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Wiesbaden : Streit um Sexualunterricht

Von der Straße in den Saal: Das Bündnis „Demo für alle“ in Wiesbaden. Bild: dpa

Die Gegner einer „Sexualpädagogik der Vielfalt“ wollen sich Anfang Mai im Wiesbadener Kurhaus treffen. Weil das in der Stadt auf Kritik stößt, wird schon eine Protestkundgebung organisiert.

          Anfang Mai könnte es in Wiesbaden zu einer Konfrontation zwischen zwei Gruppen kommen, die sich schon im Oktober des vergangenen Jahres auf Wiesbadens Straßen gegenüberstanden. „Demo für alle“ lautet das Motto eines Aktionsbündnisses, das im Herbst in Wiesbaden zu einer Kundgebung gegen den inzwischen verabschiedeten hessischen Lehrplan zur Sexualerziehung aufrief. Es kämpft „für Ehe und Familie“ und „gegen die alles durchdringenden Umerziehungsversuche gut organisierter Lobbygruppen und Ideologen“. Provoziert fühlten sich dadurch Organisationen, die sich hinter dem Verein „Warmes Wiesbaden“ zu einer Gegenkundgebung zusammenfanden.

          Ewald Hetrodt

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung in Wiesbaden.

          Sie sind auch jetzt alarmiert. Denn für den 6. Mai lädt „Demo für alle“ ins Wiesbadener Kurhaus zu einem Symposion ein, das sich mit der „Sexualpädagogik der Vielfalt“ auseinandersetzt. Sie führe zunehmend zu Konflikten zwischen Schulen und Eltern, heißt es auf der Homepage der Veranstalter. Darum würden Wissenschaftler die Wurzeln, Argumente und Methoden dieser Pädagogik nun „aus juristischer, historischer, philosophisch-theologischer und sexualwissenschaftlicher Perspektive“ einer kritischen Prüfung unterziehen. Auf die Vorträge und Diskussionen soll am frühen Abend „die Präsentation alternativer Modelle der Sexualaufklärung sowie eines neuen sexualpädagogischen Studiengangs“ folgen.

          Toleranz oder Akzeptanz?

          Was akademisch klinge, sei in Wirklichkeit nur die Unterscheidung zwischen Homosexuellen und Heterosexuellen, meint der Vorsitzende des Vereins „Warmes Wiesbaden“, Manuel Wüst. Er erinnert daran, dass unter den Ordnern der „Demo für alle“ Angehörige der NPD gewesen seien und die AfD sich beteiligt habe. Sie distanziere sich immer wieder von Rechts- und Linksextremen, betont Hedwig von Beverfoerde, die Sprecherin des Bündnisses. Auf die Frage, wie sie die AfD bewerte, antwortet sie: „Das kann ich nicht in einem Satz sagen, und das muss ich auch gar nicht.“ Rechtsextrem sei die AfD jedenfalls nicht.

          „Demo für alle“ ist nach eigenem Bekunden in Frankreich entstanden. In Baden-Württemberg fasste das Bündnis Fuß, als die Landesregierung in Stuttgart die „Vielfalt sexueller Orientierungen“ auf ihre Agenda setzte. Wenig später stieß auch der hessische Kultusminister Alexander Lorz (CDU) mit einem neuen Lehrplan zur Sexualerziehung auf Widerspruch – bei Bischöfen, beim Landeselternbeirat und eben bei „Demo für alle“. Soll die Toleranz oder die Akzeptanz von Schwulen und Lesben das Ziel des Unterrichts sein? Das ist die Frage, über die gestritten wurde. Die Landespolitiker haben sich inzwischen dafür entschieden, über die bloße Hinnahme der Andersartigkeit hinauszugehen. Die gesellschaftlichen Gruppen aber streiten weiter.

          Auch der Wiesbadener Oberbürgermeister Sven Gerich (SPD) schaltet sich jetzt ein. Die Veranstaltung im Kurhaus der Stadt lasse sich nicht verhindern, denn es gebe einen Vertrag, stellt er fest. Aber es sei die richtige Reaktion der Zivilgesellschaft, wenn sie sich in Form einer Kundgebung gegen die Verbreitung der fragwürdigen Thesen der „Demo für alle“ wehre. Er selbst könne allerdings aus Termingründen nicht teilnehmen, sagt Gerich. Doch es geht auch ohne ihn. Für gestern Abend hatte Wüst zu einem Treffen eingeladen, um das Bündnis vom vergangenen Herbst zu reaktivieren.

          Quelle: F.A.Z.

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