Home
http://www.faz.net/-gzl-13hk1
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Auswahlgespräche an Hochschulen Oft sagt die Abi-Note den Erfolg voraus

26.08.2009 ·  Immer häufiger wählen die Hochschulen ihre Studenten selbst aus. An der Prognosekraft von Aufnahmegesprächen zweifeln sie allerdings mittlerweile.

Von Christina Hucklenbroich
Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (2)

Eine gewaltige Zimmerpalme überschattet die Sitzecke in Michael Karas' Büro im Biozentrum am Campus Riedberg. Pharmazieprofessor Karas beugt sich mit seiner Kollegin Ilse Zündorf und Fachschaftsvertreter Moritz Neupärtl über ein wenige Wochen altes Abiturzeugnis. „Physik hat sie jedenfalls gehabt“, sagt Neupärtl. Die Neunzehnjährige, deren Zeugnis durch die Hände der drei Gutachter wandert, wartet derweil noch auf dem Institutsflur. Mit ihrem Abiturdurchschnitt von 1,9 gehört Melanie Bischoff nicht zu denen, die sofort über die Zentralstelle für die Vergabe von Studienplätzen (ZVS) einen Platz für Pharmazie erhalten haben. Sie wurde aber zu einem persönlichen Auswahlgespräch nach Frankfurt eingeladen - so wie 220 andere Abiturienten mit ihr.

Immer mehr Fachbereiche an den Hochschulen der Region nutzen wie die Frankfurter Pharmazeuten die Möglichkeit, ihre Studenten nach eigenen Kriterien auszuwählen. Wenn die Platzvergabe für ein Fach nicht durch die ZVS geregelt wird, kann die Fakultät selbst entscheiden, wie sie die Bewerber aussucht. In ZVS-Fächern wie Pharmazie hingegen dürfen nur 60 Prozent der Plätze in einem individuellen Verfahren besetzt werden. Die restlichen 40 Prozent wählt nach wie vor die Zentralstelle aus; sie berücksichtigt dabei jeweils zur Hälfte die Abiturbesten und diejenigen, die Wartesemester gesammelt haben.

„Bisher konnte sich jeder für das Fach Chemie einschreiben“

Einige Fachbereiche strukturieren ihre Auswahlverfahren gerade kräftig um. So verzichtet man im Bachelorstudiengang Wirtschaftswissenschaften der Uni Frankfurt in diesem Sommer erstmals darauf, die Noten in den Schulfächern Mathe und Englisch besonders zu gewichten; nur noch der Abiturdurchschnitt zählt. Fünf Prozent der Plätze gehen aber an Bewerber mit großem außerschulischem Engagement etwa im Leistungssport oder in Parteien.

Andere Fachbereiche, beispielsweise die Frankfurter Chemiker, wählen die Bewerber in diesem Jahr erstmals durch Gespräche aus. „Bisher konnte sich jeder für das Fach Chemie einschreiben, unabhängig von der Abiturnote“, sagt Clemens Glaubitz vom Institut für Biophysikalische Chemie. „Mit den Gesprächen wollen wir jetzt sehr gute Bewerber anziehen. Sobald die Abiturienten sehen, dass es eine kleine Hürde gibt, macht das den Studiengang attraktiver.“

mmm

Sehr gute Bewerber für die Uni gewinnen: Das ist das erklärte Ziel aller Fachbereiche, die ein Auswahlverfahren durchführen. Die größte Erfahrung mit Auswahltests haben von jeher die begehrten medizinischen Fächer. „In Frankfurt gehen 90 Prozent der Plätze für Medizin und Zahnmedizin, die wir selbst vergeben dürfen, an Bewerber, deren Abiturnote zu schlecht für die ZVS-Vergabe ist, die ihren Schnitt aber durch einzelne gute Noten in naturwissenschaftlichen Kursen und Fremdsprachen verbessern können“, erläutert Studiendekan Frank Nürnberger. Die restlichen zehn Prozent erhalten ihren Platz allein über ein Auswahlgespräch. „Eingeladen werden Bewerber, die hervorragende außerschulische Leistungen nachweisen können - etwa Gewinner bei ,Jugend musiziert' auf Bundesebene oder Sportler im Olympiakader“, sagt Nürnberger. Allerdings zeigte sich, dass die Studenten, die über Gespräche einen Medizinstudienplatz erhielten, später in den Klausuren schlechter abschnitten als die Abiturbesten und die über eine Kombination aus Abiturnote und speziellen Schulleistungen Ausgewählten. Noch häufiger als die Gesprächsteilnehmer fielen nur diejenigen durch die Prüfungen, die den Platz dank ihrer Wartezeit bekommen hatten.

An der Uni Mainz hat man sich aus solchen Gründen schon wieder vom Auswahlgespräch abgewandt. „Gespräche sind höchst subjektiv, und die Aussagekraft für den Studienerfolg ist sehr gering“, sagt Bernhard Einig, Leiter der Abteilung Studium und Lehre. Wer vom Wintersemester 2010/11 an zu den 60 Prozent Medizinstudenten gehören will, die sich die Uni Mainz selbst aussucht, muss den in Baden-Württemberg gebräuchlichen „Test für Medizinische Studiengänge“ (TMS) absolviert haben. Die Uni erstellt dann eine Rangliste, in die die Abiturnote zu 51 Prozent und das TMS-Ergebnis zu 49 Prozent einfließen.

„Wir wollen biographische Fallen vermeiden“

Auch die Pharmazeuten in Frankfurt haben ihr Auswahlverfahren wissenschaftlich begleiten lassen und herausgefunden, dass der Studienerfolg hauptsächlich mit der Abiturnote korreliert ist. Trotzdem halten sie an den Gesprächen fest. „Wir wollen herausfinden, ob die jungen Leute naiv an das Studium herangehen“, sagt Michael Karas. Melanie Bischoff etwa soll begründen, warum sie in der Oberstufe das Fach Chemie abgewählt hat. Auch andere Fachbereiche wollen die Abiturienten mit den Gesprächen vor einer falschen Selbsteinschätzung schützen. Damit sollen hohe Abbrecherquoten vermieden werden wie etwa im Studiengang Maschinenbau an der TU Darmstadt, wo 20 Prozent vor dem Bachelorabschluss aufgeben. Im Moment lässt man die Bewerber für das Fach Maschinenbau bis zu einer Abiturnote von 2,0 sofort zu, bittet aber diejenigen mit Noten zwischen 2,1 und 2,8 zu einem Gespräch. Hier wird der Realitätssinn des Bewerbers überprüft und seine Motivation beurteilt.

„Wir wollen späte Studienabbrüche und damit biographische Fallen vermeiden“, sagt auch Robert Prohl vom Institut für Sportwissenschaften in Frankfurt. Im Bachelorstudiengang Sportwissenschaft entscheidet deshalb in diesem Jahr erstmals nur der sportliche Eignungstest über die Aufnahme. In den vergangenen Jahren haben die Dozenten erlebt, wie Studenten, die wegen ihrer Abiturnote einen Platz erhielten, zwar alle Scheine in Theoriefächern mühelos erwarben. „Dann scheiterten sie aber kurz vor dem Abschluss an den Sportprüfungen, die sie bis zum Ende vor sich hergeschoben hatten und denen sie motorisch einfach nicht gewachsen waren“, sagt Prohl. So aussagekräftig die Abiturnote also sein mag: Eine realistische Einschätzung ihrer Begabung scheint vielen Jugendlichen auch nach zwölf oder mehr Schuljahren nicht möglich zu sein.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Jahrgang 1978, Redakteurin im Ressort „Natur und Wissenschaft“

Jüngste Beiträge

Perspektivlosigkeit ist Gift

Von Rainer Schulze

Die Zukunft der Wohnungsbaugesellschaft Nassauische Heimstätte ist unklar. Das Land will sich von der Beteiligung trennen - Frankfurt hat die Hand gehoben. Eine Entscheidung tut not. Mehr