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Wein : Schraubverschluss schlägt Naturkorken

Schraubverschlüsse für Weinflaschen sind zunehmend stärker gefragt als... Bild: picture-alliance/ dpa/dpaweb

Der Streit um den Stopfen auf Weinflaschen aus Hessen ist entschieden: Schraubverschlüsse setzen sich durch, Stopfen aus Naturkork verlieren. Die Folge: Weniger Wein ist vom Korkschmecker bedroht.

          Der Plopp ist in Gefahr. Stattdessen knirscht und knackt es immer häufiger an deutschen Tafeln, denn immer weniger Weinflaschen werden mit dem traditionellen Korken verschlossen. Börsianer würden von einer Hausse für den Schraubverschluss sprechen. Glas stagniert, Kunststoff und Kronkorken sind in der Baisse, Naturkork verliert auf weiterhin hohem Niveau.

          Oliver Bock

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung für den Rheingau-Taunus-Kreis und für Wiesbaden.

          Auch die hessischen Winzer greifen vermehrt zu Kunststoff, Aluminium oder Glas. Wie viele genau, ist nicht zu ermitteln. Aber der Trend ist eindeutig und in jeder Rheingauer Vinothek und auf jeder Weinpräsentation auch für den Laien erkennbar: Der Naturkork ist auf dem Rückzug.

          Und Tetrapak? Es sind keine Weingüter, sondern Kellereien, die auf diese stabile und leichte Verpackung, vor allem bei Billigwein für Exportmärkte, setzen. Der Hersteller wirbt, dass kaum Licht durch diese Verpackung dringt, dass der Korkgeschmack ausgeschlossen, die Lagerung einfach ist und die Verpackung sich vollständig wiederverwerten lässt.

          ...als der natürliche Rohstoff aus bestimmten Eichen...

          Handhabung sehr bequem

          Bei den hessischen Weingütern ist allein der Schraubverschluss auf dem Vormarsch, weil seine Vorzüge so klar auf der Hand liegen: Der damit verschlossene Wein ist nicht vom Korkschmecker bedroht. Die Handhabung ist für die Gastronomie und für die Winzer beim Ausschank sehr bequem. Die Technik ist ausgereift und verlässlich. Die Akzeptanz beim Verbraucher ist auch nach den Erfahrungen zunächst skeptischer Winzer hoch, nicht zuletzt auch wegen der leichten Wiederverschließbarkeit einmal geöffneter Flaschen, die zudem nicht mehr liegend gelagert werden müssen.

          Weinbauverbandspräsident Klaus-Peter Keßler schätzt, dass schon die Hälfte aller Weißweinflaschen im Rheingau mit den sogenannten Stelvinverschlüssen ausgestattet ist. Tendenz steigend. Mit rund zehn Cent einschließlich Kapsel ist der Preis unerreicht günstig. Der schicke und hochwertige Glasverschluss des Aluminiumherstellers Alcoa ist dagegen rund viermal so teuer. Mit dessen Einführung im Jahr 2003 gab es zwar eine anfänglich schnelle Ausbreitung von Glas vor allem in Deutschland, doch zwischenzeitlich scheint sich Stagnation einzustellen.

          Vorreiter im Rheingau wie der Wallufer Winzer Hans-Josef Becker und das Weingut Schloss Vollrads sind zwar mit dem Glasstopfen hochzufrieden, doch als Standardverschluss wird er sich auf breiter Front wohl nicht mehr durchsetzen können. Immerhin wird er im Gegensatz zum zeitweise propagierten Kronenverschluss eine gesicherte Zukunft haben. Kunststoffstopfen wie vom Marktführer Nomacorc sind mit rund 15 Cent deutlich preiswerter als Glas. Sie stoßen nach der Beobachtung von Weinbauverbandspräsident Keßler aber im direkten Vergleich mit dem Schraubverschluss auf immer weniger Gegenliebe, weil sie eine schnelle Alterung begünstigten.

          Preiswerte Kunststoffstopfen auch beliebt

          Nomacorc hat jüngst zwar eine neue Premium-Variante vorgestellt, mit dem hochwertige Weine bis zu sechs Jahre gelagert werden können. Die meisten Betriebe nutzen aber den preiswerten Kunststoffstopfen allenfalls für Sommerweine, die binnen weniger Monate getrunken sein sollen. Für Keßler ist die jahrelange Debatte um alternative Verschlüsse vom Markt entschieden worden, und der Sieger heißt zumindest für Weißwein Schraubverschluss.

          Der Verband der Prädikatsweingüter (VDP) sieht das aber anders. Auf dem Höhepunkt der Debatte verabschiedete der VDP ein Papier, wonach der meist 20 bis 100 Cent teure Naturkorkstopfen „der international anerkannte Verschluss für höchste Weinqualitäten“ bleiben werde. Nach einer Umfrage des 200 Mitglieder zählenden Verbands, darunter mehr als 40 aus dem Rheingau, verwenden sie für 60 Prozent ihres Sortiments einen Naturkork, für 25 Prozent den Schraubverschluss und für den Rest jeweils zur Hälfte Plastik und Glas. Viele fahren also zweigleisig: Gute und teure Korken für die Spitzenweine, Schraubverschlüsse für die Konsumtropfen.

          Gefördert haben dieses Bekenntnis zum Naturprodukt die Anstrengungen und Millioneninvestitionen der portugiesischen Korkerzeuger in den vergangenen zehn Jahren, um die chemische Verbindung 2,4,6-Trichloranisol als Hauptursache für den berüchtigten Muffton im Wein aus dem Kork weitgehend zu eliminieren. Vor der Qualitätsoffensive schätzte die EU-Kommission europaweit den jährlichen, europaweiten Schaden durch verdorbenen Wein auf 500 Millionen Euro.

          Nur noch Schraubverschlüsse bei braunen Flaschen

          Als Ende der neunziger Jahre die Qualitätsmängel immer drängender wurden und sich die Suche nach alternativen Verschlüssen beschleunigte, fürchtete die Korkindustrie um ihre monopolähnliche Stellung beim Verschluss von jährlich rund 17 Milliarden Flaschen Wein.

          Inzwischen zeigen die portugiesischen Anstrengungen Wirkung, und sie finden bei den deutschen Spitzenerzeugern auch Anerkennung. Zudem haben die Naturkorkproduzenten die Argumente des Klimaschutzes auf ihrer Seite, denn sie verarbeiten ein Naturprodukt aus der Rinde der Korkeiche und hinterlassen keine Berge von Metall oder Plastik, die schon bei der Produktion höhere Kohlendioxidemissionen verursachen.

          Doch mancher Winzer hat gar keine andere Wahl, als umzusteigen. Als der Rheingauer Vorzeige-Winzer, VDP-Vorsitzende und Kork-Verfechter Wilhelm Weil für den Jahrgang 2007 neue Flaschen orderte, stellte sich heraus, dass die Glasindustrie die gewünschte Glasflasche in der präferierten Farbe braun nur noch für Schraubverschlüsse anbot. Damit war der Umstieg beim Basiswein in der Literflasche auch für das Kiedricher Weingut unausweichlich.

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