Home
http://www.faz.net/-gzl-qb3c
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Der Friedhof als Dokument der jüdischen Geschichte Hanaus

21.04.2005 ·  Ob es reiner Zufall oder glückliche Fügung war, vermag niemand zu sagen. Jedenfalls ist es ein historischer Glücksfall, daß der jüdische Friedhof in Hanau, der fünftgrößte und einer der ältesten der fast 350 jüdischen Friedhöfe in Hessen, erhalten geblieben ist.

Artikel Lesermeinungen (0)

Ob es reiner Zufall oder glückliche Fügung war, vermag niemand zu sagen. Jedenfalls ist es ein historischer Glücksfall, daß der jüdische Friedhof in Hanau, der fünftgrößte und einer der ältesten der fast 350 jüdischen Friedhöfe in Hessen, erhalten geblieben ist. Gleich dreimal war die Begräbnisstätte in Hanaus Innenstadt, wenige Gehminuten vom Stadtkrankenhaus entfernt, bedroht. Zunächst sollte der Friedhof um 1880 aus "hygienischen Gründen" geschlossen und verlegt werden. Unter der Herrschaft der Nationalsozialisten, als alle Mitglieder der jüdischen Gemeinde in Hanau bis 1942 vertrieben oder ermordet waren, wurde das Areal 1940 der Stadt Hanau übereignet. Allerdings verhinderte die von den Nazis auf 30 Jahre festgelegte Ruhefrist, daß das Areal umgenutzt wurde. Das drohte dem Friedhof dann aber 1967. Damals wurde daran gedacht, die Fläche einzuebnen und darauf einen neuen Trakt des Krankenhauses zu errichten. Auch aus diesen Plänen wurde nichts, und so dokumentieren die Grabsteine bis heute einen Großteil des vergangenen jüdischen Lebens in Hanau.

Als "Ironie der Geschichte" bezeichnet Eckhard Meise, Ehrenvorsitzender des Hanauer Geschichtsvereins, daß der jüdische Friedhof das am besten erhaltene Kulturdenkmal Hanaus nach dem Krieg sei und zugleich von den drei alten Hanauer "Totenhöfen" die Zeiten am besten überstanden hat. Während der Französische Friedhof einer Grünanlage weichen mußte und auf dem Gelände des Deutschen Friedhofs Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts ein Justizgebäude errichtet wurde, scheint auf dem jüdischen Friedhof die Zeit den Atem angehalten zu haben. Allerdings: Gegen die Vergänglichkeit konnte auch der jüdische Friedhof Hanaus auf Dauer nicht bestehen. Selbst wenn sich über die Jahrhunderte immer wieder jemand gefunden hätte, der sich um die Steine gekümmert hätte, wären sie doch nach jüdischer Tradition ungehindert dem Verfall preisgegeben gewesen. Wenn die Steine erst einmal stehen, darf daran nichts mehr verändert werden, selbst wenn sie umstürzen oder im Boden versinken. So sind die Grabsteine mittlerweile stark verwittert, viele Inschriften können kaum noch entziffert werden, und von zahlreichen Steinen ist kaum noch eine Spur geblieben, weil sie längst von der Erde verschluckt wurden.

Einer Initiative des Geschichtsvereins, der Stadt, der Kommission für die Geschichte der Juden in Hessen und dem Land Hessen ist es zu verdanken, daß ziemlich genau 400 Jahre nach der ersten Bestattung auf dem Judenfriedhof in Hanau eine rund 600 Seiten starke Dokumentation erschienen ist, die die Besonderheiten und Alltäglichkeiten der historischen Begräbnisstätte detailgenau für die Nachwelt in teils farbigen Bildern, Texten und Dokumenten festhält. In dieser Woche übergaben Stadtrat Rolf Frodl (CDU) und der Vorsitzende des Geschichtsvereins, Martin Hoppe, im Rathaus eines der ersten Exemplare an die Vorsitzende der vor wenigen Tagen neu begründeten jüdischen Gemeinde Hanaus, Raja Grise.

Günther Rauch, der ehemalige Kulturamtsleiter, erinnerte an den Beginn des Projekts. 1985 bekam er Besuch des Geschichtsforschers Naftali Bar-Goria Bamberger aus Tel Aviv. Dieser bot an, die Inschriften der Grabsteine zu dokumentieren und zu übersetzen, eine Aufgabe, an der Theologiestudenten schon gescheitert waren, da Kenntnisse der hebräischen Alltagssprache allein die Geheimnisse der Inschriften nicht preisgeben. Die Arbeit erwies sich als umfangreicher als erwartet und zog sich über Jahre. Dann starb der Forscher zum Jahreswechsel 1999/2000. Nach einer Weile nahm sich die Kommission für die Geschichte der Juden in Hessen des Projektes an. Christa Wiesner überarbeitete die vorhandenen Daten, komplettierte sie und glich sie mit dem in Israel aufbewahrten Totenbuch der Hanauer Judengemeinde, dem "Memorbuch", ab. Der Band, erschienen zugleich als Teil der Reihe Hanauer Geschichtsblätter des Geschichtsvereins und Schrift der Kommission für die Geschichte der Juden in Hessen, gibt einen Überblick über alle Grabsteine und Inschriften mit Übersetzung. Jeder einzelne Stein wurde von Helmut Friedrich fotografiert.

Das Buch "Der Jüdische Friedhof in Hanau" stellt zugleich ein interessantes Lesebuch dar über die Geschichte des Judentums in Hessen und in Hanau. In 26 Kapiteln schildert Eckhard Meise neben der Friedhofsgeschichte das jüdische Begräbniswesen zwischen "Tradition und Anpassung". Christa Wiesner und Kommissionsmitglied Monika Rademacher informieren über die Lebensdaten der Verstorbenen, erklären häufig verwendete Formeln und Abkürzungen der Grabinschriften und stellen das von etwa 1600 bis 1925 geführte Hanauer "Memorbuch" vor. Zahlreiche Pläne und Landkarten komplettieren das Bild. Zu den interessantesten Beiträgen zählt das von Meise verfaßte Kapitel über die "Hausnamen der Hanauer Judengasse". Statt Hausnummern trugen die Hanauer Häuser nicht nur in der Judengasse einst Namen. Dabei kam den jüdischen Hausnamen für die Entwicklung der Familiennamen großes Gewicht zu. Eine Besonderheit des jüdischen Friedhofs in Hanau ist die Aufnahme der Hausnamen als reliefartige Abbildungen auf den Grabsteinen. Laut Meise ist das in Hessen nur vom alten Frankfurter Friedhof bekannt, der aber im Krieg stark zerstört worden sei. Die im älteren Teil des Hanauer Friedhofs in hoher kunsthandwerklicher Qualität zu findenden Reliefs stellten daher eine absolute Besonderheit in Hessen dar. lu.

Der Band "Der Jüdische Friedhof in Hanau", herausgegeben vom Hanauer Geschichtsverein 1844 und der Kommission für die Geschichte der Juden in Hessen, hergestellt in 2000 Exemplaren im Druck- und Verlagshaus "Hanauer Anzeiger", ist im Buchhandel für 39 Euro erhältlich. In Hanau kann er außerdem für 36 Euro im Stadtarchiv am Schloßplatz erworben werden. Mitglieder des Geschichtsvereins zahlen 10 Euro.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen

Und sie drehen sich wieder im Kreis

Von Mechthild Harting

Zwar verkünden die Vertreter von Städten und Kreisen in Rhein-Main immer wieder, nun werde endgültig über Sachthemen diskutiert. Doch es geht immer wieder um Strukturen und Finanzen. Mehr 1 1