21.03.2007 · Jeder zweite Internetnutzer hat schon einmal „gechattet“. Doch „Chatten“ kann auch gefährlich sein. Besonders Mädchen werden häufig Opfer von erwachsenen Männern.
Von Katharina IskandarWenn das Wort „Knuddels“ auf dem Schulhof fällt, weiß fast jeder, was sich dahinter verbirgt: kein neues Kuscheltier, sondern eine Internetseite, auf der man ein wenig plaudern kann. Ebenso wie „Chatcity“ oder „Chat4free“, wie „Cyberzwerge“ oder „Mokitown“. Laut einer aktuellen Studie, die den Umgang von Kindern und Jugendlichen mit modernen Medien untersucht, hat fast jeder zweite Internetnutzer schon einmal „gechattet“, sich also mit Freunden oder Fremden im Internet unterhalten.
Doch „Chatten“ kann auch gefährlich sein – denn Bedrohungen und Belästigungen nehmen zu. Katja Knierim kennt solche Fälle. Sie ist Mitarbeiterin bei „Jugendschutz.net“ in Mainz und arbeitet derzeit an einem Projekt, das regelmäßig die bekanntesten Chatforen besucht und analysiert. „Was man dort mitbekommt“, sagt sie, „ist zum Teil erschreckend.“
Einschmeicheln unter falscher Identität
Es gebe Chats, in denen jeder zweite Kontakt eine Belästigung zur Folge habe. Besonders Mädchen zwischen zehn und 14 Jahren würden oft von fremden Chatteilnehmern „angemacht“. Meist beginne dies mit harmlosen Fragen, wie zum Beispiel, ob man allein zu Hause sei, wie man aussehe oder ob man schon mal verliebt gewesen sei. Manchmal wollen die Gesprächspartner auch ein Foto geschickt bekommen. Einige schlagen sogar ein Treffen vor.
Was viele Kinder nicht wissen: Diese scheinbar neugierigen Chatter sind keine Gleichaltrigen, sondern erwachsene Männer, die gezielt Kontakt zu Kindern suchen und sich mit ihren Handlungen manchmal sogar strafbar machen. Sie registrieren sich absichtlich auf Kinderseiten und schmeicheln sich unter falscher Identität bei ihnen ein. Über einen längeren Zeitraum „horchen“ sie dann ihre späteren Opfer aus.
Polizei beschäftigt sich mit „Groomern“
Seit vielen Jahren schon beschäftigt sich auch die Polizei mit diesen gefährlichen Einschmeichlern, die in der Fachsprache „Groomer“ genannt werden. „Chatten ist eine tolle Sache“, sagt Andreas Arnemann vom Hessischen Landeskriminalamt. „Man muss sich jedoch bewusstmachen, dass man nur ein paar Klicks davon entfernt ist, Kontakt zu Menschen zu bekommen, die einen belästigen wollen – oft auch sexuell.“ Meistens fangen solche Gespräche mit harmlosem Geplauder an, werden dann aber schnell „sehr unheimlich“. Man solle auf sein Bauchgefühl hören und auf merkwürdige Anfragen nicht reagieren, rät Arnemann. Vor allem aber solle man sich nicht scheuen, mit den Eltern darüber zu sprechen – auch wenn es einem vielleicht peinlich ist.
Knierim hofft, dass auch die Betreiber der einschlägigen Internetseiten handeln und dafür sorgen, dass solche Belästigungen nicht mehr vorkommen. Das ist nämlich möglich; einige Chatseiten wie „Cyberzwerge“, „Seitenstark“ oder „Tivi“ haben es dank wachsamer Moderatoren geschafft. Einen hundertprozentigen Schutz gebe es aber nicht, sagt Knierim. Denn die „Groomer“ seien raffiniert. Sie wechselten einfach vom offiziellen Chatraum zu einem „Instant Messenger“ (das sind Chat-Programme wie zum Beispiel „ICQ“). „Dort befindet man sich in einem Raum, der von der Öffentlichkeit abgeschottet ist.“ Schützen kann man sich aber auch dort: indem man nur mit Menschen spricht, die man zum Beispiel aus der Schule kennt.