropfen, die Liebfrauenmilch lediglich im Namen suggerieren. Das Original wächst eben nur in der Spitzenlage Liebfrauenstift-Kirchenstück in Worms.

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