04.04.2007 · Das Satellitennavigationssystem Galileo soll nicht nur für bessere Orientierung sorgen. In Darmstadt verbindet sich damit auch die Hoffnung auf gute Geschäfte. Die ersten Förderverträge sollen bald unterzeichnet werden.
Immer wenn Politiker beschwörend fordern, ein bestimmtes Projekt dürfe nicht „sterben“, wird die Öffentlichkeit hellhörig. So ist spätestens seit der Aktuellen Stunde im Hessischen Landtag über den Stand des Galileo-Projekts die „Krise“ des europäischen satellitengestützten Navigationssystems auch in der Rhein-Main-Region angekommen.
Wirtschaftsminister Alois Rhiel (CDU), vor einem Jahr fast euphorisch angesichts der großen Chancen für Hessen, sprach im Landtag wegen der Schwierigkeiten, die die Europäische Union mit dem Firmenkonsortium hat, nur noch zurückhaltend von seinem „Glauben“ an die baldige Geburt von Galileo. „Wir werden“, versicherte er, „unseren Beitrag dafür leisten, dass diese Geburt glücklich verläuft.“
Es steht einiges auf dem Spiel
Rhiels Engagement in der Sache dürfte über jeden Zweifel erhaben sein, denn für Hessen steht einiges auf dem Spiel. Erst vor einem halben Jahr hat die Landesregierung gemeinsam mit der Europäischen Satellitenorganisation Esa an deren Kontrollzentrum in Darmstadt ein Galileo-Gründerzentrum eingerichtet, in dem Unternehmen Anwendungen rund um das neue System entwickeln und vermarkten können.
Verbunden ist das „Centrum für Satellitennavigation Hessen“ (Cesah), an dem T-Systems, Vega Informationstechnologie, die Technische Universität und die Hochschule Darmstadt sowie die Ini-GraphicsNet Stiftung und die Stadt Darmstadt beteiligt sind, mit der Hoffnung, bis 2020 mehr als eintausend Arbeitsplätze in Hessen zu schaffen. Land und Esa stellen dieses und nächstes Jahr dafür insgesamt 1,1 Millionen Euro zur Verfügung.
Derzeit ist jedoch noch nicht einmal klar, ob Galileo wie geplant 2011 einsatzfähig ist. Die 27 Verkehrsminister der EU haben dem privaten Konsortium erst vor kurzem ein Ultimatum gestellt: Bis zum 10. Mai sollen die Satellitenfirmen eine arbeitsfähige Betreibergesellschaft gründen. Ob ihr Ultimatum fruchtet, schien den Ministern jedoch offensichtlich fraglich. Vorsichtshalber haben sie die EU-Kommission beauftragt, Alternativen auszuarbeiten.
„Wie im Taubenschlag“
Anders als in der großen europäischen Politik ist in Arne Jungstands Alltag von Krise noch nichts zu spüren. Der Diplom-Physiker, der als Geschäftsführer seit vergangenem Jahr das Darmstädter Gründerzentrum leitet, kann über Mangel an Arbeit nicht klagen: „Es vergeht hier keine Woche, in der ich nicht mindestens zwei Gespräche mit interessierten Unternehmen führe. Es geht bei uns zu wie im Taubenschlag.“ Dabei handelt es sich nicht nur um Erstkontakte. In den nächsten Tagen soll ein erster Fördervertrag mit der Braunschweiger eta max space GmbH unterzeichnet werden.
Das auf Raumfahrtprojekte und Softwareentwicklung spezialisierte Unternehmen arbeitet an einem System, mit dem sich auf Basis der Galileo-Technologie der Wasserstand von Flüssen besser kontrollieren lässt. In der nächsten Woche folgt Jungstand zufolge eine weitere Vertragsunterzeichnung mit der Frankfurter Agentur 54U (Five For You), die „Satelles“ entwickelt – einen Mobiltelefonreiseführer, dessen Prototyp erstmals in diesem Jahr bei der Documenta in Kassel zum Einsatz kommen wird. Weitere acht Anträge von Unternehmen auf Aufnahme in das Förderprogramm, aus dem für Galileo-Anwenderprojekte Zuschüsse bis zu 100 000 Euro gezahlt werden können, liegen Cesah zur Prüfung vor. Das von Rhiel vor einem Jahr avisierte Ziel, acht bis zehn Förderprojekte bis Ende 2007 zu erreichen, scheint also realistisch.
„Wirtschaftlich interessant“
Was aber, wenn sich das ganze Galileo-Programm verzögert und die Satelliten ihre Daten zur Positionsbestimmung nicht von 2011 an funken? Für Jungstand wäre das derzeit weder kritisch noch gefährdend: „Zum einen hatten wir immer im Hinterkopf, dass es bis zur Inbetriebnahme von Galileo noch Zeit ist. Zum anderen sind die Anwendungen im Großen und Ganzen auch mit der heutigen Technik möglich.“ Zwar seien dazu einige Zwischenschritte nötig, die aber auch „wirtschaftlich interessant“ sein könnten.
Pablo Beltrami Karlezi, bei eta max space Leiter des Projekts „G-Wale“, kann das nur bestätigen. Seine Floater, die wie eine Boje mit Galileo-Empfänger auf Flüssen ausgesetzt werden können, benötigen zwar die Präzision des europäischen Navigationssystems, zur Not ginge es aber auch mit dem amerikanischen GPS-System. Dessen weniger präzise Ortungen ließen sich durch den Satellitenpositionierungsdienst der Deutschen Landvermessung (Sapos) oder den Europäischen Navigationsservice Egnos nachbessern. „Wir müssen das nur in unser Projekt technisch integrieren“, meint Karlezi, dessen Firma im vergangenen Jahr als hessischer Sieger aus dem Galileo-Master-Wettbewerb hervorgegangen ist.
„Wichtige Synergieeffekte“
Auch die Frankfurter Agentur kommt in Kassel mit GPS zunächst aus. Während der Documenta arbeitet Five For You mit einer über ein internetfähiges Mobiltelefon aufrufbaren Website. Das automatisch integrierte Navigationsgerät bestimmt dann, wie Heino Bütow erläutert, den Standort des Nutzers und präsentiert ihm per Sprechtext Erklärungen zu Kunstwerken, vor denen er gerade steht. „Das Ganze ist für uns der Start einer Entwicklung“, sagt Bütow. „Wir wollen das Projekt mit der Stadt weiterverfolgen und irgendwann einmal die ganze Kasseler Museumslandschaft bespielen.“
Eta max space hat mittlerweile ein Büro im Gründerzentrum und wird demnächst mit Jungstand und dessen zwei Mitarbeitern vom Satellitenkontrollzentrum ins benachbarte Technologie- und Innovationszentrum TIZ umziehen. Die Nähe zu den Fachleuten der Esa ist für Karlezi ebenso wichtig wie für Bütow, dessen Agentur in Darmstadt auch eng mit dem Fraunhofer-Institut für Graphische Datenverarbeitung zusammenarbeitet. „Das sind für uns wichtige Synergieeffekte.“ Während die EU-Minister auf den 10. Mai warten, blickt Jungstand zunächst einmal auf den 20. April: Dann wird in Darmstadt die nächste Runde im Galileo-Master-Wettbewerb eingeläutet.