28.04.2004 · Begünstigt von einem heißen und trockenen Sommer 2003 und einem vergleichsweise milden und niederschlagsarmen Winter ist im hessischen Wald eine Ausbreitung des Borkenkäfers zu beobachten, deren Dimension Förstern und Privatwaldbesitzern immer größere Sorgen bereitet.
Begünstigt von einem heißen und trockenen Sommer 2003 und einem vergleichsweise milden und niederschlagsarmen Winter ist im hessischen Wald eine Ausbreitung des Borkenkäfers zu beobachten, deren Dimension Förstern und Privatwaldbesitzern immer größere Sorgen bereitet. Forstminister Wilhelm Dietzel (CDU) lud in den Bad Schwalbacher Wald, um die prekäre Lage vor Augen zu führen: Lockmittelfallen mit Hunderten gefangener Borkenkäfer, abgestorbene braune Fichten mitten im ansonsten grünen Wald und frisch befallene Jungbäume, die kaum eine Überlebenschance haben.
Dietzel zufolge lag die Befallsfläche im Jahr 2002 hessenweit bei 170Hektar, im vergangenen Jahr seien es schon 5700 Hektar gewesen, und in diesem Jahr sei mit einem weiteren starken Anstieg zu rechnen.
Die Furcht der Forstleute gründet sich auf dem Klima des vergangenen Winters, der nicht kalt genug gewesen war. Erst wenn die Temperatur für einige Zeit unter minus 15 Grad Celsius fällt, bricht die Borkenkäferpopulation zusammen, sterben bis zu 95Prozent der Schädlinge.
Den vergangenen Winter haben viele Borkenkäfer jedoch überlebt, während die Abwehrkräfte der Bäume durch die lange Trockenheit stark eingeschränkt sind. Während ein Borkenkäferweibchen innerhalb von zwei bis drei Generationen 3000Nachkommen hervorbringen kann, sind die Bäume wegen des Wassermangels kaum mehr in der Lage, eindringende Käfer durch Harzbildung abzuwehren. Fichten sind die mit Abstand meistbefallene Art, denen der Buchdrucker und der Kupferstecher stark zusetzen. Experten des Forstministeriums schätzen die Bedrohung durch den Kupferstecher so groß ein wie nie zuvor in den vergangenen Jahrzehnten. Von einer Katastrophe für den von Laubbäumen dominierten hessischen Wald könne man zwar nicht sprechen, aber die Fichtenwälder würden sehr stark in Mitleidenschaft gezogen.
Die Experten des Ministeriums erwägen deshalb, den Klimawandel zum Anlaß für eine Modifizierung ihrer waldbaulichen Strategie zu nehmen. Denkbar sei, vor allem in tieferen Lagen unter 300Meter die Kiefer dann stärker durch die robustere Douglasie zu ersetzen, wenn dort nicht ohnehin der Laubwaldanteil erhöht werden solle.
Eine chemisches Mittel gegen die Plage steht den Förstern und Privatwaldbesitzern nicht zur Verfügung. Ihnen bleibt nur, befallene Bäume schnellstmöglich zu fällen und aus dem Wald zu transportieren. Die Stämme werden entrindet, und die Rinde wird geschreddert oder verbrannt, um die Weiterverbreitung des unter der Rinde sitzenden Käfers zu stoppen. Die Experten erwägen derzeit aber auch, Holzlager unter Umständen mit Insektiziden zu besprühen.
Jede Form der Bekämpfung ist allerdings mit hohen Kosten verbunden. Das Land hat deshalb kurzfristig 600000 Euro zur Verfügung gestellt für die Entrindung und Lagerung der Bäume außerhalb des Waldes. Der Landesbetrieb Hessen-Forst muß seine Anstrengungen zur Bekämpfung der Plage im Staatswald dagegen aus dem vorhandenen Budget ohne Aufstockung finanzieren. Der Waldbesitzerverband hat dem Land für die schnelle und unbürokratische Hilfe gedankt und an die Säge- und Holzindustrie appelliert, die Notlage der Forstbetriebe nicht durch sinkende Preise für Fichtenholz zu verstärken.
Die Opposition im Landtag stellt unterdessen einen Zusammenhang zwischen der Krise im Fichtenwald und der Forststrukturreform her. Der geplante Personalabbau bei Hessen-Forst sei die falsche Antwort auf die Borkenkäferplage, so die Rheingauer SPD-Landtagsabgeordnete Christel Hoffmann. Eine gezielte Borkenkäferbekämpfung sei angesichts der künftig zu erwartenden Belastung der Revierförster kaum mehr möglich. Hessen-Forst verkomme zum "reinen Holzhacker-Betrieb", die ökologischen und sozialen Funktionen des Waldes würden nicht mehr ausreichend beachtet. obo.