08.07.2005 · In den ersten sieben Wochen des Zweiten Weltkriegs sind nach Schätzung des Historikers Jochen Böhler mehr als 10000 Zivilisten Opfer des deutschen Luftkrieges geworden und mehr als 16000 Polen von Angehörigen der Wehrmacht, SS-Einheiten oder der Sicherheitspolizei erschossen worden. In der Kommunalen Galerie der Stadt Darmstadt ist am Freitag eine Ausstellung über diese Verbrechen der deutschen Wehrmacht eröffnet worden.
Von h.r., F.A.Z. vom 9. Juli 2005Anders als die beiden Ausstellungen des Hamburger Instituts für Sozialforschung, die sich auf den Vernichtungskrieg in Osteuropa zwischen 1941 und 1945 konzentriert hatten, dokumentiert die Schau in Darmstadt nur das Geschehen in den ersten sieben Kriegswochen in Polen: vom Einmarsch der Wehrmacht am 1.September 1939 bis zum 25.Oktober 1939.
Der Überfall auf Polen sei nicht nur der Auftakt des Weltkrieges gewesen, sondern zugleich der Auftakt des Vernichtungskriegs. "Ohne den Vorlauf 1939 in Polen tut man sich schwer, die Vorgänge nach 1941 in der Sowjetunion zu erklären", sagt Böhler, der als Mitarbeiter des Deutschen Historischen Instituts Warschau gemeinsam mit dem Polnischen Institut des Nationalen Gedenkens die Dokumentation konzipiert hat.
Zweiter Ausstellungsort in Deutschland
"Größte Härte ... Verbrechen der Wehrmacht in Polen September/Oktober 1939" wurde erstmals am 1.September 2004 in Polen gezeigt. Darmstadt ist die zweite Kommune in Deutschland, in der eine deutschsprachige Version zu sehen ist. Die Ausstellung geht anschließend nach Bonn und Dresden.
Böhler machte deutlich, daß das deutsch-polnische Gemeinschaftsprojekt eine Antwort darstellt auf die Beschränkung der Ausstellung des Hamburger Instituts, die in Deutschland für sehr kontroverse Diskussionen gesorgt hat. Auch polnische Wissenschaftler hätten wiederholt darauf hingewiesen, daß der Überfall auf Polen in der Dokumentation der Kriegsverbrechen nahezu vollständig ausgeblendet worden sei, obwohl der Krieg von Anfang an die Züge eines ideologischen Rassenkrieges aufgewiesen und die Ermordung führender Gesellschaftsschichten und ethnischer Minderheiten zum Ziel gehabt habe.
„Gnadenloses Mordprogramm“
Die deutsche Luftwaffe hat nach den Untersuchungen der Historiker mehr als 150 polnische Städte bombardiert - unabhängig davon, ob sich dort polnisches Militär befand oder nicht. Auf dem Boden lief, sagte Böhler, ein "gnadenloses Mordprogramm" ab mit Brandstiftungen und Erschießungen, oftmals als ungezügelter Ausfluß von Antisemitismus und Antislawismus deutscher Soldaten, für die Polen als kulturell und rassig minderwertige Nation gegolten habe.
Tausende Zivilisten, so zeigt die Dokumentation, wurden unter dem Vorwand, es handele sich um Freischärler, erschossen, obwohl es im September 1939 noch keine organisierten Partisaneneinheiten gab. Die polnischen Juden schließlich wurden zum Freiwild für deutsche Soldaten: Drangsalierungen und willkürliche Erschießungen waren an der Tagesordnung.
Kaum ein Dorf blieb verschont
Der Charakter dieses Krieges sei manchen Soldaten nur zu bewußt gewesen. "Der Vormarsch des Infanterieregiments 41", so erinnerte sich Jahrzehnte später ein Soldat, "war ein einziger Völkermord. Obwohl es noch keine polnischen Partisanen gab, blieb kaum ein Dorf von Kalisch bis Warschau verschont."
Daß das Hamburger Institut trotz aller Hinweise diese Verbrechen auch in der überarbeiteten Ausstellung nicht berücksichtigte, hat im Nachbarland nach Böhlers Worten zu Irritationen und Verbitterung geführt - und zu dem Entschluß des Polnischen und des Deutschen Historischen Instituts, eine eigene Dokumentation zu konzipieren.
Perspektiven beider Seiten
"Größte Härte..." dokumentiert auf Grundlage neuen Materials aus deutschen Archiven und polnischer Forschung das Ausmaß der Kriegsverbrechen in vier Themenkomplexen: den Luftkrieg gegen Städte, den Bodenkrieg gegen die Zivilbevölkerung, die Gewalt gegen Kriegsgefangene und den Terror gegen polnische Juden.
Dabei versucht die Ausstellung stets Perspektiven beider Seiten zu vermitteln: Auszügen aus Tagebüchern und Feldpostbriefen, Zitaten aus Befehlen der Wehrmachtsführung oder Bildern deutscher Propagandablätter steht die Sicht der Opfer entgegen mit Fotos zerstörter Städte und getöteter Menschen - eine Konfrontation, die am sichtbarsten wird in den Filmdokumentationen "Das Auge der Besatzer" und "Das Auge der Besetzten". Die gezeigten Bilder und Zitate entstammen sowohl polnischen wie deutschen Quellen, beispielsweise dem Bundesmilitärarchiv in Freiburg.