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Bad Homburg Kaiser, Witwen und der Prinz von Homburg

17.10.2008 ·  Die Hohenzollern haben sich im Taunus eine Sommerresidenz geschaffen. Hätte Landgraf Ludwig V. von Hessen-Darmstadt besser mit Geld umgehen können, gäbe es das Homburger Schloss wahrscheinlich überhaupt nicht.

Von Nicolas Wolz
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Hätte Landgraf Ludwig V. von Hessen-Darmstadt besser mit Geld umgehen können, gäbe es das Homburger Schloss wahrscheinlich überhaupt nicht. Denn dass die kleine Stadt vor der Höhe des Taunus 1622 in den Rang einer eigenen Landgrafschaft erhoben wurde, lag nur daran, dass der Darmstädter Landgraf Ludwig die üppige Apanage nicht mehr zahlen konnte, die sein Vorgänger, Landgraf Georg I., seinem jüngsten Sohn hinterlassen hatte: 15.000 Gulden im Jahr. Der Sohn, der von 1585 bis 1638 lebte, erhielt anstelle des Geldes Stadt und Amt Homburg und wurde zu Landgraf Friedrich I. von Hessen-Homburg. Er blieb indes ein Herrscher mit beschränkter Macht: Die landesherrliche Gewalt blieb noch lange Zeit beim Darmstädter Hof; erst 1768 erlangten die Homburger Grafen die Souveränität.

Der Landgraf mit dem silbernen Bein

Auf eine standesgemäße Residenz mochten die neuen Herren von Homburg freilich trotzdem nicht verzichten. Sie zu errichten blieb dem jüngsten Sohn des ersten Landgrafen, Friedrich II., vorbehalten. Er wurde, da seine Brüder in der Erbfolge vor ihm standen, zunächst Offizier im Dienste des schwedischen Königs. 1659 musste ihm nach einer schweren Verwundung der rechte Unterschenkel amputiert werden und durch eine Prothese mit silbernen Scharnieren ersetzt werden, die heute im Schloss ausgestellt ist. Das trug ihm den Beinamen „Landgraf mit dem silbernen Bein“ ein. Friedrich II. ist auch das historische Vorbild für den „Prinzen von Homburg“ in Heinrich von Kleists gleichnamigem Drama.

1680 ließ er auf den Fundamenten einer aus dem 14. Jahrhundert stammenden mittelalterlichen Burg das Homburger Schloss bauen. Von der ursprünglichen Anlage übernahm er nur den knapp 48 Meter hohen Bergfried, den berühmten Weißen Turm. Er überragte fortan die im Stile des Frühbarock als Rechteck um zwei Höfe gruppierten Schlossgebäude. Der untere Hof wird begrenzt durch die Schlosskirche, den Uhrturm-, den Hirschgang- und den Englischen Flügel sowie den überdachten ehemaligen Durchgang zur lutherischen Schlosskirche. Den oberen Hof umschließen der Archiv-, der Königs-, der Hirschgang- und der Bibliotheksflügel. Auch die Verwaltung der Staatlichen Schlösser und Gärten in Hessen, in deren Obhut das Schloss sich heute befindet, ist in den Gebäuden untergebracht.

Der obere Hof ist nach Westen hin offen. Dort gewährt eine Terrasse einen schönen Blick auf den Taunus und den Schlosspark. Wer weiter blicken will, kann die 174 Stufen des Weißen Turmes nach oben steigen. Von dort hat man freie Sicht über Bad Homburg, die Wetterau und den Taunus, im Süden gar bis in den Odenwald hinein. Dieses eindrucksvolle Panorama genossen nicht nur zahlreiche gekrönte Häupter, sondern auch einige berühmte deutsche Dichter und Denker: Neben Heinrich von Kleist auch Friedrich Hölderlin, der um 1804 einige Zeit als Hofbibliothekar in Homburg arbeitete (woran auch eine Dauerausstellung im Schloss erinnert), und Johann Wolfgang von Goethe. Der große Frankfurter lustwandelte 1772 mit der Hofdame Luise von Ziegler in den romantischen Parkanlagen. Deshalb heißt eine kleine, etwas versteckt im Boskett liegende Schmuckanlage heute auch „Goethes Ruh’“.

Landschaftspark nach englischem Muster

Seine Blütezeit erlebte das Homburger Schloss im 19. Jahrhundert. Voraussetzung war, dass Landgraf Friedrich V. von Homburg als einziger der 1803 mediatisierten, also ihrer Hoheitsrechte entkleideten Fürsten 1815 sein an das Haus Darmstadt gefallenes Land zurückerhielt. Es wurde noch vermehrt durch das Amt Meisenheim am Glan, Teil des ehemaligen französischen Départements Sarre. 1818 heiratete Friedrichs Sohn, Landgraf Friedrich VI., die Prinzessin Elisabeth von Großbritannien und Irland, eine Tochter des englischen Königs Georg III. Die „englische Landgräfin“ brachte eine stattliche Mitgift in die Ehe ein, und schon bald begann das Paar, das Homburger Schloss zu einem herrschaftlichen Wohnsitz im Stil des deutschen Klassizismus umzubauen. Am deutlichsten zum Ausdruck kommt der Einfluss Elisabeths im „Englischen Flügel“, ihrem Witwensitz, den sie sich nach dem Tode ihres Mannes 1829 einrichten ließ. Nach langen Renovierungsarbeiten ist er erst seit 1995 wieder für die Öffentlichkeit zugänglich.

Und natürlich im Garten: Zwar wurde der alte barocke Schlosspark schon um 1770 zu einem zwölf Hektar großen Landschaftspark nach englischem Muster umgestaltet. In dieser Zeit entstand auch der tiefer gelegene Gartenteil mit dem großen Teich, in den man durch das Boskett gelangt. Die Bepflanzung mit exotischen Hölzern stammt aber aus Elisabeths Zeit. Die mächtigen Libanonzedern im Obergarten zum Beispiel waren ein Geschenk des englischen Königs Georg IV. an seine Schwester Elisabeth. Ihren Höhepunkt erreichte die Gestaltung des Parks mit Terrassen, Alleen, Staudengärten und üppig bepflanzten Teppichbeeten auf den Rasenparterres aber erst später unter der Regie der preußischen Hofgartendirektion in Potsdam.

Denn die kleine, aber als souveräner Staat zum Deutschen Bund gehörende Landgrafschaft Homburg fiel nach dem Tod des letzten männlichen Erben 1866 abermals an die Grafen von Hessen-Darmstadt zurück. Die aber mussten – wie gewonnen, so zerronnen – das Land nach dem preußischen Sieg gegen Österreich noch im selben Jahr an Preußen abtreten, das Homburg nur zu gern in seine neue Provinz Hessen-Nassau eingliederte. Schon bald entdeckte das preußische Königshaus die Vorzüge eines geräumigen Schlosses in der Taunusstadt, die inzwischen dank ihrer Elisabethen-Heilquellen und eines mondänen Spielkasinos internationale Bekanntheit erlangt hatte (den Zusatz „Bad“ erhielt Homburg gleichwohl erst 1912). Der preußische König und spätere Kaiser Wilhelm I. kam hin und wieder selbst nach Homburg. Vor allem seine Schwiegertochter Victoria aber hielt sich dort gerne und oft auf. Möglicherweise lag das an den überall erkennbaren englischen Einflüssen, denn wie ihre Großtante Elisabeth stammte auch Victoria aus dem englischen Königshaus: Vicky, wie sie oft genannt wurde, war die älteste Tochter von Queen Victoria.

Im August 1870, während des Deutsch-Französischen Krieges, kam sie gemeinsam mit ihren sechs Kindern, unter ihnen auch der spätere Kaiser Wilhelm II., zum ersten Mal nach Homburg. Ihr Mann, Kronprinz Friedrich Wilhelm, kämpfte mit seinem Regiment in Frankreich, und in Hessen fühlte sie sich ihm näher als im fernen Berlin. Das Paar schrieb sich während seiner Ehe viele tausend Briefe, die heute im Archiv der Hessischen Hausstiftung im Schloss Fasanerie aufbewahrt werden. Victoria blieb bis November in Homburg. Während dieser Zeit ließ sie nicht nur ein Lazarett für verwundete Soldaten an der Oberen Promenade errichten, sondern reiste auch mehrfach an die Rheingrenze, um sich dort um die Behandlung und die Pflege verletzter Soldaten zu kümmern.

Einbau von Bädern und Wasserklosetts

Damals konnte sie nicht ahnen, dass sie irgendwann für immer in den Taunus kommen würde. Doch nach dem Tod ihres Mannes, der nach nur 99 Tagen als Kaiser Friedrich III. einem Krebsleiden erlegen war, kam es zum Zerwürfnis mit ihrem ältesten Sohn, dem neuen Kaiser Wilhelm II. Victoria wäre gerne in der Umgebung von Berlin geblieben, am liebsten im Neuen Palais in Potsdam, wo sie mit ihrem Mann 30 Jahre lang gelebt hatte. Wilhelm verweigerte seiner Mutter jedoch diesen Wunsch, da er selbst dort einziehen wollte. Victoria erwarb daraufhin nach längerer Suche die Villa Reiss in Kronberg und ließ sie zu Schloss Friedrichshof ausbauen, dem heutigen Kronberger Schlosshotel. Die Aussicht, im Taunus, also weit weg vom Berliner Hof, aber trotzdem noch in Preußen, in einem eigenen Haus leben zu können, tröstete sie bis zu einem gewissen Grade über den Verlust ihres alten Zuhauses hinweg.

Bis ihr neues Domizil bezugsfertig war, wohnte Victoria im „Englischen Flügel“ des Homburger Schlosses. Damit sie die Bauarbeiten besser beaufsichtigen konnte, wurde eigens für sie ein Reitweg durch den Wald von Oberstedten nach Kronberg angelegt, der heute „Kaiserin-Friedrich-Weg“ heißt. An einer kleinen Brücke erkennt man noch immer die eingemeißelten Initialen V und F für Victoria und Friedrich sowie die Jahreszahl 1891.

Auch wenn sich das Verhältnis zu Wilhelm II. in den folgenden Jahren wieder etwas entspannte, sah Victoria von Kronberg aus wohl eher mit gemischten Gefühlen mit an, wie die Familie ihres Sohnes das Homburger Schloss immer öfter als Sommerresidenz nutzte. Wilhelm II. gab zahlreiche Umbauten und Neugestaltungen in Auftrag, etwa den Einbau von Bädern und Wasserklosetts oder die Verlegung elektrischer Leitungen und Telefondrähte. So kann man in den Schauräumen des Schlosses nicht nur zahllose Kunstschätze des 17. bis 19. Jahrhunderts besichtigen, sondern auch die Wandlungen der herrschaftlichen Wohnkultur von der Zeit der Landgrafen bis zu den preußischen Königen und deutschen Kaisern.

Nach dem Umzug nach Kronberg war Victoria häufig in Homburg zu Gast, nicht zuletzt weil ihr Bruder, der Prince of Wales und spätere König Edward VII., dort regelmäßig Urlaub machte. Sie war auch zugegen, als 1896 der Grundstein für die russisch-orthodoxe Allerheiligen-Kirche im Homburger Kurpark gelegt wurde, im Beisein des russischen Zaren Nikolaus II. und seiner Frau Alexandra, einer Prinzessin aus dem Hause Hessen-Darmstadt. Nicht weit von dem Bauplatz der Kapelle entfernt hatte Victoria einige Jahre zuvor eine Büste Kaiser Friedrichs III. aufstellen lassen. Sie selbst starb am 5. August 1901. Ein Jahr nach ihrem Tod erhielt auch sie ein Denkmal – an der Seite ihres Mannes und in Auftrag gegeben von ihrem Sohn Wilhelm II.

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