12.09.2008 · Wer derzeit mit Mitarbeitern des Gießener Telekom-Callcenters über die geplante Auflösung des Standorts spricht, erhält immer die gleiche Antwort: „Ich bin wie gelähmt, ich habe Angst.“ Die Schließung trifft besonders Schwerbehinderte hart.
Von Sarah EhrmannWer derzeit mit Mitarbeitern des Gießener Telekom-Callcenters über die geplante Auflösung des Standorts spricht, erhält immer die gleiche Antwort: „Ich bin wie gelähmt, ich habe Angst.“ Am Mittwoch verteidigte Telekom-Chef René Obermann am Rand einer Konferenz der Gewerkschaft Verdi in Kassel die Schließung von bundesweit 39 der 63 Callcenter des Unternehmens, davon zwei in Hessen. Nach Angaben von Verdi sollen die 181 Arbeitsplätze aus Kassel nach Fulda, die 150 Arbeitsplätze aus Gießen nach Eschborn verlegt werden.
„Das ist eine riesengroße Frechheit und wir fordern Verhandlungen“, sagte Betriebsrätin Christine Englert. „Die Mitarbeiter hier sind fertig mit den Nerven, doch Herr Obermann sieht den Unmut der Leute offenbar gar nicht.“ So könne man doch nicht mit den Leuten umgehen, sagt sie. Obermanns Versprechen, die Mitarbeiter nicht im Regen stehen zu lassen und Umzugshilfe zu stellen, quittierten Demonstranten in Kassel mit Gelächter. „Ich habe ein Haus und ein Kind, ich kann und will nicht umziehen“, sagt eine Angestellte, die jetzt schon täglich 45 Kilometer täglich nach Gießen fahren muss. Außerdem sei ihr Arbeitsplatz erst vor zwei Jahren von Hanau nach Gießen verlegt worden. Eine Zwickmühle: Pendelte sie nach Eschborn, säße sie täglich dreieinhalb Stunden im Auto. Sie kenne viele Kollegen, die nach Gießen pendelten und mit der Belastung nicht klar kamen: „Die haben aufgehört, sind arbeitsunfähig.“
Wunsch: Heimarbeitsplatz
Im Callcenter in Gießen wird in Schichten gearbeitet – von morgens um sieben bis abends um zehn, auch am Wochenende. Wie der Dienstplan in Eschborn aussehen wird, könne noch keiner sagen, zumal „das Gebäude der Zukunft“ eigentlich schon voll sei und gar keine Mitarbeiter mehr aufnehmen könne, wie eine weitere die Angestellte berichtet. Sie arbeitet bereits seit 20 Jahren bei der Telekom. „Ich habe mich immer mit dem Unternehmen identifiziert, war stolz, dort angestellt zu sein.“ Doch das fiele ihr zunehmend schwerer, zumal sie sich sogar noch als „privilegiert“ betrachten müsse, da sie fast direkt in Gießen wohnt und praktisch keinen Anfahrtsweg hat.
Über die von René Obermann angepriesenen 49 Minuten von Gießen nach Eschborn kann sie nur den Kopf schütteln. „Um das zu schaffen, müsste man entweder direkt neben dem Bahnhof oder der Autobahn wohnen.“ Auch für sie würde tägliches Pendeln von Haustür zu Haustür mindestens eineinhalb Stunden beanspruchen. Sie wünscht sie einen Heimarbeitsplatz, um für ihre kleine Tochter da zu sein. „Als teilzeitarbeitende Frau mit Kindern leistet man sowieso schon viel – und dann wird einem der Boden unter den Füßen weggezogen“, bedauert sie.
„Nach außen wird Familienfreundlichkeit propagiert“
Auch für eine weitere Kollegin bedeutet Eschborn existenzielle Angst: „Ich kann als Schwerbehinderte nicht so gut laufen, dass ich öffentliche Verkehrsmittel nutzen könnte“, sagt sie. Sie wundert sich über die „Doppelmoral der Telekom“: „Nach außen wird Familien- und Umweltfreundlichkeit propagiert, aber dann reißen sie Familien auseinander und erwarten von den Mitarbeitern, mit dem Auto zu fahren – das passt doch nicht.“ Betriebsrätin Englert versteht die Verzweiflung: „Am Standort Gießen sind Angestellte, die zum Teil seit 30 Jahren für die Telekom arbeiten und jetzt das Gefühl haben, nicht mehr gewollt zu sein.“ Dabei sei auch das Callcenter in Eschborn nicht das Nonplusultra, sondern liege eher im Mittelfeld der Erfolgsstatisik.
„Ich bin schwerbehindert und räumlich nicht flexibel; aber ich fürchte, mir bleibt keine andere Wahl, als nach Eschborn zu pendeln“, sagt ein 42 Jahre alter Familienvater, der zwischen Wetzlar und Limburg wohnt. Um 38 Stunden pro Woche zu erreichen, müsste er jeden Tag um 5.40 Uhr den ersten Zug nehmen und käme nach Hause, wenn sein Sohn schon schliefe. „Ich kann mir ja dann ein Bild auf meinen Schreibtisch stellen, das ich jeden Monat aktualisiere“, sagt er. Doch dann fällt ihm ein, dass das gar nicht geht: In Eschborn gibt es rotierende Arbeitsplätze, persönliche Dinge dürfen nicht aufgestellt werden.
„So kann man doch nicht mit Leuten umgehen“
Gerd Lehmann (Gerd_L)
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Bequemlichkeit
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Vergesslichkeit...
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Call-Center Standort ist wirtschaftlich irrelevant
Martin Weigele (mgweigele)
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