http://www.faz.net/-gzg-906uj

Radrennen in Offenbach : „Damals wurde man schon richtig angeguckt“

  • -Aktualisiert am

Foto-Finish: Der Radfahrer Conrad Prieur (links) und ein unbekannter Konkurrent bei der Zieleinfahrt im Jahr 1956. Bild: Katharina Müller-Güldemeister

Knapp ein halbes Jahrhundert ist es her, dass die Offenbacher Stadtmeisterschaften zuletzt ausgetragen wurden. Morgen steigen die Radfahrer wieder in den Sattel.

          In den fünfziger Jahren war Rennradfahren in Offenbach noch ein Sport mit Zukunft. Der RSC Bürgel als größter Verein hatte mehr als 30 Lizenzfahrer, also Fahrer verschiedener Leistungsklassen, die am organisierten Rennbetrieb teilnehmen durften. Ihre Namen konnte man regelmäßig in der Zeitung lesen, sie waren stadtbekannt. 1950 lobte die Stadt auch die Stadtmeisterschaft für Straßenfahrer aus. Die Strecke verlief mitten durch Offenbach, als Rundkurs etwa um den Landgrafenring. Allerdings wurden nur etwa 40 Kilometer gefahren – nichts gegen das Rennen „Rund um Frankfurt“, bei dem mehr als 250 Kilometer zurückgelegt wurden. Und doch galt es etwas, Offenbacher Stadtmeister zu sein. „Man wurde schon richtig angeguckt“, sagt der frühere Rennfahrer Walter Bär, der heute 91 Jahre alt ist. Auf dem erst kürzlich wiederaufgetauchten Wanderpreis, einer Tafel, auf der jedes Jahr ein kleines Messingschild mit dem eingravierten Namen des Siegers hinzukam, steht zweimal sein Name.

          Bär war 1949 in den RSC Bürgel eingetreten, da kam er gerade aus dreijähriger Kriegsgefangenschaft. Eigentlich wäre er schon als Jugendlicher gerne Rennen gefahren. „Aber ich bekam keine Lizenz, weil ich nicht in der Hitler-Jugend war.“ Es folgte eine Zeit, in der er etwa 30 Rennen und bis zu 15.000 Kilometer pro Jahr fuhr. 1951 und 1952 gewann er die Stadtmeisterschaft, zweimal wurde er Hessen-Meister, 1958 hörte Bär mit dem Rennfahren auf. Er bekam eine Arbeit als Filmvorführer, mittlerweile hatte er eine kleine Tochter – es fehlte die Zeit zum Trainieren. Rennrad fuhr er trotzdem weiter. Sein Stahlrad hatte er gegen ein modernes Rennrad ausgetauscht, das in seiner Wohnung im Flur steht. Bis zu seinem Schlaganfall vor einem halben Jahr hat er darauf noch täglich seine Runden gedreht. Nun hofft er, dass er es bald wieder tun kann.

          Ein doppeltes Geschenk

          Die Stadtmeisterschaft hat er damit längst überdauert. Mit ihr war es Ende der sechziger Jahre vorbei. Jedenfalls stammt das letzte Messingschild auf der Wandertafel aus dem Jahr 1968. Die Tafel geriet in Vergessenheit und wurde erst dieses Jahr im Nachlass von Dieter Geist, dem letzten Sieger, wiedergefunden. Sie fand ihren Weg ins Sportamt und von dort zu Jürgen Blümmel, dessen Vater die Stadtmeisterschaft ebenfalls zweimal gewonnen hatte. Blümmel, der früher selbst Amateur-Rennen fuhr, führt heute den Fahrradladen Artefakt in Offenbach. Vor zwei Jahren hat er das Fest „Rad, Wein und Gesang“ ins Leben gerufen, eine Veranstaltung mit Straßenrennen und Radballturnieren. Heute und morgen wird es zum dritten Mal stattfinden.

          Für Jürgen Blümmel lag mit dem Auftauchen der Wandertafel nichts näher, als die Stadtmeisterschaft nach 49 Jahren wieder aufleben zu lassen. „Für uns ist die wiedergefundene Wandertafel ein doppeltes Geschenk“, sagt er. Zum einen freut er sich, an die kleine Tradition anknüpfen zu können. Durch das Rennen hofft er, dass sich wieder mehr Leute für den Sport interessieren. Das gehe aber nicht nur über Jugendarbeit. „Die brauchen Vorbilder“, sagt er. Und das ist schwierig in einer Zeit, in der es keinen einzigen Lizenzfahrer mehr in einem Offenbacher Verein gibt.

          Bei Amateurrennen kommt häufig nur die Familie

          Zum anderen verstärkt die Neuauflage der Meisterschaft die Kooperation mit der Stadt. Das Sportamt schreibt sich die Veranstaltung gerne mit auf die Fahne und übernimmt die Kosten in Höhe von rund 3000 Euro für die Straßensperrungen und die Ausschilderung. „Der Wanderpreis kann Identität stiften“, sagt Sportdezernent Felix Schwenke (SPD). Außerdem wolle man nicht nur den Breitensport fördern, sondern auch ein breites Sportangebot. „Fußball spielt jeder, in den Radsport wird man meist hineingeboren. Es ist gut, wenn er auch anderen zugänglich gemacht wird.“ Überhaupt ist es der Kommune zu verdanken, dass die vergleichsweise kleine Rennveranstaltung mitten in der Stadt ausgetragen wird. „Die meisten unkommerziellen Rennen finden heutzutage in Industriegebieten statt, wo nur die Angehörigen hinkommen“, sagt Veranstalter Blümmel. Dabei sei das Publikum sehr wichtig.

          „Wenn die Leute klatschen, spornt das schon an“, sagt auch Stadtmeister Walter Bär. Er wird dieses Mal unter den Applaudierenden sein. Die Stadtmeisterschaft startet morgen um 16.30 Uhr und wird wie damals am Landgrafenring ausgetragen. Nach etwa einer Stunde dürften die ersten Fahrer die 40Kilometer im Rundkurs absolviert haben. Während ursprünglich nur Lizenzfahrer teilnehmen durften, die in einem Offenbacher Verein waren, und später auch solche, die in Offenbach wohnten, aber für einen anderen Verein fuhren, ist sie nun für alle offen, die ein Rennrad fahren. Blümmel und Schwenke hoffen, dass ein Offenbacher die Stadtmeisterschaft gewinnt. Ob das gelingt, ist fraglich. Von den 35 angemeldeten Teilnehmern kommt nur einer aus einem Offenbacher Verein. Aber das ist immerhin der Sohn eines zweifachen Stadtmeisters.

          Informationen unter www.radweingesang.de.

           

          Quelle: F.A.Z.

          Weitere Themen

          Ein Anorak aus Seehunddarm

          Offenbacher Ledermuseum : Ein Anorak aus Seehunddarm

          Im Ledermuseum in Offenbach liegen die Zylinderhutschachtel, die Goethe mit auf Reisen nahm, und die Turnschuhe, in denen sich Joschka Fischer 1985 als hessischer Umweltminister vereidigen ließ. Jetzt wird es 100 Jahre alt.

          Topmeldungen

          TV-Kritik: „Maybrit Illner“ : Wo ist die Mitte?

          Gestern Abend wurde deutlich, was FDP, Grünen und CSU bisher bei ihren Sondierungsgesprächen noch fehlt: Eine verbindende Idee. Die CDU kommt bekanntlich schon länger ohne Ideen aus.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.