11.01.2007 · Auf der Suche nach einem Restaurant in einer fremden Stadt? Mit dem Mobiltelefonreiseführer, der im Europäischen Satellitenkontrollzentrum Esoc in Darmstadt präsentiert wurde, können Informationen direkt aufs Handy überspielt werden.
Von Rainer HeinBesucher der Documenta in Kassel werden in diesem Jahr Gelegenheit bekommen, auf zukunftsträchtige Art und Weise die Stadt zu erkunden. Denn bis zum Sommer will die Frankfurter Marketingagentur Five für You einen neuen Mobiltelefonreiseführer entwickeln, der die Orientierung in vielerlei Hinsicht vereinfachen dürfte. Satellel, wie sich der interaktive Begleiter nennt, soll Besuchern während der Kasseler Testphase nicht nur angeben, wo sie sich gerade befinden, sondern ihnen auch den Weg zu Sehenswürdigkeiten, Restaurants oder Hotels weisen und sie in Bild und Ton über Denkmäler und Kunstwerke informieren.
Der kleine Handy-Lotse ist eines von drei Produkten, die im Europäischen Satellitenkontrollzentrum Esoc in Darmstadt präsentiert wurden, wo sich derzeit noch der Sitz des „Centrums für Satellitennavigation Hessen“ befindet. Cesah, wie diese GmbH abgekürzt wird, hat im Oktober ihre Arbeit aufgenommen. Die vom Land Hessen und Esoc initiierte Gesellschaft hat zur Aufgabe, über das europäische Satellitennavigationssystem Galileo, das 2011 voll betriebsfertig sein soll, zu informieren und Unternehmen dabei zu unterstützen, Produkte auf den Markt zu bringen, die sich dieser neuen Satellitentechnik bedienen.
Koch: „Außerordentliches Netzwerk“
Nun zogen Esa-Direktor Gaele Winters, Ministerpräsident Roland Koch (CDU) und Cesah-Geschäftsführer Arne Jungstand eine erste, positive Bilanz der vergangenen drei Monate. Koch äußerte, es sei gelungen, in kurzer Zeit ein „außerordentliches Netzwerk“ aufzubauen. Die Initiative zum Galileo-Gründerzentrum sei zur rechten Zeit gekommen. Darmstadt, das aufgrund seiner zahlreichen wissenschaftlichen Institutionen und Einrichtungen als Standort prädestiniert sei, habe die große Chance, eines „der Zentren der Welt in der Galileo-Technik zu werden“. Winters bezeichnete es als Erfolg, dass Galileo durch die bisherige Informationskampagne von Cesah schnell zum Thema der hessischen Wirtschaft geworden sei.
An dem Gründerzentrum sind das Land Hessen sowie T-Systems, VEGA IT, die Technische Universität Darmstadt, die Hochschule Darmstadt, die Stadt Darmstadt und die INI-GraphicsNet Stiftung, zu der auch das Fraunhofer Institut für Graphische Datenverarbeitung gehört, beteiligt. Kooperationen wurden bislang unter anderem vereinbart mit der Deutschen Flugsicherung, der Fraport AG als Betreiber des Rhein-Main-Flughafens, der Schenker Deutschland AG als Vertreter der Logistik-Sparte der Deutschen Bahn, die Accenture Unternehmensberatung und der Hessischen Landesbank.
Wie Jungstand berichtete, haben sich in den vergangenen drei Monaten acht Interessenten um eine Aufnahme in das Gründerzentrum beworben, das in den nächsten Wochen vom Esoc-Gelände in das benachbarte Technologie- und Innovationszentrum umziehen wird, wo 1000 Quadratmeter Bürofläche zur Verfügung stehen. Bis Jahresende rechne er mit 15 bis 20 Unternehmen, sagte Jungstand. Unter den ersten drei, die mit einer Unterstützung und Förderung durch Cesah rechnen können, gehören neben der Frankfurter Agentur die Firma eta max space und das Karlsruher Unternehmen Samago. Eta max space hat ein Messgerät entwickelt, das das Hochwasser-Frühwarnsystem wesentlich verbessern könnte.
„Schwimmende Handys“
Es besteht aus sogenannten Floatern, die nach den Worten von Geschäftsführer Holger Sdunnus wie „schwimmende Handys“ funktionieren. Die mobilen Einheiten, die mit einem Galileo-Empfänger ausgerüstet sind, können auf Flüssen ausgesetzt werden und liefern mit satellitengestützter Navigation Daten über die Pegelstände. Da die Floater preiswert und leicht zu transportieren sind, könnten sie weltweit eingesetzt werden. Die Firma Samago beschäftigt sich damit, wie man Positionsdaten in beliebige Softwareanwendungen einspeisen kann. Das soll zum Beispiel die Abnahme von Versicherungsfällen beschleunigen und vereinfachen.
Galileo-Anwender, deren Innovationen von der Cesah-Expertenjury als marktfähig bewertet werden, können nicht nur mit administrativer, organisatorischer und wissenschaftlicher Unterstützung des Gründerzentrums und seiner Partner rechnen, sondern auch mit maßgeschneiderten finanziellen Hilfen. Das Land und Esoc stellen zur Anschubfinanzierung bis 2008 rund 1,1 Millionen Euro zur Verfügung, von denen 500.000 als Zuschüsse für Gründer gedacht sind. Die Europäische Weltraumagentur Esa verfügt über einen eigenen Fördertopf zum Technologietransfer, in dem sich 40 Millionen Euro befinden.
Cesah wird, wie Jungstand ankündigte, in den nächsten Wochen weitere Workshops zu Galileo-Anwendungen veranstalten – etwa zur exakten Zeiterfassung bei Sportwettkämpfen – und einen regionalen Wettbewerb an Universitäten und Hochschulen initiieren. Winters hofft, dass es mit finanzieller Unterstützung der hessischen Industrie gelingt, einen Stiftungslehrstuhl für Systemtechnik einzurichten.