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Anthropologie Immun gegen die Pest

06.11.2006 ·  Warum manche dem Schwarzen Tod entronnen sind, interessiert nicht nur Historiker: In Mainz will eine Anthropologin aus alten Gebeinen neue Erkenntnisse gewinnen.

Von Sascha Zoske
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Schlimm sei's ihm ergangen, dem lieben Augustin, klagt das alte Volkslied. In Wirklichkeit war der Mann ein Glückspilz. Vorausgesetzt, es stimmt, was über ihn erzählt wird. Marx Augustin, ein berühmter Sackpfeifer und Bänkelsänger, soll sich eines Abends anno 1679 in einer Wiener Gasse niedergelegt haben, um seinen Rausch auszuschlafen.

Damals grassierte die Pest in der Stadt, und Siechknechte suchten nach Opfern der Seuche, um sie in Massengräber zu werfen. Auch der wehrlose Augustin fiel ihnen in die Hände. Wieder nüchtern, fand sich der Spielmann in einer Grube wieder - inmitten von Dutzenden Pesttoten. Doch er verfiel nicht dem Wahnsinn, sondern blies auf seinem Dudelsack, bis ihm mutige Bürger zu Hilfe eilten. Und noch ein zweites Wunder wird vermeldet: Obwohl er eine ganze Nacht unter den Leichen verbracht hatte, blieb Augustin von der Pest verschont.

Resistenz gegen Pest und Cholera

Das klingt nach Gruselfolklore, aber möglicherweise hat die Geschichte einen wahren Kern, und für den interessiert sich Barbara Bramanti. Immer wieder habe es Berichte gegeben, daß Menschen dem Schwarzen Tod auf rätselhafte Weise entgangen seien, erläutert die Mitarbeiterin des Instituts für Anthropologie an der Universität Mainz. Auch sei belegt, daß Seuchen wie Pest und Cholera in der zweiten Welle einer Epidemie weniger Opfer forderten als beim ersten Ausbruch. Dies könne nicht dadurch erklärt werden, daß sich die körpereigene Abwehr auf die Erreger einstelle. Wahrscheinlich, so Bramanti, handele es sich um ein genetisches Phänomen: Manche Individuen hätten Besonderheiten in ihrem Erbgut, die sie vor diesen Krankheiten schützten.

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In ihrem von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderten Habilitationsprojekt will die 41 Jahre alte Italienerin beweisen, daß Mutationen in zwei bestimmten Genen Resistenz gegen Pest beziehungsweise Cholera verleihen können. Zu diesem Zweck untersucht sie DNS aus den Knochen von Menschen, die mutmaßlich einer der beiden Seuchen erlegen sind. Gebeine von 230 Choleraopfern aus einer Höhle in Sizilien dienen ebenso als Forschungsmaterial wie Überreste von 189 Pesttoten, die neben einer englischen Kathedrale beerdigt wurden. Auch im rheinhessischen Gau-Algesheim hat Bramantis Team kürzlich Spuren gesichert: Dort war neben der katholischen Kirche ein Grab aus der Zeit der Pestepidemie von 1666 entdeckt worden.

Schon an den Fundstätten achten die Wissenschaftler darauf, daß die Knochen nicht verunreinigt werden. Und im DNS-Labor des Mainzer Instituts muß es so sauber zugehen wie in der Fabrikhalle eines Computerchip-Herstellers. Unter keinen Umständen dürfen die Proben mit fremder Erbsubstanz in Berührung kommen: Schließlich wollen die Anthropologen die genetischen Besonderheiten von Menschen studieren, die vor Jahrhunderten gelebt haben - und nicht ihre eigenen.

Mutationen mit positiven Nebenwirkungen

Daß manche im Grunde schädlichen Mutationen des Erbguts mitunter positive Nebenwirkungen haben, ist seit langem bekannt. Klassisches Beispiel ist jener Defekt, der zur Sichelzell-Anämie führt. Zum Ausbruch kommt diese besondere Form der Blutarmut nur dann, wenn beide Kopien des Gens, die der Mensch besitzt, verändert sind; Genetiker sprechen dann von homozygoten Trägern. Wer dagegen eine normale und eine mutierte Ausfertigung besitzt, bleibt gesund - und ist obendrein gegen Malaria gefeit. Dort, wo das Fieberleiden häufig auftritt, haben diese heterozygoten Träger einen Überlebensvorteil; entsprechend oft findet sich das Sichelzell-Gen bei den Bewohnern bestimmter Regionen Afrikas.

Ganz ähnlich, vermutet Bramanti, könnten sich auch Resistenzen gegen Cholera und Pest erklären lassen. Die Durchfallkrankheit wird von Bakterien verursacht, die ein hochwirksames Gift produzieren. Es zwingt die Darmzellen, unkontrolliert Wasser abzugeben; durch den enormen Flüssigkeitsverlust geraten die Kranken schnell in Lebensgefahr. Das Zellprotein, an dem das Gift angreift, wird von dem sogenannten CFTR-Gen codiert.

Seine Mutation kann zur Mukoviszidose führen, einer Stoffwechselkrankheit, die die Lebenserwartung der Betroffenen deutlich verringert. Zum Ausbruch kommt das Leiden aber ebenso wie die Sichelzellanämie nur bei homozygoten Trägern. Menschen mit nur einer defekten Genkopie verfügen sowohl über normales als auch über mißgebildetes CFTR-Protein. Letzteres, so die Theorie, reagiert bei einer Infektion mit dem Choleraerreger und ähnlichen Bakterien nicht auf die Attacke des Toxins - der tödliche Dauerdurchfall bleibt aus.

Pestfälle in Madagaskar

Im Fall der Pest wird nach Worten der Forscherin das sogenannte HFE-Gen als Vermittler eines Infektionsschutzes ins Auge gefaßt. Manche Mutationen dort ziehen eine Störung des Eisenstoffwechsels nach sich, die sogenannte Hämochromatose. Auf eine bisher nicht geklärte Weise könnten HFE-Defekte die Vermehrung von Pestbakterien im menschlichen Körper hemmen - oder aber, wie manche Wissenschaftler meinen, im Gegenteil sogar fördern. Die eine wie die andere Hypothese ließe sich erhärten, wenn in der DNS von Pesttoten bestimmte Ausprägungen des HFE-Gens entweder seltener oder häufiger gefunden würden als in der Erbsubstanz von Menschen, die anderen Krankheiten wie etwa der Cholera zum Opfer gefallen sind.

Woran jemand gestorben ist, der vor 400 Jahren in einem Massengrab verscharrt wurde, läßt sich freilich im nachhinein schwer feststellen. Manches Leiden wurde früher fälschlicherweise als „Pest“ gedeutet, und an den Knochen hinterläßt die Krankheit ebenso wie die Cholera keine Spuren. Deshalb versucht Bramanti, möglichst viel über die Gräber in Erfahrung zu bringen. Was inzwischen über die Toten von Gau-Algesheim bekannt ist, läßt sie am Wert dieser Fundstätte für ihre Forschungen zweifeln: Offenbar waren die Leichen zuerst an einem anderen Ort bestattet und sind später umgebettet worden.

Daß die Pest hierzulande noch einmal wüten könnte wie im Unglücksjahr 1666, erscheint schwer vorstellbar. Mit Entdeckung der Antibiotika hat die Seuche viel von ihrem Schrecken verloren. Ausgerottet ist sie aber keineswegs; in Madagaskar beispielsweise treten immer wieder Fälle auf. Nach Ansicht von Kurt Alt, Professor am Institut für Anthropologie, ist es überdies vorstellbar, daß Terroristen den Erreger als Biowaffe verwenden: „Man könnte die Bakterien von einem Flugzeug aus versprühen.“ Auch eingedenk eines solchen Szenarios ist es wichtig herauszufinden, welche natürlichen Mechanismen die Ausbreitung des Erregers beeinflussen. Denn einen wirkungsvollen Impfstoff gegen den Schwarzen Tod gibt es bis heute nicht.

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Jahrgang 1969, Blattmacher in der Rhein-Main-Zeitung.

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