07.02.2007 · Als der Münchner Finanzminister prüfen lassen wollte, ob sich die Aschaffenburger Korkmodellsammlung für eine Wanderausstellung eignen würde, leisteten die Kommunalpolitiker trotzig Widerstand. Wie die Bewohner eines gallischen Dorfes.
Von Ewald HetrodtManchmal erinnert Aschaffenburg an das berühmte gallische Dorf. Nicht nur weil es mit dem am Mainufer gereiften, roten Pompejaner über einen kraftspendenden Zaubertrank verfügt und die Lieblingsspeise des Obelix im Spessart in Form von Wildschweinen gleich rudelweise anzutreffen ist.
Zur Lebenswirklichkeit gehört auch ein Imperium, durch das die Dorfbewohner sich immer wieder mal bedroht fühlen. Seine Zentrale, die Münchner Staatskanzlei, ist ziemlich genau 350 Kilometer entfernt, verfügt aber mit dem Schloss Johannisburg über einen trutzigen Brückenkopf in der Provinz. Er steht in der Regel im Mittelpunkt, wenn sich zwischen der Landeshauptstadt und dem Völkchen am Untermain etwas zusammenbraut.
„Verlagerung ist nicht zu vertreten“
So sorgte in diesen Tagen ein Auftrag für Unruhe, den die in München angesiedelte Verwaltung der Staatlichen Schlösser, Gärten und Seen vom Finanzminister bekommen hat. Sie soll prüfen, inwieweit die Aschaffenburger Korkmodellsammlung sich für eine Wanderausstellung eignet.
Es handelt sich um eine besondere Schau: Um „Rom über die Alpen zu tragen“, erlernte der Hofkonditor Carl Joseph May gegen Ende des 18. Jahrhunderts die damals in Italien verbreitete Technik, antike Bauten detailgetreu nachzubilden. Sein Sohn Georg perfektionierte diese Kunst und schuf zum Beispiel mit dem im Schloss ausgestellten „Kolosseum“ das größte Korkmodell überhaupt. Es ist dreieinhalb Meter lang, drei Meter breit und 90 Zentimeter hoch. „Weltweit einmalig“ nennt der Leiter des städtischen Kulturamts, Burkard Fleckenstein, die Aschaffenburger Präsentation, die dort erst im Jahr 2003 vollendet wurde. Die mit großem Aufwand restaurierten Stücke bezeichnet er als „hochfragil“. Eine Verlagerung in andere Museen sei „unter konservatorischen Gesichtspunkten nicht zu vertreten“.
Der Stadtrat protestierte darum am Montagabend mit einer einstimmig beschlossenen Resolution gegen solche Überlegungen. CSU und SPD formulierten weitere, gesonderte Schreiben. So ließ die sozialdemokratische Landtagsabgeordnete Karin Pranghofer beispielsweise einen Brief an den Finanzminister Kurt Faltlhauser (CSU) verbreiten, in dem sie konstatierte, „dass in Bayern offensichtlich noch immer Raubritter unterwegs sind“. Diese „Art der Beutenahme“ müsse der Minister verhindern. Wie es sich für eine bemühte Oppositionspolitikerin gehört, erinnerte sie außerdem an den „Gemälderaub“ aus dem Jahr 2004. Ohne Vorankündigung hatten Mitarbeiter der Staatsgemäldesammlungen gleichsam bei Nacht und Nebel zwei Rubens-Bilder aus der Galerie im Schloss abtransportiert.
Sammlung in ganz Bayern bekannt machen
Schon damals schien die Historie nachzuwirken: Aschaffenburg kam erst zu Anfang des 19. Jahrhunderts zu Bayern. Unmittelbar danach sollen die neuen Regenten darangegangen sein, die Schatzkammer der einstigen Mainzer Residenz am Untermain rücksichtslos auszuplündern. Vor diesem Hintergrund dauerte es nach dem Verschwinden der Rubens-Gemälde ein gutes halbes Jahr, bis eine Entschuldigung des damals zuständigen Staatsministers für Wissenschaft, Kultur und Kunst, Thomas Goppel (CSU), und verschiedene Kompensationen die Aschaffenburger wieder besänftigten. Dieser Konflikt hat nach Fleckensteins Einschätzung wie ein reinigendes Gewitter gewirkt. So sei die Zusammenarbeit mit dem Freistaat bei der Vorbereitung der großen Cranach-Ausstellung hervorragend.
Auch seine aktuellen Befürchtungen scheinen übertrieben zu sein. Die Sprecherin der Schlösserverwaltung teilte der F.A.Z. auf Anfrage mit, „dass niemand daran denkt, solche Glanzpunkte wie das Kolosseum oder das Pantheon aus der spektakulären Korkmodellsammlung im Johannisburger Schloss auch nur zeitweise zu entfernen“. Stattdessen werde überlegt, eine „Studioausstellung“ zu konzipieren. Dabei könnten die Dubletten, die nicht in Aschaffenburg zu sehen seien, zusammen mit weiteren Leihgaben auf die Reise in geeignete Burgen, Schlösser und Residenzen geschickt werden. Eine solche Wanderausstellung könne die „leider viel zu wenig beachtete“ Aschaffenburger Sammlung in ganz Bayern bekannt machen und für sie werben.
In der Schlösserverwaltung ist man sich nach eigenem Bekunden darüber im Klaren, dass Korkmodelle generell transportempfindlich seien – „und dies umso mehr, je größer sie sind“. Bei der Planung müsse deshalb die Beschaffenheit jedes einzelnen Stückes geprüft werden. Schließlich sei dies auch eine Kostenfrage. Das klingt nach Entwarnung. Die Frage, ob die lauten Proteste der Aschaffenburger Politiker diesen Effekt innerhalb von zwei Tagen bewirkt haben oder von Anfang an unbegründet waren, bleibt offen.