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Nachwuchs fehlt : Wirtshauskultur in Gefahr

Bedrohtes Kulturgut: Die Wirte in hessischen Wirtshäusern werden immer älter, Nachwuchs fehlt. Bild: Maria Irl

Viele Wirte hessischer Kneipen und Gasthäuser werden immer älter. Der Dienst mit Ebbelwoi und Bier zieht wenig junge Menschen an. Verbände und IHK schlagen Alarm: Ein Kulturgut sei bedroht.

          Hessens Gastwirte werden immer älter und Nachwuchs fehlt. Eine Apfelweinkneipe oder eine traditionelle Schankwirtschaft scheint bei jungen Menschen nicht sonderlich hoch im Kurs zu stehen. Die Industrie- und Handelskammer Darmstadt sieht daher das Kulturgut Gasthaus in ernster Gefahr.

          Rainer Hein

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung in Darmstadt.

          Die Kammer hat die Altersstruktur von Kleinunternehmen in ausgewählten Branchen in Südhessen untersucht und kommt zu dem Befund: Die Überalterung der Wirte und die Schwierigkeiten, Nachfolger zu finden, bedrohten den Tourismus. Die hatten jüngst schon der hessische Hotel- und Gaststättenverband und der hessische Tourismusverband beklagt. Die Untersuchung legt den Fokus auf den Einzelhandel, das Hotel- und Gaststättengewerbe sowie Verkehr und Logistik.

          Die absehbare Entwicklung sei „vor allem für den Tourismus zunehmend bedenklich“, sagt Claus Gilke, Leiter des Geschäftsbereichs Standortpolitik. Der Wanderer, der nach strammem Marsch sich auf eine warme Mahlzeit oder Kaffee und Kuchen in einem Ausflugslokal freue, könnte im Odenwald und an der Bergstraße in wenigen Jahren öfter vor verschlossenen Türen stehen, weil der Wirt keinen Nachfolger gefunden habe.

          Jeder Dritte ist 60 Jahre und älter

          Im Odenwald ist von den Kleingewerbetreibenden in der Hotel- und Gaststättenbranche fast ein Drittel 60 Jahre und älter. Im Kreis Bergstraße liegt der Anteil bei 44 Prozent. Etwa jeder Fünfte der 475 Gastronomen ist dort sogar mindestens 66 Jahre alt. „Oft stehen Familienangehörige nicht als Nachfolger zur Verfügung“, sagt Gilke. Andere mögliche Betreiber würden von den häufig anstehenden Modernisierungsinvestitionen abgeschreckt.

          Die Analyse zeigt ein deutliches Stadt-Land-Gefälle in Südhessen. In der Stadt Darmstadt ist die Altersstruktur der Wirte weniger prekär. Dafür gehört im Einzelhandel mehr als ein Drittel der Unternehmer aus kleineren Betrieben zur Altersgruppe 55plus. Das gilt auch für die Kreise Darmstadt-Dieburg und Groß-Gerau. Gefährdet ist also nicht nur die gastronomische Versorgung, sondern auch die gesamte Einzelhandels-Infrastruktur. Da die Innenstädte in der Region vor allem von der Vielfalt des Einzelhandels lebten, habe dies nachteilige Effekte, sagt Gilke.

          Sehr deutlich hat sich diese Entwicklung in Darmstadt am Beispiel des Buchhandels gezeigt. In den vergangenen Jahren gab es ein regelmäßiges Sterben traditionsreicher, kleinerer Buchläden. Zu Leerständen ist es in Darmstadt trotz vieler Schließungen aber nicht gekommen, weil Geschäfte anderer Branchen eingezogen sind.

          Von der Politik verlangt der Standortexperte, Gastronomie, Hotellerie und Handel nicht durch neue Abgaben zu belasten und etwa bei der Erbschaftsteuer auf Betriebsvermögen „behutsame“ Regelungen zu finden. Wer als Externer einen bestehenden Betrieb übernehme, solle den Vorgang steuerlich degressiv über fünf Jahre abschreiben können.

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