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Streit um Logo der Firma Neger : Eine Armee von Menschenhassern

Überhaupt keine gute Idee: Einer der Aufkleber, die den Streit um das Logo von Dachdecker Thomas Neger erst so richtig angeheizt haben. Bild: Claus Eckert

Ist das Logo eines Dachdeckers aus Mainz rassistisch? Kann sein. Viele Äußerungen dazu sind es ganz sicher. Die Debatte legt das Schlechte im Menschen frei.

          Felix Leidecker hält einen Schaumkuss in der Hand und das offenbar für einen guten Witz. Er ist Vorsitzender der Jungen Union in Mainz und Akteur in einer Debatte, von der er selbst sagt, sie sei aus den Fugen geraten. Es geht um die Frage, ob das Logo des Mainzer Dachdeckers Thomas Neger rassistisch ist.

          Denise Peikert

          Freie Autorin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          In einer Situation, in der es schon Morddrohungen gegeben hat, in der hüben wie drüben Menschen aufs übelste beschimpft worden sind, hält es der Politiker Leidecker für eine gute Idee, öffentlich in einen Schaumkuss zu beißen - und den Rest einer johlenden Menge zu überlassen. Er hat sein Profilfoto bei Facebook gegen das mit dem Schaumkuss ausgetauscht. 61 Menschen gefällt das. „Lecker Negerkuss!“, schreiben sie, lassen sich „nichts von der selbsternannten Sprachpolizei vorschreiben“ und wünschen guten Appetit.

          Soll heißen: Unseren Negerkuss lassen wir uns nicht nehmen. Und das Logo von Thomas Neger auch nicht. Das zeigt einen stilisierten Schwarzen mit wulstigen Lippen und großen Ohrringen. Wer fordert, es müsse weg, das ist die Schaumkuss-Botschaft, hat nichts Besseres zu tun.

          Leideckers Foto ist so ungefähr das harmloseste unter den Statements zur Logo-Frage. Es ist weit entfernt von dem ganzen „wir prügeln euch zurück nach Afrika“ oder dem „Gleise sind noch vorhanden“. Es hilft halt nur auch nicht weiter bei der Frage, ob das Logo rassistisch ist oder nicht, ob es weg muss oder bleiben soll. Aber die Frage wird sowieso überbrüllt. Vom Ton der Debatte, vom fehlenden Anstand und, das Schlimmste: von den vielen ganz eindeutig rassistischen und menschenverachtenden Äußerungen.

          Es tauchten Sticker in der Stadt auf

          Kommen sie von Menschen, die so etwas normalerweise nicht einmal nach dem zwölften Bier krakeelen würden? Das ist das beste anzunehmende Szenario und wahrscheinlich falsch. Vielmehr ist es, als hätte eine Armee von Menschenhassern gelauert, bis ihnen die Gelegenheit zum Angriff günstig erschien.

          Seit Jahren schon kritisieren Studenten in Mainz das Logo von Thomas Neger, Dachdecker, Fastnachter und CDU-Stadtrat. Sie finden, es sei rassistisch, erinnere an die Kolonialzeit, und schwarze Menschen sagen, sie fühlen sich davon diskriminiert. Der Streit eskalierte, als überall in der Stadt Sticker auftauchten, auf denen Thomas Neger als Rassist beschimpft wurde.

          Die Studenten, die sagen, sie haben mit der Sticker-Aktion nichts zu tun, starteten eine Foto-Aktion, 4600 Menschen unterstützen sie bei Facebook. Thomas Neger sagte, das Logo bleibt. Es sei mindestens 60 Jahre alt, damals in Auftrag gegeben von seinem Großvater Ernst, dem singenden Dachdeckermeister.

          Hetze, Häme und Morddrohungen

          Die Unterstützer von Thomas Neger gründeten „Ein Herz für Neger“, und das unterstützen 7800 Menschen bei Facebook. In diversen Umfragen ist eine deutliche Mehrheit für das Logo. Keiner, der sich zu der Sache äußert, ist vor Beschimpfungen gefeit, aber am schlimmsten trifft es die Studenten und andere Logo-Gegner. Sie werden öffentlich im Netz und in privaten Nachrichten mit Hetze, Häme und Morddrohungen überschüttet. „Da wird Hass versprüht“, sagt einer von ihnen, und dass die Studenten-Gruppe jetzt niemanden mehr allein nach Hause gehen lasse. Sonst sagt kaum einer noch etwas. Auch Thomas Neger nicht, der grundsätzlich findet, dass sich niemand von seinem Logo diskriminiert fühlen müsse.

          Tausenden gefällt das: Eine Unterstützerseite für den Dachdecker und sein umstrittenes Logo.

          Es ist eigenartig, dass die Mehrheit offenbar meint, entscheiden zu können, wovon sich eine Minderheit bitteschön diskriminiert fühlen dürfe und wovon nicht. Vielleicht ist es der Schutz dieser Mehrheit, der zu dem offenen Rassismus anstachelt. Der Schutz der Anonymität im Netz ist es, wie so oft, nicht. Denn neben den schlimmsten Aussagen steht der volle Name derer, von denen sie stammen. „Schlimm, dass Schwarze hier überhaupt ihr Maul aufmachen dürfen!“, kommentiert einer auf der „Ein Herz für Neger“-Seite.

          Dort steht auch diese Drohung gegen einen Logo-Gegner: „Es wird mir eine Freude sein Dich persönlich zu hängen! Mit einem Drahtseil an einem Fleischerhaken. Wie die ganzen Vaterlandsverräter schon früher gerichtet wurden!“ Und auf der Seite der Logo-Gegner, wo die Hetzkommentare regelmäßig gelöscht werden, wurden viele noch expliziter: „Der Tag wird kommen, an dem so Typen wie ihr nicht mehr laufen könnt, weil dann in Deutschland aufgeräumt wird... Gleise sind noch vorhanden.“

          Gegner: Mit dem Hashtag #wegmitdemLogo werben sie dafür, dass Thomas Neger sein Firmenemblem ändert.

          Um die Äußerungen als die Verwirrung weniger abzutun, sind es zu viele. So ist es auch in der Debatte um Tröglitz, so erleben es auch die Journalisten mit irgendwie ausländisch klingenden Namen, die aus dem Hass das Bühnenprogramm „Hate Poetry“ gemacht haben, mit dem sie kürzlich in Wiesbaden und Rüsselsheim auftraten.

          Kann schon sein, dass sich die Menschen im Netz sicher fühlen, wo klar strafbare Worte im Unendlichen der Kommentarspalten nicht verfolgt werden. Aber eigentlich ist die Motivation für den ganzen Hass auch ganz egal: Er ist da, und das ist ein Problem. Die Mainzer Studenten wollen sich davon nicht einschüchtern lassen. Thomas Neger will die Debatte um sein Logo beenden. Bei deren Härte ist das nachvollziehbar, wäre aber das ganz und gar Falsche. Denn Hass und Hetze sind der Beweis dafür, wie weit Rassismus und Fremdenfeindlichkeit verbreitet sind - und deshalb auch dafür, wie nötig wir die Debatte haben.

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