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Kelkheim : „Wir sitzen hier bei Wein und Bier“

Hofhaltung: Alte Postkarte von dem seit langem beliebten Ausflugslokal Gimbacher Hof bei Kelkheim. Bild: Michael Kretzer

Wohin es die Fischbacher einst nach Wallfahrten zog, dort kehrt heute die gesamte Rhein-Main-Region zum Schoppen ein. Rund um Kelkheim entstand eine ganze Reihe von Ausflugslokalen.

          Dem Fischbacher Pfarrer waren die regelmäßigen geselligen Exzesse nach dem Bußgang nicht ganz geheuer. Zu Tausenden pilgerten insbesondere die Gläubigen aus dem heutigen Stadtteil Fischbach nach der Wallfahrt zur Heiligen Dreifaltigkeitskapelle zum Hof Gimbach. Dort zechten die Fischbacher seit 1731 bei Wein und Bier, und häufig kam es zu Schlägereien. Um solche Auswüchse zu verhindern, wurde die Wallfahrt dann 1830 zwar in die Kirche im Ort verlegt. An der Beliebtheit des Gimbacher Hofs, dem ältesten Ausflugslokal rund um Kelkheim, änderte der geistliche Vorstoß aber nichts Im Gegenteil. Längst fanden sich die Ausflügler aus dem gesamten Rhein-Main-Gebiet zur Sommerfrische ein. Raus aus der Stadt, ab in den Taunus lautet bis zum heutigen Tag die Devise der Großstädter: Auf Postkarten und alten Ansichten stellte Kelkheims Stadtarchivar Dietrich Kleipa am vergangenen Mittwoch unter dem Motto „Wir sitzen hier bei Wein und Bier“ in 120 Bildern, Postkarten und Werbetexten aus der Sammlung Marianne Baumann die heute noch beliebten Ausflugsziele vor.

          Heike Lattka

          Korrespondentin der Rhein-Main-Zeitung für den Main-Taunus-Kreis.

          In einem Radius von fünf Kilometern um die zweitgrößte Stadt des Main-Taunus-Kreises siedelten sich erstaunlich viele solcher Lokale an: 1839 folgt die Rote Mühle auf Altenhainer Gemarkung, deren Name auf eine Mühle am Roten Berg (ursprünglich: gerodeter Berg) zurückgeht. Wer heute in der 1910 eröffneten Waldgaststätte Gundelhard am Rande des Hofheimer Stadtteils Lorsbach seinen Handkäs isst, ahnt vermutlich nicht, dass der Anbau einst eine Schießhalle der Schützen war. Und Alkoholisches wurde dort zunächst auch nicht ausgeschenkt. Erst von 1929 an gab es Bier und Wein. Aus einer Sägemühle entstand 1913 das an der heutigen Bundesstraße zwischen Eppstein und Königstein gelegene Restaurant Fischbachtal. Neben Radfahrern und Wanderern genossen dort die ersten Automobilisten Kaffee und Kuchen, längst serviert man dort Pizza und Nudeln aus der italienischen Küche.

          Terrasse mit Blick auf die Skyline

          In der Regie des indischen Pächters Sarbijt Multani Singh wird seit 2011 das Ausflugslokal „Viehweide“ geführt, weshalb außer Schnitzeln und Grüner Soße auch indische Gerichte auf der Speisekarte stehen. Vor 1926 stand auf den Feldern zwischen Hofheims Norden und Kelkheim- Münster tatsächlich nur ein Schutzbau fürs Vieh. Ein Hofheimer Metzger baute zunächst ein kleines Häuschen mit Schenke, in den fünfziger Jahren boomte dann am Gasthaus das Geschäft. Es gab Ponyreiten für Kinder, Spielplatz und Federball-Court. Den Blick von der großen Terrasse auf die Frankfurter Skyline genießen heute an den Wochenenden Hunderte von Gästen. Die Viehweide diente auch den früheren Bürgermeistern Thomas Horn (Kelkheim) und Rolf Felix (Hofheim) als Treffpunkt einer konspirativen Besprechung: An der Gemarkungsgrenze der beiden Städte heckten die beiden beim Ebbelwei die interkommunale Zusammenarbeit für den Bau der Rhein-Main-Therme aus.

          Mit selbstgebackenem Käsekuchen und Schnitzelfleisch von den eigenen Schweinen lockte seit 1938 der Wirt des „Fröhliche Landmann“ Gäste zum Hof Retters hinaus. Das idyllische Gasthaus mit großer Terrasse diente sogar den Stars des Kinos der fünfziger Jahre als Filmkulisse. Kleipa zeigt Bilder der Schauspieler Carl Raddatz und Nadja Tiller, die dort 1958 Szenen für den Film „Das Mädchen Rosemarie“ nach der Lebensgeschichte der ermordeten Frankfurter Lebedame Rosemarie Nitribitt drehten. Kein Stein dagegen erinnert mehr an das 1987 abgerissene Haus Staufen. Wer das am Fuße des Hohen Mannsteins gelegene Ausflugslokal erlebte, schwärmt heute noch vom Streuselkuchen, den es dort früher gab. Das Waldrestaurant mit Pension, einst als Sommervilla des Frankfurter Bankiers Albert von Reinach 1880 erbaut, wurde 1966 zwar vom Taunusclub übernommen und geführt. Doch so recht florierte auch das Wanderheim mit öffentlicher Bewirtung nicht. Das dringend sanierungsbedürftige Gebäude im Besitz der Stadt Frankfurt gibt es deshalb längst nicht mehr.

          Eine Übernachtung für 3,50 Reichsmark

          Auf Bildern, die Kleipa zeigt, wird es wieder zum Leben erweckt, und viele Postkarten zeugen von dem fröhlichen Treiben in allen Wirtschaften. Oftmals halten die Gäste auf den Ansichten tatsächlich Wein- statt Ebbelweigläser in der Hand. Es habe rund um Kelkheim noch viel Weinanbau gegeben, erläutert Kleipa. Da aber der hiesige Rebensaft oftmals saurer als der Ebbelwei gewesen sei, hätten die Gastwirtschaften schließlich im zwanzigsten Jahrhundert nach und nach aufs Stöffche umgestellt. Wo heute beim Handkäs` mit Musik Selfies gemacht und verschickt werden, schrieben die Gäste aus vergangenen Zeiten bunte Postkarten mit Motiven der Ausflugslokale an Familie und Freunde zu Hause.

          Die Werbemaschinerie für den Taunus, mit denen nicht nur die Großstädter aus Frankfurt und Wiesbaden, sondern ebenso die Kurgäste des nahegelegenen Bad Soden zum Besuch ermuntert werden sollten, lief schon im 19. Jahrhundert auf vollen Touren: Von „ozonreicher Höhenluft bei vorzüglicher Verpflegung“ ist da die Rede. Mit der „reizenden Lage zwischen Hornau und Bad Soden samt romantischer Umgebung“ warb die Rote Mühle, die 1938 werktags laut Kleipa eine Übernachtung für 3,50 Reichsmark anbot. Am Wochenende stieg der Preis wegen der großen Nachfrage auf 4,40 Mark.Der Gimbacher Hof wartet mit der ältesten Postkarte Kelkheims von 1896 auf: „Die rührige, romantische, waldreiche Lage abseits des Verkehrs“ preist das Lokal an. Die seit 1910 unverändert in Familienbesitz geführte Gaststätte hat es auch dem Kelkheimer Stadtarchivar angetan: Kleipa schätzt den Gimbacher Hof nicht nur wegen der noch erhaltenen Gaststube aus dem 18. Jahrhundert und der wieder ausgegrabenen Fundamente der alten Wallfahrtskapelle im Obstgarten.

          Internet: www.fischbachtal.de; www.hof-gimbach.de; www.zum-froehlichen-landmann.de; www.landgasthof-rote-muehle.de; www.waldgasthof-gundelhard.com; www.viehweide.de,

          Quelle: F.A.Z.

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