Ein „zorniger Zwischenruf“ hat Frank Nürnberger selbst zornig gemacht. Der Studiendekan der Frankfurter Universitätsmedizin ärgert sich über einen von „Spiegel online“ veröffentlichten Artikel, in dem eine Abiturientin beklagt, dass sie trotz großen Engagements keinen Medizinstudienplatz bekomme - weil ihre Durchschnittsnote von 2,4 zu schlecht sei.
Nürnberger hat sich den Beitrag ausgedruckt und mit handschriftlichen Anmerkungen versehen, um jeden Satz der jungen Frau widerlegen zu können. Eigentlich hat der Anatomieprofessor Besseres zu tun, als Texte aus dem Internet zu rezensieren. Aber weil er die Argumente, die darin aufgeführt werden, auch an seiner Uni immer öfter zu hören bekommt, drängt es ihn, dazu Stellung zu nehmen.
„Lasst mich rein, ich kann Arzt“, fleht Lea, 22 Jahre alt, in ihrem Aufsatz. Gut, ihr Abi sei nicht glänzend, aber der Wunsch, Menschen zu kurieren, „gehört zu meinem Leben“. Und sie tue ja auch viel, um ihren Traum zu verwirklichen: Ein Pflegepraktikum habe sie schon abgeleistet und sich zur medizinischen Fachangestellten ausbilden lassen. Außerdem arbeite sie ehrenamtlich als Sanitäterin. Überdies habe sie an einigen Unis „den Medizinertest erfolgreich absolviert“.
Kein Vorteil durch freiwilligen Einsatz
Doch all das hat Lea bisher nichts genützt. Seit drei Jahren bemüht sie sich nach eigenem Bekunden vergeblich um einen Platz. Ihr freiwilliger Einsatz habe ihr keinen nennenswerten Vorteil verschafft. Nie sei sie zu einem Auswahlgespräch eingeladen worden. Selbst der Rechtsweg hat sie nicht zum Ziel geführt, wie sie schreibt: Ungefähr 18 Universitäten habe sie vergeblich auf Zulassung verklagt.
Wenn Nürnberger und seine Mitarbeiter ein solches Lamento in ihren Sprechstunden von gescheiterten Bewerbern oder deren Eltern vernehmen, müssen sie sich mit diplomatischen Worten rechtfertigen. Angesichts des Online-Artikels wird der Studiendekan jedoch sarkastisch. Fühle sich die junge Dame zur Heilkunde berufen, „dann hätte sie eben besser lernen sollen“. In Frankfurt werde den Schülern auf Informationstagen frühzeitig klargemacht, dass sie mit einem Abi-Schnitt über 1,5 keine Chance hätten, an der Goethe-Uni Medizin zu studieren.
„Abiturnote der beste Indikator“
Leas angebliche Zusatzqualifikationen beeindrucken Nürnberger wenig. Ein Sanitäter-Lehrgang sei nichts Besonderes; wer ihn absolviert habe, könne „einem Rettungsassistenten nicht das Wasser reichen“. Auch ein bestandener Mediziner-Test bringe nicht unbedingt Pluspunkte: Nur wenn deutlich mehr als 50 Prozent der Fragen richtig beantwortet würden, gebe es einen Bonus. Dass die Bewerberin nie zum persönlichen Interview gebeten wurde, wundert den Professor nicht: „Offensichtlich waren die Vorleistungen zu schlecht.“
Was der Studiendekan mit seiner Widerrede deutlich machen will, ist vor allem dies: Die bloße Sehnsucht, Mediziner zu werden, sei kein Zulassungskriterium, und auch praktische Vorerfahrung könne intellektuelle Mängel nicht ausgleichen. Noch immer sei die Abiturnote der beste Indikator - nicht nur für das Bestehen der Examina, sondern auch für den späteren beruflichen Erfolg. Intelligente Ärzte könnten dank ihres Kombinationsvermögens ungewöhnliche Symptome mit den richtigen Krankheiten in Verbindung bringen. Im Übrigen seien sie den Patienten oft auch menschlich sehr zugewandt. Studenten mit guter Abi-Note zu unterstellen, sie seien nur als Theoretiker stark und es fehle ihnen an Empathie, sei eine „Frechheit“.
Krankenpflegepraktikum einbezogen
Nürnbergers Überzeugungen spiegeln sich weitgehend im Auswahlverfahren seines Fachbereichs wider, das außer der Abi-Note nur noch ein eventuell abgeleistetes Krankenpflegepraktikum einbezieht - dies soll einen Hinweis darauf geben, ob ein Aspirant den Belastungen des ärztlichen Alltags gewachsen ist. Die Vertreter der Frankfurter Medizinstudenten halten das grundsätzlich für sinnvoll; Fachschaftssprecherin Theresa Richter würde aber gerne noch eine abgeschlossene Berufsausbildung berücksichtigt sehen. Oft seien gerade solche Anwärter besonders motiviert, glaubt sie. An der Universität Mainz scheint man diese Ansicht zu teilen: Dort werde eine Ausbildung in einem Gesundheitsberuf mit 0,4 Punkten auf die Abi-Note angerechnet, berichtet Christian Werner, Prodekan für Studium und Lehre der Universitätsmedizin. Sein Frankfurter Kollege Nürnberger hält von solchen Modellen wenig: Es gebe keine Untersuchungen, die belegten, dass ein Berufsabschluss Vorteile im Studium bringe.
Einig sind sich die Studiendekane darin, dass ein von abgewiesenen Bewerbern wie Lea gerne vorgebrachtes Argument nicht zu halten ist: Man müsse auch Leuten mit weniger guten Noten eine Chance geben, weil in Deutschland Ärztemangel herrsche. Doch den gibt es nicht, wie Nürnberger und Werner klarstellen: Die Absolventenzahl sei ausreichend, es handele sich nur um ein Verteilungsproblem. Eine Praxis auf dem Land zu übernehmen erscheint jungen, ehrgeizigen Doktoren wenig attraktiv, und auch einen Assistenzarzt zieht es zur Weiterbildung selten in kleine Kreiskrankenhäuser: Diese verfügten häufig nicht über die entsprechende Ausstattung, weiß der Frankfurter Fachschaftssprecher Norbert Harbolla.
Partnerschaften mit Landkrankenhäusern und -praxen
Trotzdem wollen die medizinischen Fakultäten das Ihre tun, um mehr Studenten für den Dienst außerhalb der großen Zentren zu begeistern. In Frankfurt sollen laut Nürnberger Partnerschaften mit Landkrankenhäusern und -praxen, aber auch mit niedergelassenen Kollegen in sozialen Brennpunkten aufgebaut werden - in der Hoffnung, den Nachwuchs durch Famulaturen für den Einsatz an solchen Orten gewinnen zu können. Nürnberger wünscht sich zudem eine Lehreinheit mit dem Thema „Gründung und Betrieb einer Praxis“. In Mainz setzt der Fachbereich vor allem auf die Stärkung des Fachs Allgemeinmedizin, das nun in jedem Studienabschnitt präsent sei.
Nach Nürnbergers Ansicht muss die Aufklärung über Berufsperspektiven aber schon lange vor dem Studium beginnen. Der Frankfurter Fachbereich arbeite mit dem hessischen Kultusministerium zusammen, um dafür zu sorgen, dass im Schulfach Gesundheitslehre ein realistisches Bild der Arztlebens vermittelt werde: „Da geht es eben nicht zu wie in ,Grey's Anatomy'.“ In Fortbildungen sollen Lehrer erfahren, welche Fähigkeiten - und Zeugnisnoten - ein angehender Medizinstudent mitbringen muss. Auch um ihren Schülern Erfahrungen zu ersparen, wie sie die verhinderte Ärztin Lea machen musste.
wer das wirklich will
peter neumann (wammy)
- 15.07.2011, 13:35 Uhr
Mein Doktor sollte schon eine 1,0 im Abitur gehabt haben.
Steffen Rupp (steffenrupp)
- 15.07.2011, 13:54 Uhr
Schulnoten
Klaus Koch (we_are_stardust)
- 15.07.2011, 13:59 Uhr
Widerspruch!
C. Reinhard (celisa)
- 15.07.2011, 14:06 Uhr
Kann nicht verstehen wie Zensuren kategorisch vom Studium ausschließen sollen?!
Jan Poppe (Kwich)
- 15.07.2011, 14:15 Uhr

