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HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Ausstellung Puppen in Puppen

Matrjoschkas sammeln Erika und Berthold Matthäus seit mehr als einer Dekade. Nun ist ihre stattliche Sammlung jener russischen Holzpuppen museumsreif - in Ober-Ramstadt.

© F.A.Z. - Michael Kretzer Riesengroß bis winzig: In Matrjoschkas stecken Puppen in Puppen

Bei einer russischen Matrjoschka zählt vor allem eins: Wie viele Puppen passen ineinander, bevor sich die kleinste nicht mehr öffnen lässt? 50 Püppchen kamen auf diese Weise 1967 bei der Weltausstellung in Montreal zum Vorschein und zu Lenins 100. Geburtstag drei Jahre später sogar rekordverdächtigte 72. Mit so vielen Puppen in der Puppe können Erika und Berthold Matthäus nicht dienen. Dennoch ist ihre Sammlung beträchtlich.

Die Leidenschaft des Paares für das Holzspielzeug begann vor zehn Jahren auf einem Markt in St. Petersburg. Die meisten der aus Lindenholz gedrechselten Matrjoschkas fanden sie aber auf Flohmärkten in Deutschland oder ersteigerten sie im Internet. „Inzwischen musste ich die Sammelwut meiner Frau etwas bremsen“, sagt Berthold Matthäus. 200 der sogenannten Mutter-Puppen plus Inhalt seien es mittlerweile. Die schönsten Exemplare sind derzeit im Museum Ober-Ramstadt zu sehen.

Souvenir aus Russland

Dort bevölkern die schlanken, mitteldicken oder auch kugelrunden Puppen die Vitrinen in Scharen. Bisweilen nur wenige Zentimeter groß, verbergen die Mutter-Püppchen fünf und mehr Puppenkinder in ihrem Bauch. Einige schauen ernst, andere lächeln zaghaft. Die mal blonden, mal schwarzen Haare luken unter dem Kopftuch hervor. Die einen sind spärlich, die anderen üppig bemalt.

Sonderausstellung: Matrojschka  - die Puppe in der Puppe © F.A.Z. - Michael Kretzer Vergrößern Eine „Babuschka” beherbergt drei Töchter und neun Enkelinnen in ihrem Bauch.

Legendenumworben ist die Entstehung des bis heute beliebtesten Souvenirs, das Reisende aus Russland mitbringen. Entworfen vom Jugendstil-Künstler und Illustrator Sergej W. Maljutin (1859-1937) steht die erste Matrjoschka noch heute im Spielzeugmuseum von Sergijev Possad. Ihr Name ist eine Koseform des im 19. Jahrhundert sehr beliebten Frauennamens „Matrjona“, der sich vom lateinischen Wort „mater“ ableitet. Die weiße Schürze um die Hüften gebunden, ein schwarzes Huhn unter den Arm geklemmt, trägt die rund 110 Jahre alte Puppe liebevoll lächelnd drei Knaben, drei Mädchen und ein Baby in sich.

Inspiriert wurde Maljutin von der japanischen Fukuruma, ein nach dem Glücksgott Fukurokuju benanntes Steckspiel. Die Püppchen, die alle ineinanderpassen, gelangten auf unbekannten Wegen in eine Künstlerkolonie bei Moskau. Ähnlich wie bei der englischen „Arts & Crafts“-Bewegung arbeiteten hier Künstler und Kunsthandwerker gemeinsam an zeitgemäßen, betont russischen Kunstgewerbeprodukten. Die erste Matrjoschka wird hier begeistert aufgenommen und weiterentwickelt. Als künstlerisches Spielzeug erhält sie bereits 1910 bei der Pariser Weltausstellung eine Medaille und löst eine Flut von Bestellungen aus.

Massenware der russischen Volkskunst

Ursprünglich von Ikonenmalern gestaltet, wurde die Matrjoschka nun zur Massenware der russischen Volkskunst und regionaltypisch bemalt. Neben der mütterlich-fruchtbaren Matrjoschka entstehen nun auch männliche Varianten: Ritter, Adlige, Mönche und Politiker. Mit der Revolution verliert sich die kreative und individuelle Vielfalt der frühen Jahre. Die verschiedenen Zentren werden zu größeren Künstlerkolonien zusammengelegt und die bisherigen Variationen auf politisch korrekte Formen reduziert. Unter Stalin verstärkt sich der Trend. Bis in die sechziger Jahre hinein werden in den Matrjoschka-Werkstätten nur mehr die „normgerechten Klassiker“ gefertigt. Aber noch immer in Handarbeit, ist jedes Stück ein Unikat. Erst von den achziger Jahren an lässt die staatliche Kontrolle nach und nach Puppen wieder abwechslungsreicher bemalen.

Die mit „Glasnost“ einsetzende neue Offenheit und kreative Freiheit - verbunden mit einem interessierten, devisenbringenden Publikum - verändern den Markt. Herren gab es schon immer, doch nun werden sie zeitgemäß: Aus dem Bauch des ehemaligen Präsidenten Jelzin entsteigen Gorbatschow, Breschnew, Chruschtschow, Stalin, Lenin und schließlich der letzte Zar. Auch Ikonen, Jazz- und Popgruppen, Filmstars und Comicfiguren finden ihren kunstvollen und bisweilen glitzernden Weg auf das Holzspielzeug. So manche sehen auch nur aus wie eine Matrjoschka und gehen eigentlich mit einer Wodkaflasche schwanger.

Obwohl sich auch Würfelspiele, Bilderbücher, Brummkreisel, Überraschungseier, Schokolade und eine aufblasbare Puppe mit dem Matrjoschka-Motiv in der Sammlung finden, legen Matthäus Wert auf die traditionelle Matrjoschka. Das Fazinierendste an diesen sei, daß sie - die im Prinzip am Rande einer Kunstbewegung entstanden - seit mehr als hundert Jahren die gleiche Grundform haben und sie vielfältiger dargestellt werden als je zuvor, sagt Matthäus. Johanna Braun

Die Matrjoschka-Ausstellung ist noch bis zum 4. Februar jeden Sonntag von 14.30 bis 17.30 Uhr zu besichtigen.

Quelle: F.A.Z.

 
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