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„Schwarzbuch 2003“ : Kritik an Lärmschutz bei Hösbach

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Als völlig überflüssig und als Verschwendung von Steuergeldern hat der Präsident des Steuerzahlerbunds, Karl Heinz Däke, bei der Vorstellung des "Schwarzbuchs 2003" in Berlin den Lärmschutz auf der A 3 bei Hösbach bezeichnet.

          Als völlig überflüssig und als Verschwendung von Steuergeldern hat der Präsident des Steuerzahlerbunds, Karl Heinz Däke, bei der Vorstellung des "Schwarzbuchs 2003" in Berlin den Lärmschutz auf der A 3 bei Hösbach bezeichnet. Däke sprach von einem "Autobahntunnel ohne Berg", der zusammen mit dem knapp 6,5 Kilometer langen sechsspurigen Ausbau der Autobahn zwischen den Anschlußstellen Aschaffenburg-Ost und Hösbach mit 127 Millionen Euro zu Buche schlägt. Allein die sogenannte Einhausung kostet rund 80 Millionen Euro. Der Präsident kritisierte dies als einen "Luxus-Lärmschutz", der nicht notwendig gewesen sei. Die beiden Tunnelröhren seien mit einem transparenten Dach bedeckt worden, "obwohl Lärmschutzwände ausgereicht hätten". Das auch in der Region durchaus umstrittene Bauwerk stellt Däke zufolge in dem "Schwarzbuch", in dem exemplarisch rund 100 Fälle von Steuergeldverschwendung aufgelistet sind, den größten Brocken dar.

          Die Einhausung auf freier Fläche, die Hösbach und Goldbach vor dem Autolärm schützen soll, ist in Deutschland einzigartig. Bisher gibt es solche Autobahnüberdachungen nur innerhalb von Städten. Sie sind dort jedoch in der Regel wesentlich kürzer als die oberirdischen Tunnel auf der A 3.

          Die westliche Röhre ist fast 1400 Meter lang, und die östliche bringt es bei einer knapp 200 Meter langen Unterbrechung auf insgesamt 1100 Meter Länge. Jeder Tunnel ist 13,5 Meter breit und nimmt drei Fahrspuren sowie einen Standstreifen auf. Beleuchtet wird die Autobahn innerhalb der Einhausung weitgehend mit Tageslicht durch die eingebauten Fenster. Die Fertigstellung des Bauvorhabens ist für Sommer 2004 vorgesehen. Das Bundesverkehrsministerium hat die Konstruktion aus Beton und Glas vorsorglich als Pilotprojekt deklariert. Vermeiden will man, daß andere Gemeinden daraus einen Rechtsanspruch ableiten. Hier soll getestet werden, wieviel Energie sich dadurch sparen läßt, daß Fenster Licht einlassen und der Tunnel tagsüber nicht beleuchtet werden muß.

          Der Lärmschutz an der A 3 war durch den sechsstreifigen Ausbau der Autobahn zwischen Aschaffenburg-Ost und Hösbach notwendig geworden, für den bereits seit 1994 ein Planfeststellungsbeschluß vorlag. Die Erweiterung selbst war unumstritten, da die erst Ende der fünfziger Jahre durch den bergigen Spessart gebaute Fernverbindung als Nadelöhr gilt. Täglich quälen sich rund 70000 Autos über die Steigungsstrecken und verpesten die Luft im Spessart. Während der Ferien beträgt das Verkehrsaufkommen sogar bis zu 100000 Fahrzeuge täglich. Eine freie Fahrt ist auch wegen der Bauarbeiten nur selten möglich. Die immer gleichen Staumeldungen beweisen das täglich aufs neue.

          Nach Angaben der Autobahndirektion Nordbayern gab es zu der Einhausung keine kostengünstigere Alternative. Diese sei deshalb auch kein Luxus, sondern eine gesetzlich vorgeschriebene Notwendigkeit zum Schutz der Anwohner, widerspricht Wolfgang Lohe von der Autobahndirektion der Kritik des Steuerzahlerbundes. Seiner Darstellung zufolge würden ohne Lärmschutz die Immissionsgrenzwerte, die tagsüber bei 59 Dezibel und nachts bei 49 Dezibel liegen, in Goldbach und Hösbach um bis zu 21 Dezibel am Tag und bis zu 26 Dezibel in der Nacht überschritten. Ausschlaggebend für die Tunnellösung war Lohe zufolge die ungünstige topographische Lage in diesem Abschnitt. Da die Autobahn im Tal verläuft und der Lärm dort wie in einem Trichter die bebauten Hänge entlang der A 3 nach oben steigt, hätten die Häuser selbst durch bis zu neun Meter hohe Wände nicht ausreichend geschützt werden können. Bei rund 900 Gebäuden wären die zulässigen Grenzwerte auch beim Bau von Lärmschutzwänden Lohe zufolge überschritten worden. Nur aus diesem Grund habe man sich für die Einhausung entschieden. Er verweist darauf, daß nach den schrecklichen Tunnelunfällen in Österreich und der Schweiz die Kosten für die Sicherheitsvorkehrungen gewaltig gestiegen seien. Fluchttüren wurden im Abstand von 200 Metern eingebaut. Wartungswege ermöglichen Rettungskräften und -helfern schnellen Zutritt. Die Einhausung besteht aus zwei unabhängigen Röhren. Im Notfall dient eine als Fluchtweg. Die Brandmeldeanlagen sind so eingestellt, daß sich die Fenster auf einer Länge von 140 Metern automatisch öffnen, damit der Rauch abziehen kann.

          Unterstützung erhält Lohe von der Industrie- und Handelskammer (IHK) Aschaffenburg. Nach Angaben des Referenten für Verkehrspolitik, Markus Greber, hieß man die Maßnahme gut, "weil wir den Ausbau der A 3 wollten". Allerdings bezeichnete auch er die Einhausung als "schweineteuer", doch habe man keine andere Wahl gehabt, da sonst die Lärmschutzwerte nicht hätten eingehalten werden können. Dies hätte zu Klagen der Anwohner geführt, "und dann würden wir heute noch auf die Erweiterung warten". Daß es Alternativen zu der Einhausung gegeben hätte, davon ist der Lokalkabarettist Urban Priol überzeugt. Er hatte vorgeschlagen, nicht die Autobahn, sondern Goldbach und Hösbach einzuhausen. Das hätte nicht nur weniger gekostet, sondern den Autofahrern auch viele Stauungen erspart. AGNES SCHÖNBERGER

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