09.10.2006 · Gut 200 Kunstbeflissene haben sich zur „Finissage“, der Ausstellung auf der Mathildenhöhe, eingefunden, um nach der Schau über Entstehung und Gegenwart in die Zukunft des Musenhügels zu blicken.
„Die Liebesbekenntnisse zur Mathildenhöhe sind seit der Aktion sprunghaft gestiegen, die Leute haben sich ernsthaft Sorgen gemacht.“ Zwar erntete der Direktor der Mathildenhöhe, Ralf Beil, mit dieser Einschätzung Heiterkeit, doch manchen Darmstädter scheint die Kunstinstallation „Der dritte Aufbruch“ von Martin Brüger tief beunruhigt zu haben.
Der Darmstädter Künstler hatte nämlich als Teil der Gesamtschau über die Mathildenhöhe „Mathilda is calling“ einen Container aufstellen lassen, in dem er den Abriß sämtlicher Bauten auf dem Jugendstilhügel forderte, um mit freiem Geist einen völligen Neuanfang zu wagen - den dritten Aufbruch eben. Es sei an der Zeit, nach der Künstlerkolonie Anfang des 20. Jahrhunderts und den Meisterbauten nach dem Zweiten Weltkrieg nun das „Gesamtkunstwerk aus unbeschränktem freien Geist“ zu schaffen. Brüger sprach dann aber doch den beruhigenden Satz: „Keine Angst, nichts wird abgerissen.“
Zwischen Pragmatismus und Utopie
Gut 200 Kunstbeflissene hatten sich am Sonntag abend zur „Finissage“ der Ausstellung auf der Mathildenhöhe eingefunden, um nach der Schau über Entstehung und Gegenwart den Blick in die Zukunft des Musenhügels zu tun. Dabei schwankte man zwischen Pragmatismus und Utopie, zwischen Gegebenem und dem, was unbegrenztes, freies Denken an Modellhaftem aus der Gegenwart für die Zukunft zu schaffen vermöge. Der Darmstädter Denkmalpfleger Nikolaus Heiss richtete als Sachwalter von 2300 Baudenkmälern in der Stadt, die bis auf wenige freilich nur von durchschnittlicher Qualität sind, seinen Blick vor allem auf das Vorhandene: Er bemängelte den „schlimmen Hinterhof“, den der Zugang zur Mathildenhöhe auf der Ostseite vom Olbrichweg her darstelle: „Da sollte man ansetzen.“
Der Kasseler Architekt und Stadtplaner Jochem Jourdan lobte die Mathildenhöhe als eines der bedeutendsten Kulturdenkmäler des Jugendstils weltweit. „Dieses Vermächtnis sollte man bewahren und überlegen, wie man mit den Fragen der heutigen Zeit diesen Ort weiterentwickelt.“ Jourdan plädierte für eine Internationale Bauausstellung in der gesamten Region, bei der nach dem Vorbild der Entstehung der Mathildenhöhe Modellhaftes für die Zukunft geschaffen werden könne. Eine solche Bauausstellung sei ein zehnjähriger Prozeß, der die Region über Ländergrenzen hinweg zusammenbinden könne. Die Mathildenhöhe mit der großen Ausstellung von 1901 sei ein erstes Beispiel für eine solche Bauausstellung gewesen.
Chance für den Neubau des Poleninstituts
Dieser große Wurf mußte in der Diskussion jedoch eher unverbindlich bleiben. Da machte man sich lieber Gedanken darüber, ob das im Krieg zerstörte Haus Christiansen nicht wieder aufzubauen sei, um der Mathildenhöhe den offiziellen Titel eines Weltkulturerbes zu verschaffen; oder wie künftig mit dem „Hinterhof“ auf der Ostseite umzugehen sei. Beil berichtete von der Bereitschaft der Fachhochschule, ihren unansehnlichen Zweckbau für den Fachbereich Gestaltung zu erneuern. Hier könne auch die Chance eines Neubaus für das Poleninstitut gegeben sein.
Es fehlten für eine solche Lösung gegenüber dem bisher Geplanten rund 30 Millionen Euro, schränkte Beil ein. Auch die zahlreichen anderen wissenschaftlichen Einrichtungen in der Stadt solle man bei der Entwicklung der Mathildenhöhe im Blick behalten. Ohne weitere Investitionen sei die Mathildenhöhe als Weltkulturerbe doch etwas „schwach auf der Brust“, fügte Beil hinzu. Auch Heiss sah einen langen, schweren Weg bis zum Titel Weltkulturerbe, doch er tröstete sich damit, dieser Weg sei ja wohl das Ziel. Brüger forderte, den vorhandenen Raum auf der Mathildenhöhe als Experimentierfeld für die Kunst zu bewahren. Und Beil kündigte an, bei Pragmatismus und Nachbarschaftsinteressen die Frage der Utopie nicht aus dem Auge zu verlieren.
Aus dem Publikum schließlich kamen Forderungen, den Bestand besser zu pflegen und manchen Zustand aus der Vergangenheit, wie die Farbigkeit von Skulpturen im Platanenhain, wiederherzustellen; letzteres ist jedoch laut Heiss wegen der Verwitterung der Plastiken nicht mehr möglich.