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Umwandlung von Kaserne : Leben in der „Waldvilla“ oder der Sozialwohnung

Autoarm: Auf dem Areal der ehemaligen Cambrai-Fritsch-Kaserne in Darmstadt soll ein Wohngebiet für 3000 Personen entstehen Bild: Cornelia Sick

Der städtebauliche Wettbewerb zur Umwandlung der Darmstädter Cambrai-Fritsch-Kaserne in ein Wohngebiet ist entschieden. Jetzt muss die Stadt das Grundstück aber auch in ihren Besitz bekommen.

          Während in der Lincoln-Siedlung einige der früher von amerikanischem Militärpersonal bewohnten Wohnblöcke schon modernisiert und neu vermietet wurden und an anderen Stellen die Bagger den Boden für die nächsten Neubauten ausheben, steht die frühere Cambrai-Fritsch-Kaserne weiterhin leer. Allerdings mehren sich die Zeichen, dass diese 1938 von der Wehrmacht errichtete und 1945 von der amerikanischen Armee übernommene und um die Jefferson-Siedlung erweitere Anlage bald auch ins Eigentum der Stadt übergehen wird. Und dann die Arbeiten für ein neues Wohnquartier beginnen können, in dem in einigen Jahren mehr als 3000 Menschen leben sollen.

          Rainer Hein

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung in Darmstadt.

          Die Verhandlungen mit der Bundesagentur für Immobilienaufgaben (Bima) als Eigentümerin laufen jedenfalls schon seit dem Abzug der Amerikaner im Jahr 2008. Bei diesen Gesprächen hat es die Stadt natürlich nicht belassen. Die Vorbereitungen auf den Beginn der Konversion sind schon so weit gediehen, dass Baudezernentin Barbara Boczek (Die Grünen) eine ziemlich genaue Vorstellung haben dürfte, wie das „Neue Quartier Ludwigshöhe“ einmal aussehen wird.

          Vermutlich so ähnlich, wie es das Büro AS+P Albert Speer + Partner aus Frankfurt geplant haben. Sie sind aus dem städtebaulichen und landschaftsplanerischen Realisierungswettbewerb für die 34 Hektar große Fläche zwischen den Stadtteilen Bessungen und Eberstadt, den die Stadt durchgeführt hat, als Sieger hervorgegangen. Insgesamt vergab die Jury vor wenigen Tagen in dem Wettbewerb, an dem sich 16 Büros beteiligt hatten, vier Preise und tätigte einige Ankäufe. Die Entscheidung für Albert Speer und Partner fiel knapp mit einer Stimme Unterschied zu den folgenden Preisträgern.

          Wie Boczek mitteilte, ist nach der Entscheidung des Preisgerichts vorgesehen, den Sieger mit der Überarbeitung seines Entwurfs „unter Würdigung der Empfehlung des Preisgerichts“ zu beauftragen. Diese Überarbeitung werde anschließend dem Magistrat und den Stadtverordneten zum Beschluss vorgelegt und diene als Grundlage für die Erarbeitung eines Bebauungsplans. Das Areal solle zügig entwickelt werden, sagte die Baudezernentin. Doch dazu müsse das Gelände erst einmal von der Bima erworben werden. „Die Verhandlungen laufen, ein Vertreter der Bima war am Preisgericht beteiligt.“

          Cambrai-Fritsch und Jefferson liegen der Lincoln-Siedlungen quasi gegenüber. Für Darmstadt handelt es sich bei der Fläche um ein städtebauliches Filetstück. Und das nicht nur, weil die Stadt keine zusammenhängenden Bauflächen dieser Größenordnung mehr hat. Das Areal etwas abseits der Heidelberger Landstraße befindet sich mitten im Grünen und bildet den Lückenschluss zwischen dem reizvollen Stadtteil Bessungen und der Villenkolonie Eberstadt. Anders als bei Lincoln stehen einige der Bestandsgebäude der Cambrai-Fritsch-Kaserne unter Denkmalschutz, so dass die Chance besteht, diese historischen Bauten in das neu zu bauende Quartier zu integrieren.

          Das Büro von Albert Speer und Partner greift die historische Struktur von zwei Siedlungsflächen, die durch eine Straße getrennt werden, auf und konzipiert nördlich und südlich je eigene Gebäudeensembles, die durch ein Carree verbunden sind. Diese Quartiersmitte bildet einerseits eine grüne Zone mit Obst- und Nachbarschaftsgärten sowie Kinderspielplätzen, andererseits den neuen Mittelpunkt des Viertels mit Kita, Familienzentrum, Supermarkt und Straßenbahn-Haltestelle.

          Die andere Achse ist jene geschwungene Straße, auf der die Straßenbahnlinie 3 aus Bessungen bis zur neuen Haltestelle an der Heidelberger Straße verlängert werden soll, die auch für die Bewohner der Lincoln-Siedlung zentraler Anlaufpunkt des öffentlichen Nahverkehrs ist. Individuellen Durchgangsverkehr soll es nicht geben. Wie in Lincoln, so ist auch Cambrai-Fritsch als „autoarmes Quartier mit hoher Aufenthaltsqualität“ gewünscht. Das musste im Wettbewerb berücksichtigt werden. Außer der Straßenbahn soll es deshalb eine Mobilitätszentrale geben, wo Räder und Autos gemietet werden können. Man wolle „durch vielfältige alternative Mobilitätsangebote den freiwilligen Verzicht auf die Nutzung des eigenen Autos ökonomisch attraktiv und komfortabel machen“, sagte Boczek. Ganz verbannt werden Autos deshalb nicht. Den ruhenden Verkehr, das sieht der Entwurf von Speer und Partner vor, soll verträglich in sechs dezentral plazierten „Quartiersspangen“ untergebracht werden.

          Das Frankfurter Büro schlägt für die Konversionsfläche unterschiedliche Gebäudeformen vor, die südlich und nördlich des „Carree-Platzes“ plaziert sind. „Die Arbeit bietet ein breites Spektrum unterschiedlicher Wohntypologien“, heißt es dazu lobend in der Bewertung des Preisgerichts. So sind Geschosswohnungen konzipiert, „Reihenblöcke in Gestalt von Stadthäusern mit Privatgärten, Punkthäuser mit Wohnhöfen sowie am Rand zum Stadtwald hin Reihenhäuser und ein „Stadtvillen-Saum“ mit Waldvillen. Ein Jugendhaus, eine Kunstwerkstatt sowie eine Kultur-Kapelle finden sich ebenfalls im Entwurf für das neue Quartier. Insgesamt sind etwa 1300 Wohnungen auf Cambrai-Fritsch und Jefferson anvisiert.

          Zu den Rahmenvorgaben der Stadt gehört ein gemischtes Wohnangebot für unterschiedliche Nutzergruppen und alle Altersklassen. Festgeschrieben ist per Entscheidung durch die Stadtverordneten, dass 25 Prozent der Wohnungen im geförderten Wohnungsbau entstehen und 20 Prozent für Bezieher mittlerer Einkommen. Die Stadt reagiert auf diese Weise auf die Entwicklung des Darmstädter Wohnungsmarktes, auf dem nur noch hochpreisiger Wohnraum zu finden ist.

          Sind die Verhandlungen mit der Bima erfolgreich beendet, sollen die 34 Hektar in Etappen bebaut werden. Speer und Partner schlagen vor, zunächst mit dem Carree und dem südlichen Teil entlang der Erschließungsstraße zu beginnen und in einem zweiten Abschnitt den nördlichen Abschnitt folgen zu lassen. Für die Jefferson-Siedlung gilt „Phase 3“. Was dieser Zeitplan konkret bedeutet, wird Boczek vermutlich im Laufe des nächsten Jahres beantworten können.

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