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Kunsthochschule Kassel : Kunst an vergessenen und unbekannten Orten

  • -Aktualisiert am

Absolventen der Kunsthochschule zeigen ihre Meisterarbeiten: Die Besucher sehen Werke von Produktdesignern, Kunstpädagogen oder Studenten der visuellen Kommunikation.

          Die Szenerie bildete den idealen Drehort für einen „Tatort“. Am Rande eines Gewirrs von Gleisen, auf denen keine Züge fahren, lockt das überlebensgroße Bild einer hübschen, jungen Frau in eine finstere Halle, die erst auf den zweiten Blick als Sportstätte zu erkennen ist. Die Frau ist blond, wirkt zart und ist weiß gekleidet. Stumm steht sie auf der Leinwand. Vor ihr hängt ein Boxsack. Gibt es einen Zusammenhang zwischen Sack und Frau? Und wenn ja, welchen? Auskunft gibt nur ein Versuch.

          Trifft die Faust den Sack, taumelt die Frau wie getroffen auf der Leinwand. Je nach Härte und Fortsetzung der Schläge stöhnt die Frau. Sie schreit, sie fällt, sie blutet. Sie wehrt sich nicht, sie steht geschunden wieder auf, sie taumelt nach einem weiteren Schlag abermals. Nach einem letzten Schlag stürzt sie. Sie stirbt nicht, aber sie regt sich nicht mehr. Alles vollzieht sich im öffentlichen Raum.

          Einladung zum „Spaziergang 2009“

          „Hit me“ heißt diese Arbeit von Labelle Imira, die in Berlin an der Universität der Künste studiert hat, ihre Meisterarbeit aber bei Joel Baumann an der Kasseler Kunsthochschule vorgelegt hat. Sie ist eine jener Kasseler Kunststudenten, die gegenwärtig ihre Stadt besetzen. An 22 Orten zeigen die Absolventen dieses Jahresgangs der traditionsreichen Kunsthochschule bis zum 18. Juli ihre Abschlussarbeiten.

          Es sind Studenten der freien Kunst, der visuellen Kommunikation, Produktdesigner, Kunstpädagogen und Kunstwissenschaftler, die eine nur schwer zählbare Fülle von Werken an bekannten und mit einigem Anspruch ausgestatteten Orten zeigen wie dem Fridericianum, der Documentahalle oder dem Südflügel des alten Hauptbahnhofs, dem heutigen Kulturbahnhof, der auch schon Ausstellungsort der Documenta war.

          Die Studenten nutzen aber auch alltägliche Ausstellungsorte und widmen sie zu Orten der Kunst um, wie Schaufenster in Waren- oder Modehäusern. Sie führen die Kasseler, die sich darauf einlassen, an entlegene, an vergessene und unbekannte Orte der Stadt, und sie schaffen neue Orte, wie den blaufarbenen Ausstellungskubus an der Straße mit dem Namen „Schöne Aussicht“, welche die Hangkante der Stadt zur Karlsaue markiert. Sie haben den Kubus aus vorgefundenen Materialien errichtet, um darin Bilder und Installationen zu zeigen.

          Schließlich laden die Studenten die Besucher zum „Spaziergang 2009“, führen ihre Gäste zu ausgesuchten Orten, erläutern die Arbeiten und vermitteln Gespräche mit den Examensabsolventen. Allein schon die Öffnung der Hochschule, die sich abseits der Stadt mit ihrem Standort an der Karlsaue über Jahre selbst genug war, ist ein unermesslicher Gewinn für Kassel und die Universität. Die Hinweise der Studenten auf die unbekannten Orte sind wiederum für die Bürger und Besucher ein Gewinn. Wer sich auf den Spaziergang einlässt, wird die Stadt, die Hochschule und die Studenten mit anderen Augen sehen.

          Verschränkung von Realität und Virtualität

          „Hit me“ entstand aus der Leidensgeschichte der Künstlerin Imira und ihrer siebzehn Jahre alten Hündin. Als der Hund erkennbar alt und krank geworden war, redeten Passanten und Bekannte auf die Hundehalterin ein, sie solle den Hund einschläfern lassen, ihn nicht mehr quälen, seinem Leben ein Ende setzen. Die junge Frau bekannte sich aber zu ihrem Tier auch am Ende seiner Tage. Sie blieb den Menschen gegenüber stumm, erwiderte nicht, was sie empfand. Sie ertrug die Ratschläge, Vorwürfe und aggressiven Angriffe, die sich im öffentlichen Raum auf sie entluden. Aber sie litt. Jeder Hinweis eines Dritten auf das Leiden des Hundes vergrößerte ihren Schmerz.

          Ihr Leiden war die Grundlage ihrer Meisterarbeit. Über ein halbes Jahr zeichnete sie Videosequenzen auf, in denen sie taumelte, stürzte, schrie, stöhnte und blutete. 800 Sequenzen bilden das Datenmaterial, aus denen der Computer auf jeden Schlag die passende Reaktion kombiniert. Wie beim Gassigehen mit dem Hund wehrt sich Labelle Imira nicht. Ihre Erfahrung ist, dass Frauen fester, härter, länger und vielfach auch mit Freude zuschlagen. Männer lassen meist sogleich vom Boxsack ab, wenn sie bemerken, dass sie verletzen, empfinden Scham und Schuld, wenn sie erkennen, was geschieht.

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