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Karl Kardinal Lehmann : „So denke ich ja manchmal beinahe selbst“

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Ganz entspannt im Hier und Jetzt: Karl Kardinal Lehmann im Bischofshaus nahe dem Mainzer Dom. Man merkt ihm den Theologieprofessor noch an, aber er verbindet Intellektualität mit Freundlichkeit und Nähe. Bild: Eilmes, Wolfgang

Der Bischof von Mainz, Kardinal Lehmann, tritt 2016 in den Ruhestand. Im Interview spricht er über die Ökumene, das Zweite Vatikanische Konzil und die Lehren aus dem Fall Tebartz-van Elst.

          Herr Kardinal, denken Sie eigentlich noch oft an das Konzil zurück?

          Natürlich, jeden Tag. Man hat mit den Texten doch sehr häufig zu tun und wird von ihnen oft inspiriert. Gerade heute habe ich zwei, drei Mal in Konzilstexte geschaut.

          Sie waren beim Konzil Assistent des bedeutenden Theologen Karl Rahner.

          Ja, aber das war eine dienende Funktion für ihn, beim Konzil selbst habe ich keine Rolle gespielt. Ich war auch nur ein einziges Mal in der Aula, als Kardinal Döpfner mich mal mitgenommen hatte.

          Betrachten Sie mit dem Abstand von fünfzig Jahren das Konzil als großen Gewinn für die Kirche?

          Auf jeden Fall. Allerdings hätte es getrost früher beginnen können. Aber während des Krieges und bald danach war es ja auch nicht möglich.

          Erinnern Sie sich an die damalige Stimmung?

          Die größte Begeisterung herrschte eigentlich in der Phase vor dem Konzil. Die Zeit von der Ankündigung durch Johannes XXIII. im Januar 1958 bis zur eigentlichen Zusammenkunft – das waren knapp drei Jahre – war für uns junge Leute ungeheuer spannend. Wir haben alle bedeutenden Bischöfe und Theologen, die zur Vorbereitung nach Rom kamen, im Germanicum erlebt. Ob das die späteren Kardinäle Yves Congar und Henri de Lubac waren, Karl Rahner oder der belgische Theologe Edward Schillebeeckx – denen haben wir mit großer spiritueller und auch intellektueller Freude zugehört. Dieser unmittelbare Eindruck war beinahe stärker als die etwas routinehaften Sitzungen des Konzils.

          Wie würden Sie Rahner beschreiben?

          Er war durch seine sehr fromme Familie geprägt. Insofern war er bei aller Reflexionskraft und auch bei aller Kritik, die er manchmal an der Kirche geäußert hat, tief im Glauben verwurzelt. Er hatte einen unglaublich klaren Intellekt und ein tiefes philosophisches und theologisches Wissen. Es gab keine Frage, auf die er keine Antwort wusste – er hatte bei den Jesuiten ja eine ausgezeichnete Ausbildung erhalten. Als beim Lexikon für Theologie und Kirche in der vorletzten Auflage noch einige Beiträge fehlten, hat er als Herausgeber die Artikel in die Schreibmaschine diktiert, ohne dass er vorher noch etwas zu dem Thema lesen musste. Was man ihm vielleicht gar nicht zugetraut hat: Er konnte von tiefer Menschlichkeit sein, wenn er jemanden leiden sah.

          Sind Sie ihm nahegekommen?

          Ich sah mich in der Rolle des Assistenten und wollte mir keine falsche Nähe erschleichen. Ich hatte Respekt vor seiner persönlichen Welt mit seinen eigenen Beziehungen. In der gemeinsamen Arbeit gab es keine Grenzen.

          Sie sind immer beim „Sie“ geblieben?

          Nein, nachdem ich nicht mehr sein Assistent war, bot er mir das „Du“ an.

          Wie ist da überhaupt bei Priestern – duzt man sich automatisch?

          Nein. Schneller duzen sich Bischöfe und Kardinäle untereinander. Aber auch da will man natürlich zunächst einmal genauer wissen, wen man vor sich hat.

          Sie haben einen anderen Großen der Geisteswelt kennengelernt, nämlich Martin Heidegger, über den Sie ja auch promoviert wurden.

          Ich bin Heidegger zweimal begegnet. Das erste Mal war es im Sommer 1959, wir sind den berühmten Feldweg gewandert. Hier in seiner Heimat Meßkirch war er lockerer als sonst. Mir war wichtig, ihn direkt zu erleben, ihn sprechen zu hören, seine Gesten zu sehen. Und er als Philosoph hat mich ermuntert, mich zum Beispiel mit der Tübinger Theologie des 19. Jahrhunderts zu beschäftigen.

          Man hat Sie ja in den vielen Jahren als Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz sehr stark überregional wahrgenommen, Sie waren und sind aber natürlich auch Ortsbischof.

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