Home
http://www.faz.net/-gzl-6l6zy
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Berufspraktikum Von der Schule ins Repräsentantenhaus

 ·  Ihr Berufspraktikum können Schüler auch im Ausland absolvieren. Allerdings ist das mit aufwendiger Vorbereitung verbunden.

Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (0)

Wenn Antonia Sattlegger morgens an ihren Praktikumsplatz kommt, hört sie zur Begrüßung kein „Guten Morgen“, sondern „Good Morning“. Die Gymnasiastin aus Falkenstein absolviert ihr zweiwöchiges Schülerpraktikum im Repräsentantenhaus von Texas. Normalerweise sind es Studenten, die so die Arbeit in den Abgeordnetenbüros kennenlernen, doch Antonia fühlt sich weder überfordert noch unwillkommen. „Ich lerne viel über die amerikanisch-texanische Kultur und Politik“, sagt die Siebzehnjährige.

Die Sprache bereitet ihr keine Schwierigkeiten. Sie hat schon ein Auslandsjahr in der texanischen Hauptstadt Austin verbracht, und nun wohnt sie wieder bei ihren früheren Gasteltern. Diese machten Antonias Praktikum auch erst möglich, denn Schülerpraktika sind in Amerika weitgehend unbekannt. Für sie wurde eine Ausnahme gemacht.

Nur wenige Anbieter

In Deutschland ist ein Auslandspraktikum aber keine Besonderheit mehr. Viele Schüler erhoffen sich zusätzliche Erfahrungen, wenn sie das obligatorische Betriebspraktikum in einem anderen Land absolvieren. Mina Cho, die wie Antonia das Taunusgymnasium Königstein besucht, möchte mit einem Praktikum in Südkorea ihre Sprachkenntnisse vertiefen. Außerdem nutzt sie den Aufenthalt, um die Kultur des Landes kennenzulernent. „So ein Blick über den Tellerrand ist einfach toll“, sagt die Deutsch-Koreanerin.

Den Schülern solche Erfahrungen zu ermöglichen, hat sich der Verein Horizon International zur Aufgabe gemacht. Vor zehn Jahren wurde er von Lehrern und Eltern in Belm bei Osnabrück gegründet. Heute ist er eine der wenigen Einrichtungen, die auch Minderjährige professionell in Auslandspraktika vermitteln. Die geringe Zahl der Anbieter erklärt sich Projektleiterin Gabriele Ould-Ali damit, dass damit „kein großes Geld zu machen ist“.

Nur für Oberstufenschüler

Das liege vor allem daran, dass die Suche nach geeigneten Betrieben und Gastfamilien sehr aufwendig sei. Dies könnten die ehrenamtlichen Mitarbeiter nicht allein erledigen, so dass weitere Arbeitskräfte eingestellt und bezahlt werden müssten. Obwohl der Preis für ein mindestens vierwöchiges Praktikum inklusive Unterkunft bei einer Gastfamilie mit etwa 1400 Euro recht hoch ist, muss sich der Verein zu einem Drittel aus Spenden finanzieren. Ein Sozialfonds unterstützt Kinder aus weniger wohlhabenden Familien, indem er die Kosten übernimmt. So wurden im letzten Jahr rund 100 Schüler an einen der 80 ausgewählten Betriebe vermittelt.

Bisher haben allerdings nur Oberstufenschüler die Möglichkeit zu einem solchen Auslandspraktikum, denn meist sind nur sie alt genug, um weitgehend von der Aufsichtspflicht befreit zu sein. Erst ab 16 Jahren dürfen Jugendliche mit dem Einverständnis der Eltern alleine verreisen. Die Schule soll vorab kontrollieren, ob der gewählte Betrieb geeignet ist. Dann genügt es, einen Ansprechpartner anzugeben und für den Lehrer erreichbar zu sein.

„So bin ich in der Finanzabteilung der Net West Bank gelandet“

Antonia hat die kleinen und großen Hürden auf dem Weg zum Auslandspraktikum bereits gemeistert. Sie hat einen Platz gefunden, ein Visum beantragt, den Flug bezahlt und eine Unterkunft organisiert. Das verdankt sie vor allem ihren Bekannten in den Vereinigten Staaten, denn normalerweise gestalten sich diese Vorbereitungen für Minderjährige schwierig. Besonders die Suche nach einer Bleibe dauert oft lange, da die Arbeitgeber diese nur selten stellen und Hotels zu teuer sind.

Interessierte, die niemanden im Zielland kennen, können sich entweder an Organisationen wie Horizon International oder an Partnerschulen und -städte wenden. Häufig können diese eine Praktikumsstelle und eine Unterkunft organisieren. So kam auch Jens Renneisen, ein Mitschüler von Antonia und Mina, zu seinem Praktikumsplatz. Mit Hilfe des Partnerschaftsvereins Kronberg-Aberystwyth hat er eine englische Gastmutter gefunden, die dann einen Betrieb für ihn gesucht hat. „So bin ich in der Finanzabteilung der Net West Bank gelandet“, sagt Jens.

„Großartige Erfahrung“

Gegen einen Aufenthalt im Ausland spricht der Aufwand für ein Praktikum, das oft nur zwei Wochen dauert. Oft sind auch die Kosten ein Hindernis. Am Max-Beckmann-Gymnasium in Frankfurt beispielsweise gibt es nach Angaben der Schule viele Schüler mit Migrationshintergrund, die über Verwandte an eine Praktikum im Ausland gelangen könnten. Trotzdem können einige diese Möglichkeit nicht nutzen, weil ihnen das Geld für die Reise fehlt.

Für die Gymnasiasten der Frankfurter Ziehenschule, die einen bilingualen deutsch-französischen Zweig besuchen, ist ein dreiwöchiges Betriebspraktikum in Frankreich sogar Pflicht. Eher zurückhaltend beurteilt die Industrie- und Handelskammer Frankfurt die Chancen, die sich durch ein Schülerpraktikum im Ausland ergeben. Der Aufenthalt könne zwar Perspektiven eröffnen, sei jedoch wegen seiner kurzen Dauer kein großer Vorteil bei der späteren Berufssuche. Er belege lediglich das Engagement des Bewerbers.

Die drei Schüler des Taunusgymnasiums sind sich dennoch einig, dass sie eine gute Entscheidung getroffen haben. Mina formulierte es so: „Klar ist es manchmal etwas schwieriger zu organisieren als ein Inlandspraktikum, aber die Erfahrung ist einfach großartig und es lohnt sich in jedem Fall.“

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Zwischen Zuckeln und Rasen

Von Mechthild Harting

Der FDP-Verkehrsminister Florian Rentsch will kein Tempo-30-Limit nachts auf Frankfurter Hauptverkehrsstraßen. Das ist nun offensichtlich und nicht per se verwerflich. Seine Begründung hingegen klingt kurios. Mehr 3