11.06.2007 · Von Protestaktionen begleitet haben die Arbeiten für das erste Teilstück der Nordostumgehung Darmstadts begonnen. Die Straße soll Ende 2008 fertiggestellt sein.
Begleitet von Protestaktionen haben Oberbürgermeister Walter Hoffmann und Stadtbaurat Dieter Wenzel (beide SPD) die Bauarbeiten für die Verlängerung des Carl-Schenk-Rings eingeleitet. Über die zweispurig geplante neue Trasse, die bei Bedarf auch vierspurig ausgebaut werden kann, soll das Einkaufs- und Gewerbegebiet im Nordwesten Darmstadts deutlich entlastet werden.
Der Carl-Schenk-Ring wird nach Westen um rund 1,3 Kilometer verlängert und an die Gräfenhäuser Straße in Richtung Bundesstraße 3 angebunden. Das zu 65 Prozent vom Land finanzierte, 7,4 Millionen Euro teure Bauvorhaben soll bis Dezember 2008 beendet sein. Es gilt als erstes Teilstück der Nordostumgehung, das jedoch unabhängig von der Entlastungsstraße gebaut wird. Das seit Jahrzehnten geplante Mammutprojekt zwischen der Bundesstraße 42 im Westen und der Bundesstraße 26 im Osten gilt in Darmstadt als Rückgrat der Verkehrsentwicklung.
Hoffmann: „Projekt wurde kaputtdiskutiert“
„Ich weiß nicht, wie alt die Diskussion in dieser Stadt schon ist“, sagte Hoffmann. Er halte die Nordostumgehung für ein Paradebeispiel, wie ein Projekt „kaputtdiskutiert“ wird. Schon in den achtziger Jahren wurde über Varianten, die heute wie eine Streckenführung über das Oberfeld als undenkbar gelten, hitzig debattiert. Jetzt hat der Oberbürgermeister das Gefühl, „dass es endlich losgeht“. Zur rechten Zeit: Der Verkehr werde in den nächsten Jahren noch zunehmen. „Wir brauchen diese Straße dringend, um die Innenstadt zu entlasten.“
Die lange Verzögerung hängt nach Wenzels Ansicht auch mit den Planungsprozessen zusammen. Da immer wieder neue Varianten diskutiert wurden, verschob sich der „Planungshorizont“ von Mal zu Mal. „Wir müssen immer wieder neue Prognosen und Berechnungen erstellen.“
Hoffmann bestieg den für den ersten Spatenstich bereitstehenden Bagger zu den Klängen der Westernmelodie „Spiel mir das Lied vom Tod“. Bürgerrechtler der Initiative „Ono – Darmstadt ohne Nordostumgehung“ taten ihr Mißfallen durch Sprechchöre und eine szenische Beerdigung des „letzten Kiekers vom Bürgerpark“ kund. Auf einem Transparent äußerten sie, dass sie die Umgehungsstraße für ein „100 Millionen-Grab“ halten. Einer ihrer Kritikpunkte, ein Abluftkamin für den rund zwei Kilometer langen geplanten Tunnel unter dem Bürgerpark, über den die gesammelten Abgase in die Luft geblasen werden sollen, wird am 26. Juni Thema einer öffentlichen Informationsveranstaltung sein. Der Kamin liegt nach Meinung der Gegner zu nah an Wohngebieten.
Noch kein Baurecht für die Nordostumgehung
Die von den Kritikern geäußerte Befürchtung, die Nordostumgehung könne neuen Schwerlastverkehr und Fernverkehr anziehen, versuchte Stadtbaurat Wenzel zu zerstreuen. „Unsere Prognosen ergeben, dass es keine Sogwirkung geben wird.“ Erst am Freitag hatte die Stadt eine aktuelle Verkehrsprognose veröffentlicht. Aus ihr geht hervor, dass mit der Umgehungsstraße der Verkehr an Rhönring und Spessartring um bis zu 50 Prozent zurückgehen wird. Die Stadt rechnet mit rund 20.000 Fahrzeugen weniger auf Darmstadts Innenstadtstraßen.
Noch gibt es für die zentralen Abschnitte der Nordostumgehung kein Baurecht. Auch wie der rund 13 Millionen Euro teure Abschnitt zwischen Mathildenhöhe und Rosenhöhe, der nach Darmstädter Wunsch gedeckelt werden soll, finanziert wird, ist unklar. Die Ampelkoalition stehe laut Wenzel „voll und ganz“ hinter der Nordostumgehung. Die Stadtverordnetenversammlung wird voraussichtlich noch in diesem Jahr den Bebauungsplan beschließen. Erleichtert wird die Aussicht auf einen schnellen Baubeginn durch die Unterstützung des Bunds.
Das Projekt steht seit 2003 im Bundesverkehrswegeplan und wurde in den Investitionsrahmenplan des Bundes für den Zeitraum 2006 bis 2010 aufgenommen. 66 Millionen Euro sind in Aussicht gestellt. Die Baumaßnahmen werden aller Voraussicht nach teurer. Wenzel und Hoffmann sprachen von circa 90 Millionen Euro. Die Stadt rechnet nicht vor 2010 mit dem Baubeginn. Hoffmann will die Gunst der Stunde nutzen. Andernfalls werde Darmstadt am Innenstadtverkehr „ersticken“.