http://www.faz.net/-gzg-12ix1

DGB-Maifeier mit Norbert Blüm : Bekenntnis zu Opel und Rüsselsheim

Einmal Opelaner - immer Opelaner: Norbert Blüm, früherer Bundesarbeitsminister, bei der DGB-Maikundgebung in Rüsselsheim Bild: Cornelia Sick

Ein paar hundert Frauen und Männer sitzen bei Bionade und Kaffee in der Sonne. Viele plaudern mit dem Tischnachbarn, manche kauen Waffeln. Die DGB-Maikundgebung in Rüsselsheim ginge glatt als Frühschoppen durch. Bis Opel-Betriebsrat Klaus Franz „Wirtschafts-Imperialismus“ bei GM geißelt und Norbert Blüm „alte Werte“ beschwört.

          Ein paar hundert Frauen und Männer sitzen bei Bionade und Kaffee auf Holzbänken in der Sonne. Sie plaudern mit dem Tischnachbarn, kauen Bratwurst oder Gratiswaffeln vom CDU-Stand am Rande des nur wenig gefüllten Platzes zwischen dem Bahnhof und dem Hauptportal von Opel in Rüsselsheim. In dem Stimmengewirr geht die Folk-Musik, die eine Vier-Mann-Combo spielt, fast unter. Vereinzelte Gewerkschaftsfahnen hängen im lauen Lüftchen schlapp an der Stange. Zumal die Fahnenträger auch keinen Wind machen. Natürlich sorgen sich die Rüsselsheimer um die Zukunft von Opel – aber an diesem Freitag spürt man eher wenig davon. Die DGB-Maikundgebung ginge auch glatt als Frühschoppen durch – anders als in Frankfurt, wo Tamilen die Maifeier für Protest nutzen.

          Thorsten Winter

          Wirtschaftsredakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Dann aber verstummt die Musik. Ein Gewerkschafter spricht vom knallroten Opel Blitz herunter von Krise und Angst um die Stellen beim Autobauer. „Wir sind Opel, und Rüsselsheim ist unsere Stadt“, ruft er den „lieben Kolleginnen und Kollegen“ zu, während so mancher weiter mit dem Nachbarn plauscht. Er erinnert an die 95.000 Unterschriften, die für den Erhalt von Opel gesammelt worden sind.

          „Vergleichbar mit dem Zentralkomitee der KPdSU“

          Dieses Bekenntnis zu der Marke mit dem Blitz greift auch Rüsselsheim Oberbürgermeister Stefan Gieltowski (SPD) auf. Er spricht davon, „dass Opel ein Teil der Industriegeschichte in unserem Land ist“ – und Teil einer Schlüsselindustrie. „Opel und die weitere Stadtentwicklung gehören zusammen“, sagt er vor der grünlich schimmernde Statue des Werkgründers Adam Opel. Freundlicher Applaus verabschiedet den Sozialdemokraten vom Podium, das nun Klaus Franz erklimmt. Der Vorsitzende des Opel-Gesamtbetriebsrat nimmt sich das Management des amerikanischen Mutterkonzerns General Motors vor: In Detroit habe sich ein Denken durchgesetzt, das nicht mehr Autos, sondern nur noch die nächsten Quartalszahlen im Blick habe.

          Franz geißelt den unternehmerischen Zentralismus – „vergleichbar mit dem Zentralkomitee der KPdSU“. Er spricht von „Wirtschafts-Imperialismus“ im Konzern und schimpft auf „marktradikale Politiker“, die viel Unsinn über Opel erzählt hätten und noch erzählten. Und er erhitzt sich über Stimmen, die gegen eine staatliche Bürgschaft für den Autobauer sind: Bundes-Landwirtschaftsministerin Ilse Aigner (CSU) verspreche Bürgschaften für jede Kuh in Bayern – und da solle Opel leer ausgehen?

          „Alte Werte“ Arbeit und Solidarität

          Franz trifft den Nerv der Zuhöherer, der viele Beifall zeigt es. Der nächste Mann am Mikrofon, angekündigt als „Rüsselsheimer, Opelaner, Anti-Faschist“, beherrscht die Gewerkschaftsrhetorik ebenso. Doch bevor Norbert Blüm (CDU) politisch wird, hat er die Lacher auf seiner Seite: „Ich stehe hier auf einem Opel Blitz, der ist vier Jahre jünger als ich.“ Doch schimpft der einstige Bundesarbeitsminister mit schweißnasser Stirn kurz darauf über unfähige Automanager in Detroit: Wer den Karren gegen die Wand gefahren habe, könne sich nicht als Steuermann für die Zukunft präsentieren, ruft er aus.

          Blüm hebt und senkt die Stimme, beschleunigt und bremst den Redefluss, das schafft Aufmerksamkeit. Er lobt Franz und die Idee, Arbeiter zu Opel-Miteigentümern zu machen und „Kapital und Arbeit zu versöhnen“. Er macht Mut, indem er das neue Modell Insignia als Europameister der Autos preist. Er beschwört die „alten Werte“ Arbeit und Solidarität. Und bevor er geht, bringt er die Zuhöher nochmal zum Lachen: „Wenn in 25 Jahren der neue Opel gefeiert wird, komme ich wieder“, flachst er. Und meint zu Franz: „Klaus, Du und ich, wir werden dann ein bisschen zittern. Aber wir werden es schaffen.“

          Weitere Themen

          „Als würde ich stinken“

          AfD-Kandidat Heidkamp : „Als würde ich stinken“

          Erich Heidkamp will für die AfD in den hessischen Landtag. Der frühere Hoechst-Manager ist seit Luckes Zeiten dabei und passt nicht ins Bild der AfD-Gegner. Etwa, weil er mit Parteiführer Gauland hadert.

          Kein Material ist böse Video-Seite öffnen

          Koziol : Kein Material ist böse

          Die Firma Koziol schreibt sich auf die Fahne nur Produkte aus Kunsstoff zu produzieren, für die kein anderer Stoff besser geeignet ist. Geschäftsführer Stephan Koziol wünscht sich eine differenziertere Diskussion.

          Topmeldungen

          Nach Maaßen-Beförderung : „Das ist doch irre“

          Hans-Georg Maaßens Beförderung vom Verfassungsschutzpräsidenten zum Staatssekretär empört in der SPD nicht nur Sigmar Gabriel. Unter den Genossen formiert sich immer mehr Widerstand – aber auch bei anderen Parteien.

          Rededuell vor der Landtagswahl : Der nette Herr Söder

          Die SPD steckt im Umfragetief und darf deshalb nicht zum Fernsehduell mit dem bayerischen Ministerpräsidenten. In Nürnberg trifft SPD-Spitzenkandidatin Kohnen doch noch auf Söder – und steht vor einer besonderen Herausforderung.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.