12.12.2005 · Arctictis binturong lautet die wissenschaftliche Bezeichnung für jene eigenartigen Tiere, die auf deutsch Schleichkatzen heißen. Der Name ist aber irreführend: Wenn ein Binturong schon einmal den platten Erdboden betritt, dann stapft durch die Gegend.
Arctictis binturong lautet die wissenschaftliche Bezeichnung für jene eigenartigen Tiere, die auf deutsch Schleichkatzen heißen. Der Name ist aber irreführend: Wenn ein Binturong schon einmal den platten Erdboden betritt, dann schleicht er nicht, sondern stapft durch die Gegend. Er ginge dem Laien glatt als Kleinbären-Imitation durch, wäre da nicht sein auffallend langer Schwanz, der mit 80 Zentimetern fast seine Körperlänge erreichen kann. Dieser Greifschwanz dient den Tieren, die zur Sippe der Palmenroller gehören, als „fünfte Hand“ hoch oben in den tropischen Baumwipfeln, wo sie zu Hause sind.
Besucher der neuen Binturong-Anlage im Vivarium, die dieser Tage eröffnet worden ist, kann es passieren, daß sie intensiv Ausschau halten müssen, denn die Schleichkatzen sind Dämmerungs- und Nachttiere. Zu den Besuchszeiten des Darmstädter Zoos machen sie vor allem eines: Sie schlafen auf einem Ast und führen damit, wie es Vivarium-Leiter Thomas Becker ausdrückt, ein „Schattendasein“.
450.000 Euro teure Anlage
Die neue Anlage ist ein Glasbau. Er besteht aus einem für die Besucher zugänglichen 245 Quadratmeter großen Teil sowie drei Gehegen für die Binturongs mit 50 Quadratmetern und einer weiteren 60 Quadratmeter große Fläche, die eingesehen werden kann. Markant ist das Wasserbecken mit Besucherbrücke, das von einem kleinen Wasserfall gespeist wird. Die Anlage hat 450.000 Euro gekostet, von denen die Stadt 100.000 Euro aufbrachte. Den Hauptanteil mit 350.000 Euro trug der Zoo-Förderverein Kaupiana bei, der, wie Becker betonte, in den vergangenen 15 Jahren alle größeren Projekte des Vivariums maßgeblich finanziert hat. Mit seinen 4.500 Mitgliedern bildet er den größten Verein der Stadt.
Die Binturongs oder Marderbären sind keine neue Tierart im Vivarium. Die ersten Exemplare kamen schon 1980 aus dem Zoo Hannover nach Darmstadt, der erste Schleichkatzen-Nachwuchs wurde 1984 geboren. Seitdem hat das Vivarium mehr als 35 Tiere aufgezogen, die an Tiergärten in Amsterdam, Heidelberg, Berlin, Pittsburgh und der Schweiz abgegeben wurden.
Zur Zeit werden in Darmstadt vier Weibchen gehalten, vier weitere Tiere sorgen als Zuchtleihgaben in anderen Einrichtungen für das Überleben ihrer Art. Die Darmstädter Schleichkatzen-Damen werden vermutlich im nächsten Jahr Dauerbesuch von einem männlichen Exemplar aus Südostasien erhalten. Daß der „Zuchtmann“ aus der Heimat der Binturongs, die in freier Wildbahn in Sumatra, Borneo, Malaysia, Thailand, Birma, Laos und Vietnam leben, eigens importiert wird, liegt an den Zuchterfolgen der Darmstädter in den vergangen 20 Jahren: Die in europäischen Zoos gehaltenen Tiere haben, wie Becker sagt, fast alle „Darmstädter Blut“. Um Inzucht zu vermeiden, kommen sie daher als Zuchtmänner nicht in Betracht.
Alte Anlage nicht mehr artgerecht
Das Glashaus wurde notwendig, weil die alte Anlage nicht mehr artgerecht war. Der Neubau soll aber nicht nur den Anforderungen an die Tierhaltung genügen, sondern auch die Erwartungen der Besucher befriedigen. Da die tagsüber verschlafenen Binturongs nur begrenzt faszinieren, bekommen sie im Frühjahr mit Zwerg- oder Kurzkrallenottern lebendigere Nachbarn. Auch diese Tiere, die von Zoo-Managern wegen ihre „Plüsch-Knopfaugen“ und ihrer quirligen Verspieltheit als „Everybodies Darling“ gelten, stammen ursprünglich aus Südostasien. Sie haben anders als die Schleichkatzen ihren Lebensraum auf der Erde und im Wasser und verschlafen nicht die Tage.
Eigentlich sollten sich Ottern und Binturongs also kaum in die Quere kommen. Gleichwohl wird es im Vivarium erst einmal eine Eingewöhnungszeit geben mit klarer Trennung der Territorien. Erst nach erfolgreicher Probephase soll der Schieber im Teich unter der Brücke geöffnet werden, so daß ein Wechsel von der einen auf die andere Seite möglich ist. Im Zoo hofft man, daß sich alle Bewohner der neuen Anlage gut vertragen.