Barbie ist zwar blonder, schlanker und bunter. Ihre antike Nachbarin wirkt ein wenig blaß und hat nicht gerade die Idealfigur, dafür aber immerhin schon bewegliche Arme. „Komm du erst mal in mein Alter, Schätzchen“, könnte diese süffisant zur Plastikpuppe neben sich sagen. Denn die ägyptische Gespielin aus Holz hat sich gut gehalten. 2500 Jahre muß Barbie erst mal alt werden.
Auch in den anderen Vitrinen der Ausstellung „Verspielte Antike“, die das Saalburgmuseum von morgen an bis zum 29. April zeigt, stehen sich Alt und Neu gegenüber: Janoschs Tigerente freundet sich mit einem kleinen Igel auf einem Wagen an, mit dem Kinder vor bald 4000 Jahren im alten Ägypten gespielt haben. Eine Taube auf Rädern aus dem 4. bis 3. Jahrhundert vor Christus oder ein Löwe zum Ziehen aus dem ersten nachchristlichen Jahrhundert funktionierten nach demselben, noch heute genutzten Prinzip.
Während die römischen Mädchen mit Puppen gespielt haben, ließen die Jungs im alten Rom Gladiatoren oder Krieger in Miniaturform aufeinander los. In einer „Zocker-Vitrine“ sind Würfel oder kantige Knochen zu sehen, die ebenfalls für das Glücksspiel verwendet wurden. Und die Linien für das Mühlespiel finden sich allerorten an antiken Stätten, eingeritzt in die Platten des Forums oder in den Sitz eines Amphitheaters. Auch damals fesselte nicht jede Darbietung die Zuschauer bis zum Schluß.
Fundstücke aus Gräbern und Tempeln
„Mit dem Spielen verbanden sich ideologische Lebenswelten, Mythologie und Religion“, sagte Saalburgdirektor Professor Egon Schallmayer bei der Präsentation der Ausstellung, die mit mehr als 170 Objekten zeigt, daß Puppen und Kinderspielzeug auch Griechen und Römern nicht fremd waren. Beim Zustandekommen habe der Zufall mitgespielt, sagte Schallmayer, denn das Puppenmuseum in Hanau-Wilhelmsbad habe nachgefragt, ob es während der Renovierung einen Teil der Exponate in der Saalburg unterbringen könne. Da habe man gerne zugegriffen, zumal die Schau Kinder und Jugendliche mit ihren Eltern anspreche: „Ein Publikum, das uns sehr am Herzen liegt“, so der Direktor. Ergänzt wurde die Ausstellung mit archäologischen Fundstücken, etwa von der Gräberstraße in Mainz-Weisenau.
Der Bezug der antiken Exponate zu den modernen Entsprechungen solle bei den Besuchern einen „Aha-Effekt“ auslösen, sagte Schallmayer. Tatsächlich können selbst Kinder die Funde sogleich einordnen, wenn sie neben einem Plüsch-Teddy eine aus Lumpen gewickelte Puppe sehen, wie sie 2000 Jahre zuvor von einem ägyptischen Kind gedrückt worden sei. Die Lumpenpuppe ist kein Original, denn nur Tonfiguren, Stein, Glas, Knochen und Holz haben die Jahrhunderte überdauert. Vieles sei wegen des vergänglichen Materials nicht überliefert, sagte Carsten Amrhein, der die Schau zusammengestellt hat. Dazu zählten die zum Spielen sehr beliebten Nüsse. Aber auch bei Strategiespielen, deren Figuren ausgegraben worden seien und die in der Literatur erwähnt seien, fehlten leider die Spielregeln.
Viele Fundstücke stammen aus Gräbern oder Tempeln. Doch was nach Spielzeug aussieht, muß nicht immer als solches gedient haben. So wurde den Toten manchmal eine Vielzahl von winzigen Krügen und Geschirrteilen beigegeben. Dabei handelte es sich jedoch meist nicht um die Ausstattung einer Puppenküche, sondern um Weihegeschenke in einer Preiswert-Variante: Weil echtes Geschirr zu teuer war, gab man den Toten symbolisch eine Miniaturausgabe mit auf den letzten Weg.
Spielzimmer für Kinder
Vor allem bei Funden aus einem Heiligtum blieben oft mehrere Deutungsmöglichkeiten, erläuterte Amrhein. So sei in einem kurzen griechischen Gedicht beschrieben, wie das Mädchen Timarete Pauken, Ball und Puppen der Jungfrau Artemis als Opfer bringe. „Die Gegenstände sind eine Weihegabe im Übergangsritus in die Erwachsenenwelt. Vorher dienten sie aber vielleicht tatsächlich als Spielzeug.“ Mit einem Holzschwert hingegen, das im Boden der Saalburg überdauert hat, fochten ganz sicher nur Kinder ihre Fantasiekämpfe aus.
Ob man Kindern in der Antike überhaupt eine eigene Lebenswelt zugebilligt hat, läßt sich heute nur schwer bestimmen. „Auf jeden Fall war die Kindheit früh zu Ende“, sagte Amrhein. Spätestens mit 14 oder 15 Jahren seien Kinder heiratsfähig gewesen. Ein behütetes Refugium waren die ersten Lebensjahre nicht, wie auch Schallmayer annimmt. In Körpergräbern aus römischer Zeit habe man am Knochenbau sehen können, daß die Verstorbenen schon in frühester Jugend schwer gearbeitet hätten. „Viel hing jedoch vom sozialen Status ab“, sagte der Saalburgdirektor. Während Kinder auf dem Land sofort hätten mitarbeiten müssen, habe es in Rom vermutlich sogar Spielwarengeschäfte gegeben.
Den Bedürfnissen seiner eigenen jüngsten Besucher trägt das Saalburgmuseum mit einem zur Ausstellung gehörenden Spielzimmer Rechnung, in dem sich Kinder in antiken Spielen versuchen oder einen Angriff der Germanen auf einen Limeswachtturm abwehren können.

