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Karaoke für alle : Mangelnde Textkenntnis zählt nicht als Ausrede

Im Rudel: Tom Jet gibt den Tankt vor. Bild: Marcus Kaufhold

Von wegen, es wird nicht mehr gesungen: „Rudel Singsang“ ist wie Karaoke für alle. Und das kommt so gut an, dass in Oberursel einmal im Monat die Hütte bebt.

          „Lala, lalalala.“ Einen Halbton rauf: „Lili, lililili.“ Noch einen höher: „Lulu, lulululu.“ Und noch einen: „Lälä, lälälälä.“ Der Anfang von „Monday, Monday“, mit dem The Mamas and the Papas 1966 einen Welterfolg hatten, eignet sich hervorragend zum Einsingen. Wie gut, dass der Text groß auf eine Wand projiziert wird - und damit ob seines überschaubaren Inhalts gleich Gelächter auslöst. Bevor das große „Lala“ anhebt, hat Thorsten Jeutter alias „Tom Jet“ die Leute im Saal aufstehen lassen. „Fühlt eure Körperspannung, lasst mal die Hüften kreisen“, lauten seine Anweisungen. Der Berufsmusiker hat einen Tipp für Erkältete: „Am besten klopft ihr kräftig die Brust frei.“ Die Vorbereitung ist hilfreich, denn niemand soll nach drei Liedern heiser schlappmachen oder sich die Stimmbänder ruinieren. Es gilt, mit kurzer Pause gut zwei Stunden durchzuhalten.

          Bernhard Biener

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung für den Hochtaunuskreis.

          Dass Jeutter vorne in einer Ecke mit seiner Gitarre steht, ist nur ein Teil der musikalischen Wahrheit. Die Hauptakteure des Abends belegen sämtliche Stühle an den langen Tischen. Singe, wem Gesang gegeben: Wenn das Wort des Dichters gilt, sitzen in dem hölzernen Anbau des Alt-Oberurseler Brauhauses an diesem Mittwoch 80 reich beschenkte Menschen. Die entschlossen sind, die Welt an ihrer Gabe teilhaben zu lassen. „Wir haben davon in der Zeitung gelesen“, sagt Stefan, der mit seiner Frau Bärbel aus Königstein angereist und zum ersten Mal da ist. „Wir lieben die Musik der sechziger, siebziger und achtziger Jahre.“ Der Fünfundfünfzigjährige singt gewöhnlich nur unter der Dusche. Ganz trocken ist die Atmosphäre hier zwar auch nicht, denn im Unterschied zur eiskalten Winternacht draußen herrscht drinnen Tropenklima. Aber bis aufs Ausziehen des zu dicken Pullovers muss sich hier niemand nackig machen. Das gilt auch im übertragenen Sinn.

          „Der Laden ist immer voll“

          Einmal im Monat ist im Brauhaus „Rudelsingen“ angesagt, und das folgt dem Prinzip des Karaoke. Mit dem entscheidenden Unterschied, dass sich nicht ein einzelner zur Gaudi der anderen produziert. Sondern alle gleichzeitig singen und sich höchstens derjenige komisch vorkommt, der aus irgendeinem Grund nicht mitmacht. Den Text kann jeder mitlesen, womit die wichtigste Ausrede wegfällt. Dazu spielt Jeutter auf der Gitarre. Nur manchmal mischt er ein vorbereitetes Halbplayback dazu. „Hier geht’s nicht anders“, sagt er zum Beispiel bei „Westerland“ von den „Ärzten“, das ohne Schlagzeug nicht auskommt. Ein jeder kann an diesem Abend endlich einmal aus seiner Haut. Der Mann mit dem eindrucksvollen Bart hat die erwartete kräftige Baritonstimme. Die führt zwar bei genauerem Hinhören ein melodisches Eigenleben, das nicht zwingend den Vorstellungen des Liedkomponisten folgt. Aber das ist das Schöne am Gemeinschaftssingen: Im statistischen Mittel stimmt’s, selbst wenn die Normalverteilung an den Rändern musikalisch ausfranst.

          2014 hat „Tom Jet“, der sonst mit neun verschiedenen Bands der Stilrichtungen von Blues über Rock bis Schlager seinen Lebensunterhalt bestreitet, die relativ neue Form des Gemeinschaftskaraokes für sich entdeckt. Der Begriff „Rudelsingen“ trifft die Sache zwar gut, doch Vorsicht: Er trägt rechts oben ein kleines „R“ im Kreis und ist eine eingetragene Marke des Münsteraner Musikers David Rauterberg. Weshalb Jeutter seine Veranstaltungen unter dem Titel „Rudel Singsang“ firmieren lässt. Seit gut einem Jahr ist der Musiker aus Obertshausen damit einmal im Monat im Oberurseler Brauhaus zu Gast. „Der Laden ist immer voll.“ Woher die Begeisterung fürs Singen kommt, kann er sich auch nicht recht erklären. Jeutter gehört wie die meisten Gäste an diesem Abend zur Generation, die in ihrer Jugend noch keine Casting-Shows kannte. Ein bisschen Geklampfe am Lagerfeuer, vergebliche Mühen des Musiklehrers in der Schule, dann der Stimmbruch - für die meisten Männer endet damit ihre Sängerbiographie. Samstags im Stadion wird die eigene Mannschaft schließlich nicht mit mehrstimmigen Motetten angefeuert.

          Bei „Viva Colonia“ bebt die Hütte

          Aber vielleicht ist das Wort Melodie nicht umsonst weiblich. „Am Anfang waren wir hier nur Frauen“, sagt Ulrike, die von Anfang an in Oberursel mitsingt. Sie gibt sich schon mit ihrer eigenen großen Rassel als Profi zu erkennen. Wen sonst Rhythmusgefühle packen, der kann bei Jeutter für kleines Geld ein Plastik-Ei zum Shakern erwerben. Die 53 Jahre alte Erzieherin hat ihre fast 20 Jahre jüngere Kollegin Katharina mitgebracht, die beruflich ebenfalls im Kindergarten mit Musik zu tun hat. Aber so richtig schön laut und unbedarft lässt sich eben nur beim „Rudel Singsang“ singen. Wobei es auch hier Möglichkeiten gibt, öffentlich danebenzuliegen. Wer bei der Strophe zu früh einsetzt, kommt doch zu einem kurzen unfreiwilligen Solo. Mit Ungenauigkeiten beim Ei-Shakern ist man hingegen selten allein und geht meist in einem polyrhythmischen Rasseln unter, das passend zur Raumtemperatur an Tropenregen erinnert.

          Ulrike mag am liebsten alte deutsche Schlager und wird mit dem „kleinen grünen Kaktus“ bedient. Jeutter nimmt vor den Veranstaltungen Liedwünsche per E-Mail entgegen, denn spontan lässt sich das Programm wegen der Liedtexte nur schwer ändern. Bei „Bed of Roses“ von Bon Jovi kommen die Sänger mit dem Lesen kaum nach, bei „Viva Colonia“, einer Reminiszenz an die nahende Fastnacht, bebt die Hütte. Andreas ist gerade 50 geworden und wagt sich bei „Venus“ sogar an die zweite Stimme. „Besser als erwartet“, findet Charlotte das „Rudel Singsang“, mit 16 Jahren wohl die jüngste Teilnehmerin. „Ich dachte, das ist so eine Seniorenveranstaltung.“ Einige Lieder stammen zwar aus einer Zeit, in der selbst ihre Eltern noch Kinder waren. „Aber die kennt sie dann aus der Werbung“, sagt Charlottes Mutter Sylvia.

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