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Heuchelheimer Manufaktur : Der letzte hessische Zigarrenfabrikant

Selbst bei der maschinellen Zigarrenmanufaktur bei Don Stefano werden noch Hände für die Feinarbeit benötigt Bild: Kai Nedden

Einst beschäftigten Zigarrenfabriken im Raum Hanau und in Mittelhessen viele tausend Menschen. Steffen Rinn pflegt als einziger Fabrikant diese Tradition weiter. Der Tabakanbau ist mittlerweile ganz aus Hessen verschwunden.

          Steffen Rinn lässt braune duftende Blätter von geübten Händen zu fingerdicken Torpedos drehen oder etwas schlankeren Churchills. Auch Coronas stellt seine Manufaktur her und Zigarillos sowieso. Damit steht der Unternehmer aus Heuchelheim in der Nähe von Gießen für die große Tradition der hessischen Tabakfabrikanten. War Hanau doch vom 17. Jahrhundert an bis in die zwanziger Jahre hinein ein Zentrum des deutschen Tabakanbaus und Gießen mit seinem Umland eine Hochburg der Produktion von Zigarren. Rinn & Cloos in Heuchelheim galt vor dem Zweiten Weltkrieg mit gut 5000 Mitarbeitern sowie Fabriken in zahlreichen Gießener Umlandgemeinden als einer der größten Tabakwarenhersteller in Deutschland. Doch ist die große Zeit dieser Branche längst Geschichte.

          Thorsten Winter

          Wirtschaftsredakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Steffen Rinn erlebt seit Jahren schon den Weltnichtrauchertag am 31. Mai als einziger Zigarrenfabrikant in Hessen; Rinn & Cloos gab 1991 auf, Haas & Derst aus Lampertheim wenige Jahre später. Und der Rohstoff wird hier nicht mehr angebaut: Heinz Karb aus Lampertheim hielt als Hessens letzter Tabakbauer bis 2004 durch und verkaufte dann seine Anlagen. Die landwirtschaftliche Produktion dieses Genussmittels beläuft sich seitdem zwischen Kassel und dem Odenwald offiziell auf Null. Zuvor hatte Karb auf rund 40 Hektar jährlich 40 bis 45 Tonnen Tabak geerntet, wie er sich erinnert. Seine gesamte Ernte ging an die Roth-Händle-Fabrik in Lahr, die selbst nur drei Jahre länger produzierte als Karb und 2007 geschlossen wurde.

          Einst ein Hauptprodukt für den Bauern

          Der Lampertheimer verabschiedete sich Schritt für Schritt von seiner Rolle als Zulieferer der Zigarettenindustrie. War Tabak nach dem Zweiten Weltkrieg noch das zweite Hauptprodukt seines Hofs neben Spargel gewesen, so kamen im Laufe der Zeit auch Erdbeeren und Zucchini hinzu, die Bedeutung des Tabaks nahm ab. Als dann die Europäische Union die je Hektar gezahlten Subventionen zurückfuhr, wurde der Anbau unwirtschaftlich, wie der Landwirt sagt. Heute setzt er lieber auf die erweiterte Hofgastronomie und die Hausschlachtung.

          Auf den Feldern von Heinz Karb in Lampertheim wurde letztmals 2004 Tabak geerntet - seitdem wird diese Pflanze in Hessen nicht mehr landwirtschaftlich genutzt

          Das Auslaufen der Subventionen, die 2009 letztmals flossen, sieht Rinn nur mit einem weinenden Auge. So spricht er von einem „Drama, weil wir ein Kulturgut in Hessen verlieren, das uns die Hugenotten einst gebracht haben“. Er selbst hat sich als Spross der Rinn & Cloos-Dynastie mit seinem 1993 gegründeten Unternehmen eine auf dem Zigarrenmarkt geschaffen – und sieht das Ende der Hilfszahlungen aus Brüssel als Verpflichtung für ihn als Unternehmer, die verbliebenen Tabakpflanzer in Deutschland nicht im Stich zu lassen.

          Neues Produkt „made in Germany“

          Obwohl sich seine Manufaktur, die Don Stefano GmbH, vor allem Rohstoffe aus Übersee verarbeitet, bringt sie zur Jahresmitte ein Zigarillo auf den Markt, das in Gänze „made in Germany“ ist. Die Tabake bezieht Rinn aus der Pfalz und aus dem badischen Oberland, wie er vorab verrät.

          Dieses Zigarillo gesellt sich zu Hunderten von Produkten von Don Stefano. Das Unternehmen stellt derzeit mit 20 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, die zum Teil zu Hause arbeiten, 25 Formate wie Torpedo und Churchill her. Die werden wiederum aus mannigfaltigen Mischungen aus Deck- und Umblatt sowie Füllung hergestellt. Die Tabake kommen aus Brasilien, Indonesien und Kuba. Rinn vertreibt außer seiner Kernmarke Don Stefano auch „Private Label“-Produkte, das sind Zigarren und Zigarillos, die Kunden unter eigenem Namen verkaufen, das KaDeWe in Berlin etwa, der Münchener Kaffeeröster Dallmayr und Mala Zigarren an der Leipziger Straße in Frankfurt-Bockenheim. Zum Dritten vertreibt Rinn auch Importprodukte aus der Dominikanischen Republik, Honduras und Nicaragua.

          Kokosnuss-Rum und Zigarren-Brandy

          Mit diesen Produkten bewegt er sich in einem stagnierenden Markt. Die vom Bundesverband der Zigarrenindustrie erhobenen Absatzzahlen sprechen für sich: Verkaufte die deutsche Zigarrenbranche 2001 noch 950 Millionen Zigarren und Zigarillos, so ging der Konsum bis 2005 leicht auf rund 939 Millionen Stück zurück. Von 2006 auf 2007 aber reduzierte sich der Absatz um 43 Millionen Stück. Dieser Knick kam nicht von Ungefähr: Seit Anfang 2007 ist Werbung für Tabakerzeugnisse in Zeitungen, Zeitschriften sowie im Internet untersagt. In den vergangenen beiden Jahren stabilisierte sich der Verkauf bei etwa 857 Millionen Stück.

          Außer dem Werbeverbot macht Rinn auch das weitgehende Rauchverbot in der Gastronomie zu schaffen. „Der typische Zigarrenraucher geht zum Rauchen nicht vor die Tür – wenn er seine Zigarren nicht nach dem Essen im Restaurant genießen kann, verzichtet er ganz“, erläutert Rinn das Konsumentenverhalten. Zigarren im Auto oder in den eigenen vier Wänden zu rauchen, komme für viele nicht in Frage. 2009 habe die allgemeine Wirtschaftskrise ebenso den Umsatz belastet. So habe er mit Tabakwaren fünf Prozent weniger erlöst als im Vorjahr. Gleichwohl konnte Rinn die nicht näher bezifferten Umsätze nach seinen Worten stabil halten – weil Don Stefano einen Kokosnuss-Rum und einen Zigarren-Brandy sowie Liköre aus einer kleinen westfälischen Brennerei ins Programm genommen hat.

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