02.07.2009 · Die vierundzwanzig Jahre alte Mexikanerin Abigail Barajas Montes de Oca hat ihr Leben Ende 2008 auf den Kopf gestellt: Sie warf ihre Arbeit in einem mexikanischen Luxushotel hin und wurde Au-pair-Mädchen in einer deutschen Familie.
Von Maria Huhn, KönigsteinDie vierundzwanzig Jahre alte Mexikanerin Abigail Barajas Montes de Oca hat ihr Leben Ende 2008 auf den Kopf gestellt: Sie warf ihre Arbeit in einem mexikanischen Luxushotel hin und wurde Au-pair-Mädchen in einer deutschen Familie. Sie bereut es nicht. „Au-pair-Mädchen zu sein heißt, dass man für die Kinder wie ein dritter Elternteil ist oder eine große Schwester“, schwärmt sie. Seit Anfang Februar lebt sie im Kronberger Stadtteil Falkenstein und betreut die beiden Söhne einer Familie. Und das, obwohl Abigail bis Herbst vergangenen Jahres nicht wusste, was „Au-pair“ ist.
Die kleine, quirlige Abigail gewinne Menschen mit ihrer herzlichen und offenen Art – selbst die oft verschlossenen Deutschen, wie ihre Gastmutter sagt. Die Deutschkenntnisse der Mexikanerin sind erstaunlich: Sie kann zwei Stunden von ihrem Werdegang zum Au-pair-Mädchen erzählen, ohne zu stocken. Nur ab und zu fehlen ihr die passenden deutschen Wörter. Dann hilft sie sich mit englischen Begriffen aus. Am Anfang sei ihr Deutsch viel schwerer gefallen. „Und noch heute verwechsele ich oft ,dir‘ und ,dich‘“, sagt Abigail.
„Erwähnt man Puebla, denkt jeder gleich an VW“
Mit den beiden Söhnen versteht sie sich gut. Julius ist acht Jahre alt und kommt im Sommer ins dritte Schuljahr. Er spielt mit Abigail am liebsten Fußball. Julius sei „etwas ernster“ als sein kleinerer Bruder Benedict, und er sei dem neuen Au-pair-Mädchen gegenüber anfänglich „zurückhaltender“ gewesen, erzählt Abigail. Der fünf Jahre alte Benedict, der im Sommer eingeschult wird, bastelt und malt am liebsten mit der Mexikanerin. „Die vorletzte Woche haben wir nur damit verbracht, Fensterbilder mit Window Colour zu malen.“
Abigail Barajas stammt aus Puebla, nahe Mexiko-Stadt, in der Mitte des Landes. Puebla sei bekannt für sein Volkswagen-Werk, erzählt sie: „Erwähnt man Puebla, denkt jeder gleich an VW.“ Die Mutter ist Anwältin, der Vater arbeitet für Banken, der zwei Jahre ältere Bruder ist Ingenieur. Die Mexikanerin studierte an der „Universidad Madero“ in ihrer Heimatstadt vier Jahre lang Tourismus und Fremdsprachen: Französisch, Italienisch, Englisch und Deutsch. Während ihres Studiums gab sie Deutschunterricht für Kinder und Jugendliche.
„Ich wollte nicht, dass mein Deutsch verlorengeht“
Nach ihrem Bachelorabschluss Anfang 2008 arbeitete sie für zehn Monate im Ritz Carlton in Cancún, am östlichsten Punkt Mexikos. „Die Arbeit war sehr anstrengend, und ich sprach dort nur Englisch“, sagt Abigail. Eine Situation im Hotel machte sie nachdenklich: Sie verstand ein Telefonat mit einem deutschen Gast, dem sie anbot, sich in dessen Muttersprache zu unterhalten, nicht genau. „Ich wollte nicht, dass mein Deutsch verlorengeht. Ich wusste, ich musste etwas dagegen machen.“ Auch war sie mit der Arbeit im Ritz Carlton nicht mehr glücklich.
Ein Freund – halb Mexikaner, halb Deutscher – schlug ihr vor, als Au-pair-Mädchen nach Deutschland zu gehen, um ihre Deutschkenntnisse zu verbessern. „Ich wusste nicht, was Au-pair ist, aber ich habe sofort ja gesagt“, erzählt Abigail. Sofort gab sie den Begriff Au-pair in einer Internetsuchmaschine ein. „Ich musste auch meiner Familie erklären, was Au-pair ist“, sagt Abigail. Sie berichtete ihren Eltern, dass sie rund 30 Stunden in der Woche arbeite, dass sie einen Deutschkurs besuche, Taschengeld bekomme und natürlich auch Freizeit habe. Auch von schlechten Erfahrungen im Ausland erfuhr sie bei ihrer Internetrecherche: als Putzfrau missbraucht, zu wenig Essen und zu viel Arbeit. „Aber der Sinn des Au-pairs ist es, wie ein Familienmitglied im Haushalt mitzuhelfen“, ist Abigail überzeugt.
Sonnenbrille verdeckt Tränen
Der Entschluss stand fest, für ein Jahr nach Deutschland zu gehen. Ende Oktober 2008 beendete sie ihre Arbeit im Ritz Carlton, und in der ersten Novemberwoche begann die Suche nach einer Au-pair-Stelle. Diese läuft über eine Au-pair-Agentur, die bei der Suche hilft und Au-pairs mit den passenden Gastfamilien zusammenbringt. „Ich fühlte mich mit der Au-pair-Agentur, die ich im Internet gefunden hatte, sicher.“ Das beruhigte auch Abigails Mutter. „Meine Eltern hätten mir das nicht verbieten können, da ich schon volljährig bin“, sagt die Mexikanerin. „Aber ich wollte, dass sie es mir erlauben.“ Ihre Eltern hätten anfänglich Angst gehabt, weil man in Mexiko oft höre, dass mexikanische Mädchen nach Europa gelockt würden, um dann zur Prostitution gezwungen zu werden.
Abigail nahm Kontakt mit der Au-pair-Agentur auf. „Natürlich warnten sie mich, dass es nicht einfach werden würde – in einem fremden Land mit fremden Menschen. Aber ich war ja schon alleine von Puebla nach Cancún gezogen; auch, wenn ich am Flughafen geweint habe, als ich mich von meiner Familie verabschiedete. Aber das hat, dank der Sonnenbrille, keiner gemerkt.“
Das Internet ist die Verbindung nach Hause
Heimweh habe sie noch nicht. „Ich habe ,Mutterweh‘“, sagt Abigail. Schließlich sei ihre Mutter ihre beste Freundin. Auch ihre Freunde vermisst sie. Über das Internet hält sie Kontakt mit ihrem Zuhause: Mit den Eltern tauscht sie E-Mails aus, mit Freunden hält sie über die Internetplattform „Facebook“ Kontakt.
Aber auch in ihrer neuen Heimat hat sie schon Freunde gefunden, durch zufällige Begegnungen in der Bahn oder in der Kirche. Auch an einem Au-pair-Treffen ihrer Agentur hat Abigail teilgenommen. Aber bei dem Main-Picknick in Frankfurt haben sich nur Südamerikaner getroffen. Das gefiel Abigail nicht, auch wenn sie mit zwei Kolumbianerinnen Freundschaft schloss. Aber sie sei nicht in Deutschland, um sich mit anderen in ihrer Muttersprache zu unterhalten.
Mexiko selbst vermisst sie nicht
Die Menschen in ihrem Heimatland mit ihrer Wärme und Offenheit vermisst Abigail manchmal. Sie findet die Deutschen verschlossen: „Das macht es schwer, Freunde zu finden und in Gruppen hineinzukommen. Außerdem sind die Deutschen nicht spontan. Sie planen alles schon sehr weit im Voraus“, sagt sie. „Auf der anderen Seite kann das von Vorteil sein, da sie viel Wert auf Pünktlichkeit legen. Das musste ich erst einmal lernen. Und das ist gut so.“
Mexiko selbst vermisst sie nicht, schließlich sei der deutsche Lebensstandard viel höher, berichtet Abigail. Ihr neues Zuhause in Deutschland gefalle ihr. Nur sei Falkenstein sehr abgelegen, und die Busse führen nicht oft genug. Und es sei hier zu kalt. „Mein Gastvater macht sich über mich lustig, weil ich so viel friere“, erzählt sie. Ihre Mutter hatte sogar befürchtet, Deutschland sei so kalt, dass Abigail ihr geliebtes Obst nicht bekommen würde. Abigail hat im Taunus zum ersten Mal in ihrem Leben Schnee erlebt.
„Ich bin glücklich hier“
Die Mexikanerin kann nur für ein Jahr als Au-pair-Mädchen in Deutschland bleiben, einen längeren Aufenthalt erlaubt ihr Visum nicht. Es gibt aber die Möglichkeit, dass sie als Sprachstudentin noch länger bleibt, und das hat sie auch fest vor. Schließlich will sie in der Bundesrepublik ihren Master machen und danach vielleicht sogar hier arbeiten, am liebsten wieder in der Hotelbranche. Die Familie, deren sechstes Au-pair-Mädchen sie ist, hat sie schon gefragt, ob sie ein zweites Jahr als Studentin bei ihnen wohnen wolle. „Natürlich“, sagt Abigail. „Ich bin glücklich hier.“
Aber den Wunsch des kleinen Benedict kann sie trotzdem nicht erfüllen. Er habe mal zu ihr gesagt: „Abi, ich liebe dich. Du bist ja bei uns, bis ich ins Gymnasium gehe, oder?“