15.05.2006 · Am Mainzer Klinikum streiken die Mediziner die ganze Woche. Mit dem verschärften Arbeitskampf haben die Ärzte auf das Scheitern der Gespräche zwischen dem Marburger Bund und der Tarifgemeinschaft der Länder reagiert.
Der Ausnahmezustand ist vorerst ausgeblieben. Wer über das Gelände des Mainzer Universitätsklinikums ging, bekam keine unversorgten Unfallopfer oder voreilig entlassene Patienten zu Gesicht. Die Warteschlangen an den Ambulanzen waren etwas länger als gewöhnlich, planbare Operationen wurden verschoben, Sprechstunden fielen aus. Im übrigen aber deutete wenig darauf hin, daß zwei Drittel der 800 Klinikärzte ihre Arbeit niedergelegt haben.
Das Mainzer Klinikum gehört zu den bundesweit 25 Unikliniken und 14 Landeskrankenhäusern, die an fünf Tagen der Woche bestreikt werden. Mit dem verschärften Arbeitskampf haben die Ärzte auf das Scheitern der Gespräche zwischen dem Marburger Bund und der Tarifgemeinschaft der Länder reagiert. Unter anderem fordern die Mediziner höhere Gehälter, geregelte Arbeitszeiten und weniger bürokratische Verpflichtungen.
Dilemma der Mediziner
Vom Ärztestreik habe sie nur in den Nachrichten gehört, sagt eine Mutter, die mit ihrem Sohn aus dem Gebäude der Chirurgie kommt. Der Achtjährige läuft an Krücken, seitdem er sich beim Inline-skaten das Schienbein gebrochen hat. Nun mußte die Heilung kontrolliert werden. Zwar sei die Kinderchirurgie nicht besetzt gewesen - „aber das Röntgen hat dann eine andere Abteilung übernommen“. Ein Krebspatient, der in der Cafeteria vor einer Tasse Milchkaffee sitzt, fühlt sich ebenfalls ausreichend versorgt.
Die Beispiele zeigen das Dilemma der Mediziner: Einerseits muß der Streik spürbar sein, andererseits tragen sie Verantwortung für ihre Patienten. Niemand dürfe zu Schaden kommen, betont auch Christoph Best. Der Assistenzarzt steht mit zwei Kollegen an einem Stand, den die Streikenden vor dem Haupteingang des Klinikums aufgebaut haben. Sie wollen verunsicherte Patienten informieren - etwa einen Mann, der über Schmerzen im Bein klagt. Selbstverständlich werde er untersucht, sagt Best und schickt ihn in die Notaufnahme.
Wirtschaftliche Folgen für die Klinik
Viele Passanten äußern Verständnis für den Protest, andere wundern sich über Forderungen wie „30 Prozent mehr Geld“. Dem halten die Assistenzärzte entgegen, daß es nur darum gehe, Gehaltseinbußen der Vergangenheit auszugleichen. Früher hätten sich die jungen Mediziner mit schlechten Arbeitsbedingungen und unbezahlten Überstunden abgefunden, weil die Aussicht bestanden habe, später Oberarzt zu werden oder eine Praxis zu gründen. Inzwischen aber gebe es kaum noch Stellen, und auch als niedergelassener Arzt sei kein Geld zu verdienen.
Peter Galle, der Ärztliche Direktor des Universitätsklinikums, stellt sich hinter die Streikenden. Er hoffe, daß sich die Tarifgemeinschaft der Länder kompromißbereit zeige. Denn mit dem durchgehenden Streik habe die Auseinandersetzung eine bedrohliche Dimension angenommen. Ausgefallene Eingriffe und Untersuchungen könnten nun nicht mehr nachgeholt werden. Dies habe auch wirtschaftliche Folgen für das ohnehin hochdefizitäre Klinikum. Bisher seien 900 Patienten streikbedingt nicht behandelt worden, in dieser Woche kämen wohl 400 Fälle hinzu. Somit würden sich die Einnahmeverluste auf 5,2 Millionen Euro summieren - und bei einer Fortsetzung des Streiks weiter steigen.
Hessens Sonderweg
In Hessen verhandelt die Ärztegewerkschaft Marburger Bund seit März 2006 direkt mit dem Land über einen Tarifvertrag für die angestellten Ärzte der Universitätskliniken Frankfurt und Marburg-Gießen. Damit herrscht Friedenspflicht, die Ärztestreiks in Hessen wurden vorerst beendet. Neue Proteste wollte der Geschäftsführer des Marburger Bunds Hessen, Udo Rein, gestern nicht ganz ausschließen.
Er sagte jedoch: „Wir machen inhaltliche Fortschritte“, die mit der Tarifgemeinschaft deutscher Länder in so kurzer Zeit nicht möglich gewesen wären. Das Land Hessen ist zum 31. März 2004 aus der Tarifgemeinschaft, dem Arbeitgeberverband, ausgetreten. Erste Aufforderungen, mit dem Marburger Bund zu verhandeln, hat der für Tarifgespräche des Landes Hessen zuständige Innenminister Volker Bouffier (CDU) laut Rein abgelehnt.
Michael Bußer, Pressesprecher im Innenministerium, zeigte sich gestern auf Anfrage ebenfalls zufrieden mit dem Verlauf der „konstruktiven Verhandlungen“. Zu Einzelheiten wollten sich beide Seiten aber nicht äußern. Rein teilte mit, in Fragen der Wochenarbeitszeit, der Bereitschaftsdienste und der Ruhezeiten habe es bereits Annäherungen gegeben.
Sobald man sich in diesen Punkten geeinigt habe, werde über die Löhne gesprochen. Wann die Verhandlungen endgültig abgeschlossen sein würden, ist nach Reins Worten nicht absehbar, da die Materie sehr komplex sei. Am 7. Juni werden sich Vertreter von Land und Marburger Bund zum vierten Mal an einen Tisch setzen.