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Schlüchtern : Feierliche Choräle in engen Klostermauern

Sakristei statt Strand: Unter Anleitung von Simon Schumacher übt Johanna Backhaus in den Ferien das Orgelspielen. Bild: Rainer Wohlfahrt

Jugendliche aus ganz Deutschland kommen jedes Jahr ins ehemalige Benediktinerkloster nach Schlüchtern, um dort Orgel zu spielen. Dieses Jahr feiert die Kirchenmusikalische Fortbildungsstätte ihren 40. Geburtstag.

          Schlüchtern. Eingesperrt zwischen engen Steinmauern liegt das Brummen der Orgel schwer in der Luft. Das Instrument füllt fast den halben Raum, gut 300 Pfeifen, die kleinsten so dünn wie ein Strohhalm, die größten mannshoch. Ein Kirchenchoral ertönt, viel zu pompös für das kleine Gemäuer, doch Johanna Backhaus hat sich an die Enge gewöhnt, unbeeindruckt gleiten ihre Finger über die schwarz-weiße Tastatur. Nur ihre Füße tänzeln etwas hektisch auf den 30 Pedalen.

          David Klaubert

          Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Johanna Backhaus ist 15 Jahre alt, und seit knapp vier Wochen übt sie nun schon in der Sakristei des ehemaligen Benediktinerklosters in Schlüchtern. Aus Elmshorn in Schleswig-Holstein ist sie angereist, um im Bergwinkel zwischen Spessart, Rhön und Vogelsberg Orgel zu spielen, zu singen und zu dirigieren. Anstatt mit ihren Eltern oder ihren Freunden ans Meer zu fahren, besucht die Zehntklässlerin in ihren Sommerferien einen Kurs für Organisten und Chorleiter in der Kirchenmusikalischen Fortbildungsstätte Schlüchtern.

          „In der Schule haben die meisten nicht verstanden, was ich hier will“

          Seit 40 Jahren schon kommen Kirchenmusiker, Orgelspieler und Chorleiter aus ganz Deutschland nach Schlüchtern, um an den Kursen in den Steinmauern des einstigen Klosters teilzunehmen. 150 bis 200 meist jugendliche Musiker sind es jedes Jahr in den Organistenkursen, hinzu kommen zahlreiche spezielle Angebote wie Kompositionskurse, Blockflöten- und Handglockenspiel. Die Einrichtung der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck ist damit die größte Fortbildungsstätte für nebenberufliche Kirchenmusiker in Deutschland.

          „In der Schule haben die meisten nicht verstanden, was ich hier will“, sagt Johanna Backhaus, die von ihrer Orgellehrerin zu Hause in Elmshorn von den Kursen in Schlüchtern erfahren hat. „Ich wollte vor allem einmal das Extreme kennenlernen und den ganzen Tag lang Musik machen.“ Seit gut drei Jahren spielt die Fünfzehnjährige Klavier, mit der Orgel hat sie vor einem Jahr angefangen. Die schiere Größe des Instruments, die Klangvielfalt und das Zusammenspiel von Händen und Füßen, sagt sie, hätten sie fasziniert. Begeisterung, die viele ihrer Schulkameraden zu Hause nicht nachvollziehen können: „Viele stempeln einen als Freak ab.“

          Ein normaler Tag mit Orgelspielen

          Im Kloster Schlüchtern gehört Orgelspielen zum Alltag. Nach einer halben Stunde Unterricht in der Sakristei klopft schon die nächste Orgel-Schülerin an der Tür, und Johanna Backhaus geht zurück in den Aufenthaltsraum, ins Wohnzimmer, wie hier alle sagen. Mehrere Jugendliche fläzen sich schon auf den gepolsterten Sesseln, einer spielt auf seinem iPhone die Punk-Version von Pippi Langstrumpf vor, ein anderer starrt konzentriert auf ein Geschicklichkeitsspiel auf seinem Handy.

          „Ich wusste gar nicht, dass es so viele in meinem Alter gibt, die auch Orgel spielen“, sagt Johanna Backhaus und macht es sich auf einem der Sessel gemütlich.

          Theoretische Vorlesungen gehören auch dazu

          Rund 70 Prozent aller Kursteilnehmer seien Schüler, sagt Martin Göttsche, der Leiter der Kirchenmusikschule. Das Mindestalter sei 14 Jahre, vorher seien sowieso meist die Beine zu kurz zum Orgelspielen. 15 Prozent seien Studenten, der Rest Erwachsene, sogar ein Achtzigjähriger war schon dabei. Die Teilnehmerzahl ist pro Kurs auf 35 beschränkt, und je nach Vorkenntnissen und Niveau werden die Kurse in verschiedene Gruppen eingeteilt. Lehrer sind in der Regel hauptberufliche Kirchenmusiker. Nach vier bis acht Kursen, die jeweils zwei Wochen dauern und um die 200 Euro kosten, können die Musikschüler dann die C-Prüfung ablegen, die höchste Qualifikation für nebenberufliche Kirchenmusiker und Chorleiter.

          Im Flur neben dem Wohnzimmer hängt auf DIN A3 der Unterrichts- und Probenplan, eng beschrieben, damit auch jeder Schüler genug Zeit an einer der acht Orgeln, einem der zehn Klaviere oder einem der drei Flügel im Kloster üben kann. Daneben stehen auf einem weiteren Stundenplan die Themen der theoretischen Vorlesungen, die auch zum Kurs gehören und Teil der Prüfungen sind: Gehörbildung, Orgelbau, Kirchenliedkunde, Orgelliteraturkunde, Musikgeschichte und theologische Grundlagen.

          „Es klingt kranker, als es ist“

          „Die Theorie hilft mir, die Orgelmusik besser zu verstehen und leichter zu spielen“, sagt Johanna Backhaus. „Außerdem ist es hier ja nicht so streng wie in der Schule – eher ein bisschen wie Ferienlager.“

          Nach einer kurzen Pause geht es für Johanna Backhaus weiter mit Chorleitung. Sie soll lernen, Chorproben zu leiten, Töne vorzugeben, falsche Töne zu hören und zu dirigieren. Neun Schüler stellen sich im Halbkreis auf und zeichnen einen Dreivierteltakt vor sich in die Luft: eins, zwei, drei, eins zwei, drei – bei einigen schlenkern die Arme noch ziemlich unbeholfen vorm Körper, andere folgen schon sicher dem Rhythmus. „Die Hände geben den Takt vor, nicht die Ellenbogen“, sagt Alexander Letters, der Dirigenten-Lehrer, und spielt am Klavier eine passende Melodie. Am Ende der Stunde lobt er Johanna Backhaus: „Du hast eine Begabung zum Dirigieren, vielleicht kannst du ja zu Hause mit einem Kinder- oder Schulchor weiterüben.“

          Ob sie später einmal hauptberuflich als Kirchenmusikerin arbeiten möchte, hat Johanna Backhaus noch nicht entschieden: „Bis jetzt habe ich das nicht geplant, aber mal schauen, ich habe schon von vielen gehört, die hier in Schlüchtern nur zum Spaß ein paar Kurse besucht haben und dann doch Kirchenmusiker geworden sind.“ Und dass sie wieder ins ehemalige Benediktinerkloster zum Orgelspielen zurückkehren will, steht für sie schon fest. Spätestens in den nächsten Osterferien soll es so weit sein. „Es klingt kranker, als es ist – in den Ferien ins Kloster zu gehen und Orgel zu spielen macht echt viel Spaß“, sagt sie.

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