12.02.2010 · Ein Museum widmet sich der Geschichte der Mineralwasserindustrie und des Badewesens. Es ist in einem Gebäude mit vielen historischen Bezügen untergebracht.
Von Wolfram AhlersSchon die Römer wussten um die wohltuende Wirkung der Vilbeler Quellen, wie archäologische Funde belegen. Im Mittelalter wird die Heilkraft Vilbeler Wassers mehrfach sogar in medizinischen Fibeln beschrieben. So empfiehlt das Arzneibuch des angesehenen Doktor Jacobus Tabernaemontanus den „Fülfeler Sauerbrunnen“ als probates Mittel gegen „allerley Leibesblödigkeit“. Vom guten Ruf der Bad Vilbeler Brunnen profitiert heute vor allem die Mineralwasserindustrie.
Mit etwa 500 Millionen Flaschenfüllungen, die aus mehr als zwei Dutzend Reservoirs stammen, gehört die rund 32.000 Einwohner zählende Stadt zu den bedeutendsten Produzenten von Mineralwasser in Deutschland. Die Geschichte des Bad Vilbeler Wassers und des wichtigsten Wirtschaftszweiges der Kommune führte bislang freilich eher ein bescheidenes Dasein. Damit ist es nun vorbei. Im neuen Brunnen- und Bädermuseum, das dieser Tage eröffnet wurde, hat all das, worauf sich Bad Vilbels Renommee als „Stadt der Quellen“ gründet, einen angemessenen Platz bekommen.
Das betrifft Präsentation und Standort gleichermaßen. Denn untergebracht ist das Museum mitten in dem herausgeputzten alten Ortskern in Nachbarschaft zum Bad Vilbeler Wahrzeichen, dem alten Rathaus. Das frühere Gasthaus „Zum Hirsch“, ein Fachwerkbau, dessen Ursprünge bis ins 17. Jahrhundert zurückreichen, ließ die Stadt in Zusammenarbeit mit dem Geschichts- und Heimatverein sowie Günter Hinkel, Seniorchef von Hassia Mineralquellen, renovieren und für die Ausstellung umgestalten. Mehr als eine halbe Million Euro investierten Stadt, Geschichtsverein, Land und private Geldgeber in das nach gut einem Jahr Bauzeit vollendete Projekt.
Sanierung der Wasserburg
Das frühere Brunnen- und Heimatmuseum, Ende der fünfziger Jahre von Heimatforschern gegründet und später um private Leihgaben und Sammlungen zur Getränkeindustrie erweitert, befand sich in der mittelalterlichen Wasserburg. Dort fehlte der Platz. Außerdem musste das Museum in den Sommermonaten stets schließen, seit das Anwesen zu dieser Zeit Schauplatz der Burgfestspiele ist. Als dann vor einigen Jahren die Sanierung der Wasserburg begann, kam für das Museum das Aus. Die Sammlungen wurden abgebaut und in Magazinen eingelagert.
Die Suche nach einem Standort, wo Exponate zur Brunnen-, Stadt- und Bädergeschichte wieder und vor allem besser präsentiert werden könnten, gestaltete sich schwierig. Dann bot die Volksbank der Stadt das ehemalige Gasthaus für kulturelle Zwecke an. Das Geldinstitut hatte das historische Haus miterworben, als es das Gelände hinter dem Marktplatz für seinen Neubau kaufte. Der Fachwerkbau beherbergte zuletzt Büros, deren Mietverträge ausliefen.
Für den Standort sprach nicht nur Platzangebot mit rund 250 Quadratmeter Ausstellungsfläche. Es sind zugleich historische Bezüge, denn in dem Haus lebte der frühere Stadtchronist, Quellenbetriebsbesitzer und Mitbegründer des Vorgängermuseums, Otto Weihl. Vor allem aber gilt das Areal um das neue Museum als Wiege der Bad Vilbeler Mineralwasserindustrie. Im Hof eines der benachbarten Gebäude stieß Carl Brod im Sommer 1900 auf eine ergiebige Quelle, die den damaligen Berichten zufolge mehr als zehn Meter hoch sprudelte und in jeder Minute mehr als 500 Liter Wasser hervorbrachte.
Allzu intensive Suche nach Brunnen
Nachdem Analysen dem Brodschen Sprudel Heilwassercharakter attestiert hatten, grassierte in der Stadt alsbald das „Quellenfieber“, wie ein Chronist schrieb. Überall in und um Bad Vilbel drangen Bohrer in die Erde vor und erschlossen weitere Quellen. Das ging schließlich so weit, dass die Behörden sich veranlasst sahen, einer allzu intensiven Suche nach Brunnen Einhalt zu gebieten, weil Gefahr bestand, dass andere Brunnen versiegen. Etwa zwei Drittel der Mineralbrunnenbetriebe befanden sich in dem Quartier zwischen Niddaufer und Marktplatz, bis die Unternehmen gegen Ende des 20. Jahrhunderts begannen, Abfüllanlagen und Flaschenlager an den Stadtrand zu verlagern.
Das Museum gliedert sich in drei Ebenen, und die in Kooperation mit dem hessischen Museumsverband gestaltete Ausstellung verbindet die Präsentation historischer Exponate und zeitgenössischer Fotos auf Schautafeln mit modernen Schauelementen wie Video- und Audiodarstellungen. Im Erdgeschoss dreht sich die Ausstellung insbesondere um die Geschichte der Brunnenindustrie. Herzstück bildet der Nachbau einer Betriebshalle aus der ersten Blüte der Mineralwasserindustrie in den dreißiger Jahren. Anhand von Originalen zeigt die Ausstellung den bis heute im Wesentlichen gleichen Betriebsablauf vom Reinigen der Gefäße über Befüllung und Anreicherung des Wassers mit Kohlensäure bis zu Verschluss und Etikettierung der Flaschen - mit dem Unterschied, dass vor rund 80 Jahren flotte Hände gefragt waren, während diese Arbeitsschritte heute automatisiert sind.
Geschichte des Heilbades
Eine zum Teil noch aus dem alten Museum stammende Sammlung veranschaulicht den Wandel der Mineralwasserbehälter, von Tonkrügen in der Anfangszeit über Glasflaschen bis zu Gefäßen aus Kunststoff, die seit einigen Jahren auf dem Siegeszug sind. Wobei in der Bad Vilbeler Brunnenindustrie nach Angaben von Hinkel anders als bundesweit bei weitem der Anteil an Mehrwegflaschen überwiegt. Andere Exponate lassen das Transportwesen Revue passieren, von Pferdefuhrwerken, die sich seinerzeit zu Kunden umliegender Ortschaften und ins benachbarte Frankfurt aufmachten, bis zu mehrachsigen Lastzügen in unseren Tagen, mit denen Kunden über die Region hinaus beliefert werden.
Eine weitere Abteilung befasst sich mit der Geschichte des Heilbades. Zu sehen ist der Nachbau einer der ersten Badezellen mit Holzwannen, wie sie zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Höfen aufgestellt waren. Nachgezeichnet wird der unter städtischer Regie erweiterte Badebetrieb mit Kurmittelhaus und Trinkkuranlage. Wurden noch Mitte der sechziger Jahre weit mehr als zehntausend Bäder verabreicht, ging es danach mit den Badekuren rasch bergab. Heute werden in Bad Vilbel lediglich ambulant noch einige Bäder verabreicht. Abgerundet wird die Ausstellung mit naturwissenschaftlichen Informationen. So macht eine Abteilung mit der vielfältigen mineralischen Zusammensetzung des Bad Vilbeler Wassers bekannt und beleuchtet die besonderen geologischen Gegebenheiten dieses Landstrichs, die es ermöglichten, dass sich große Mengen mit Mineralien angereichertes Wasser in unterschiedlichen Gesteinsschichten und verschiedenen Tiefen ansammeln kann.
Wolfram Ahlers Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung für Mittelhessen und die Wetterau.
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