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Im Gespräch: Michael Korwisi und Peter Vollrath-Kühne : „Es geht um den Erhalt unserer Innenstädte“

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Vorbild Weiterstadt: Das bayerische Familienunternehmen Segmüller will in Bad Vilbel einen großen Möbelmarkt errichten. Doch aus Bad Homburg kommt deswegen Protest von Oberbürgermeister Michael Korwisi (rechts) und Stadtrat Peter Vollrath-Kühne. Bild: Dieter Rüchel

Segmüller will in einem Bad Vilbeler Gewerbegebiet ein Möbelhaus errichten. Gegen die Ansiedlung gibt es Proteste – vor allem aus Bad Homburg.

          Was haben Sie gegen einen neuen Segmüller in Bad Vilbel?

          Korwisi: Es ist die schiere Größe dieses Marktes, die für uns äußerst problematisch ist, und es ist die Tatsache, dass man offensichtlich in der Region bereit ist, weil es sich um einen der Großen in der Möbelbranche handelt, die Vorgaben, die man sich selbst gegeben und beschlossen hat, einfach außer Kraft zu setzen.

          Wenn man hört, Bad Homburg lehnt es ab, dass sich in der Nachbarkommune ein großer Gewerbesteuerzahler niederlässt, denkt man sofort: Bad Homburg gönnt Bad Vilbel nicht den Erfolg, ein großes Gewerbegrundstück an ein erfolgreiches Unternehmen verkauft zu haben.

          Korwisi: Es geht nicht um Neid, es geht um die Einhaltung der Spielregeln. Wir haben uns in der Vergangenheit – und viele unserer Nachbarn wie Friedrichsdorf, Friedberg und Oberursel auch – an das regionale Einzelhandelskonzept gehalten, während man im Falle Bad Vilbels bei erster Gelegenheit alle Grundsätze in den Wind schreiben will. Regionalplanung muss verlässlich und berechenbar bleiben.

          Wie müsste ein Möbelmarkt aussehen, den Sie akzeptieren?

          Korwisi: Das Problem ist, dass diese Möbelmärkte heute keine Möbelmärkte mehr sind, sondern kleine Einkaufszentren. Dort gibt es ein ganz reichhaltiges Angebot von Babyartikeln über Blumen, Heimtextilien bis zu Haushaltswaren, und die gehören in die Innenstadt und nicht auf die grüne Wiese. Das sind alles Waren, die in unseren für jeden leicht erreichbaren Innenstädten angeboten werden müssen. Natürlich wird der mobile Teil der Bevölkerung dort auch hinfahren. Unsere Innenstadt und die unserer Nachbarn und damit das wohnortnahe Angebot werden infolge eines solchen Marktes geschwächt.

          Wie wäre Bad Homburg betroffen?

          Korwisi: Wir haben einen sehr starken Einzelhandel. Ganz konkret wäre sicherlich noch eher ein großes Haushaltswarengeschäft in Oberursel betroffen. Doch um die Größenordnung deutlich zu machen: Der geplante Segmüller-Markt ist mit geplanten 45.000 Quadratmeter Verkaufsfläche fast so groß wie der gesamte Einzelhandel in der Bad Homburger Innenstadt. Und ein Drittel davon hat ein Sortiment, wie es Segmüller ebenfalls anbieten will.

          Wenn Segmüller tatsächlich nur Möbel verkaufen würde, könnten Sie dann der Ansiedlung zustimmen?

          Vollrath-Kühne: Es gibt kein Möbelhaus in dieser Größenordnung, das nur Möbel verkauft. Das Geschäftskonzept dieser Häuser lautet: Wir sind ein Einkaufszentrum, und wir haben auch Möbel. Ich habe mir die Anzeigen von Segmüller in unserer Lokalpresse in den vergangenen Tagen angesehen, da finden Sie keine Möbel. Da werden Kochtöpfe angepriesen, Longdrink-Becher, Energiesparlampen, Deckenleuchten, Biber-Bettwäsche, Jersey-Spannbetttücher, flauschige „Shaggys“, was immer das sein mag, und es wird gegrilltes Schweinefilet mit Pfefferrahmsauce angeboten. Das Möbelhaus selbst tritt gar nicht in Erscheinung.

          Es geht also gar nicht um Möbel?

          Vollrath-Kühne: Es geht auch um Möbel. Doch das sogenannte Randsortiment ist vom Umsatz her, um die Frequenz zu bekommen, sehr, sehr wichtig. Bis hin zum günstigen Essen. Was ich jedem gönne. Wir müssen nur abwägen: Wollen wir hier vitale Innenstädte, die auch leben können, oder wollen wir nur noch das künstliche Einkaufserlebnis draußen auf der grünen Wiese? Unsere Aufgabe als Kommune ist, im Rahmen der Daseinsvorsorge auch weiterhin eine komplette Infrastruktur anbieten zu können.

          Bad Vilbel hat jetzt einen Kompromiss-vorschlag unterbreitet: Danach würde Segmüller das umstrittene Randsortiment um rund 2000 auf 4000 Quadratmeter verringern. Ist dies ein Angebot?

          Vollrath-Kühne: Wir wollen nicht feilschen. Die Spielregeln des Einzelhandelskonzepts geben 800 Quadratmeter für das Randsortiment vor. Das Bad Vilbeler „Angebot“ an die politischen Entscheider ist dann fünfmal so hoch. Unabhängig davon, dass das natürlich so oder so im Nachhinein sehr schwer zu kontrollieren ist. Aber immerhin, es ist der Faktor fünf, um den dieses Angebot von den gemeinsam verabredeten und verabschiedeten Regeln abweicht.

          Ihre Bad Vilbeler FDP-Parteikollegen sind für die Segmüller-Ansiedlung und werfen allen Gegnern Verhinderungsplanung vor, da im Grunde kein Möbelmarkt mehr ohne ein großes Randsortiment konkurrenzfähig sei. Hat man vielleicht bei der Verabschiedung des Einzelhandelskonzepts sich die Wirklichkeit nicht genug angeschaut?

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