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Dahrendorf erhält Preis der Schader-Stiftung „Ein Jahrzehnt der Verarmung“

08.05.2009 ·  Ralf Dahrendorf hat den Preis der Schader-Stiftung erhalten. In ihrer Laudatio bezeichnete die Präsidentin des Wissenschaftszentrums Berlin den Soziologen, Politiker und Publizisten als „einen der wenigen Brückenbauer, die wir heute noch haben“.

Von Rainer Hein, Darmstadt
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So also sind die Briten. Nachdem Lord Ralf Dahrendorf am Donnerstag in Darmstadt durch Alois Schader den Schader-Preis entgegengenommen hatte, trat er kurz ans Mikrofon und sagte mit grauenhaft erkälteter Stimme: „Wie Sie vielleicht wissen, bin ich ein Anhänger des britischen Wahlrechts. Das bedeutet, ich habe keine Zweitstimme.“ In diesem Moment ging es in der fast vollbesetzten Orangerie ungefähr so lebhaft zu wie 1968 auf dem Deutschen Soziologenkongress, auf dem der liberale Gelehrte dem dialektischen Theorie-Praxis-Verständnis der Frankfurter Schule widersprochen hatte. Nur dass damals die linken Studenten lautstark protestierten, während sich die rund 400 Gäste in Darmstadt überaus amüsiert zeigten über den erfrischenden Humor des 80 Jahre alten Soziologen, Politikers und Publizisten.

Die in Darmstadt ansässige Schader-Stiftung, die sich seit 1988 um die Praxisorientierung der Gesellschaftswissenschaften bemüht, hat in den vergangenen Jahren eine ganze Reihe namhafter Wissenschaftler ausgezeichnet. Ulrich Beck erhielt zum Beispiel den mit 15.000 Euro dotierten Preis oder Gesine Schwan. Im Jahr des Jubiläums ist mit Lord Dahrendorf die Wahl der Jury auf einen Mann gefallen, der nach den Worten von Stefan Hradil vom Stiftungsvorstand der „ideale Preisträger“ ist und dessen Würdigung als Mittler zwischen den Sozialwissenschaften und der Praxis nach Ansicht von Jutta Allmendinger längst überfällig war.

„Mir schweben Chancen für alle vor“

Die Präsidentin des Wissenschaftszentrums Berlin bezeichnete in ihrer Laudatio den Preisträger, der seit 1982 den Adelstitel „Sir“ tragen darf und 1993 als „Baron Dahrendorf of Clare Market in the City of Westminster“ zum Life Peer erhoben wurde, als einen „großen Integrator“: „Dahrendorf integriert zeitlich, sachlich und sozial. Er integriert über Generationen, über Disziplinen, über Nationalstaaten hinweg. Er ist einer der wenigen Brückenbauer, die wir heute noch haben.“

Wie Allmendinger in ihrer Würdigung und Hessens Justizminister Jörg-Uwe Hahn (FDP) in seinem Grußwort deutlich machten, hat Dahrendorf nicht nur mit seiner liberalen Gesellschafts- und Staatstheorie Brücken gebaut. Er hat sie auch selbst be- und überschritten und in seiner Person Wissenschaft, Politik und Publizistik verbunden. So lehrte er nicht nur an unterschiedlichen Universitäten und prägte dort maßgeblich die deutsche Nachkriegssoziologie, sondern er nahm auch politische Ämter wahr – als FDP-Abgeordneter im Landtag von Baden-Württemberg, Bundestagsabgeordneter, Parlamentarischer Staatssekretär im Auswärtigen Amt unter Kanzler Willy Brandt (SPD) oder als EU-Kommissar. In diesen verschiedenen Funktionen hat Dahrendorf, wie die Jury befand, „beispielhaft zur Praxisorientierung der Gesellschaftswissenschaften beigetragen“. Er hat sich damit, um Darmstadts Oberbürgermeister Walter Hoffmann (SPD) zu zitieren, „im wahrsten Sinne des Wortes den Oscar der Sozialwissenschaften verdient“.

In seiner Dankesrede, die von Hradil verlesen wurde, sagte Dahrendorf, selten sei das wissenschaftlich informierte Verständnis der menschlichen Dinge wichtiger als in den Zeiten der Auflösung und des Umbruchs. Selten sei jedoch auch die Wissenschaft ratloser als in solchen Zeiten. Die modernen Ökonomen hätten, wie die Finanzkrise zeige, versagt. Allerdings sehe er trotz der Krise keine revolutionäre Situation heraufziehen. Es gebe Ratlosigkeit, Angst und Zorn, was ein explosives Gebräu sei. Er vermute aber, dass Europa keine Aufstände, sondern ein „Jahrzehnt der stummen Verarmung vieler“ erleben werde.

Am Weg der Freiheit, die aus Versuch und Irrtum bestehe, führe aber kein Weg vorbei. „Mir schweben Chancen für alle in der bunten Vielfalt des Daseins vor“, sagte der gebürtige Hamburger, der im Nachbarland britischer Baron mit einem selbstgewählten Titel wurde, der vermutlich seinem hanseatischen Humor entsprungen ist: „Clare Market“ heißt der Parkplatz der London School of Economics and Political Science, deren Leiter Dahrendorf einst war.

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Jahrgang 1958, Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung in Darmstadt.

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